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Projekt

Die Erzählwerkstatt sammelt und schreibt Lebensgeschichten von Menschen, die aus anderen Ländern zu uns in die Region Heilbronn gekommen sind. Auch die Geschichten ihrer Kinder oder Enkel, die mit beiden Kulturen aufgewachsen sind, sind willkommen. Gegründet wurde die Erzählwerkstatt von Christel Banghard-Jöst und Lilo Klug, seit 2017 wird sie betreut von Angelika Hart und Frank Lutz, die als ehrenamtliche Redakteure die Erzähler begleiten.

Wir möchten Sie ermutigen, Ihre Geschichte oder wichtige Episoden aus Ihrem Leben aufzuschreiben oder uns zu erzählen. Wir finden, Ihre Lebensläufe sind zu wertvoll, zu interessant um einfach vergessen zu werden, denn sie gehören zu unserer gemeinsamen Geschichte. Wir laden Mitbürger ein, die in Heilbronn oder Umgebung ihren Lebensmittelpunkt und vielleicht auch eine Heimat gefunden haben, uns von ihren Träumen, ihren Zielen aber auch von ihrer Lebensrealität hier in Deutschland zu erzählen.

Die Erzähler haben die Möglichkeit ihre Geschichte selbst nieder zu schreiben oder sie unseren ehrenamtlich arbeitenden Redakteuren zu erzählen, die das Schreiben dann übernehmen. Die Erzähler können außerdem ihre Geschichte in das Archiv dieser Webseite stellen und damit vielen Menschen zugänglich machen.

Viele der aufgeschriebenen Geschichten werden bei Leseveranstaltungen in Zusammenarbeit mit der Bildungsreferentin Ingrid Wegerhoff und der keb ( Katholische Erwachsenenbildung Stadt- und Landkreis Heilbronn e.V. ) im Rahmen eines Erzählcafé präsentiert.

siehe auch: meine.stimme.de "Erzählwerkstatt"


Dieses Projekt wird unterstützt von Elisabeth Böhme.


Weitere Geschichten aus der Erzählwerkstatt finden Sie auch hier (☛ diaphania)














Erzähler















Imran Amin

Neuanfang im fremden Land

Imran Amin, geboren 1978 in Pakistan

Das Leben kann brutal sein. Manchmal bringt es einen völlig unschuldig in eine schlimme Situation. Dann ist man gezwungen, alles hinter sich zu lassen, was einem lieb und teuer ist – Heimat, Familie, Freunde, Arbeitsstelle – und muss am anderen Ende der Welt noch einmal ganz von vorne anfangen. Genauso ist es mir ergangen. Doch so ist das Leben nun einmal: Man muss alles so nehmen, wie es kommt. Ich versuche, immer mein Bestes zu geben und ehrlich und respektvoll mit meinen Mitmenschen umzugehen, alles andere überlasse ich meinem Gott. Ich weiß, dass er immer für mich da ist. Es gab harte Zeiten, aber ich habe die Hoffnung niemals aufgegeben. Ich bin gestärkt aus allen Prüfungen hervorgegangen und habe viel daraus gelernt. Und ich weiß, dass ich das alles niemals geschafft hätte, wenn ich nicht auf Gott vertraut hätte.


Die schönste Stadt

Mein Name ist Imran Amin und ich stamme aus Pakistan. Genauer gesagt aus Lahore, nur eine halbe Fahrtstunde von der indischen Grenze entfernt. Lahore ist für mich die schönste Stadt in meinem Land. Na ja, vielleicht bin ich nicht ganz unparteiisch, aber auch andere Leute schwärmen von Lahore: Viele Zugezogene bezeichnen die Stadt als ihre Heimat, auch wenn sie erst seit drei oder vier Jahren dort leben.

Was so besonders an Lahore ist? Vielleicht sind es die leckeren Speisen, für welche die Stadt in ganz Pakistan berühmt ist. Vor allem aber sind es die freundlichen, hilfsbereiten Menschen. Sie sind spontan und kontaktfreudig. Und sehr großzügig: Sie laden einen sofort zum Essen oder Teetrinken ein, auch wenn sie einen gerade erst kennengelernt haben. Ich wollte niemals woanders leben, weil ich meine Stadt liebe. Doch das Schicksal wollte es anders.

Aufgewachsen bin ich im Stadtzentrum. Mein Vater betrieb in unserem Haus ein Lederwarengeschäft, meine Mutter war Hausfrau. Ich habe zwei Schwestern und einen Bruder und bin das Nesthäkchen der Familie. In unserer Nachbarschaft gibt es viele Teestuben. Dort sitzen die Männer stundenlang zusammen, trinken Tee und diskutieren über Sport oder Politik. Die Frauen bleiben zu Hause oder gehen einkaufen. Oft unterhalten sie sich auch miteinander von Balkon zu Balkon und trinken dabei Cola, Kaffee oder Tee. Ansonsten gehen sie höchstens einmal in den Park oder ins Restaurant – so ist das in unserer Kultur. Den Frauen macht das nichts aus, dass sie die meiste Zeit zu Hause bleiben, sie kennen es ja nicht anders. Dass die deutschen Frauen oft einen ganz anderen Lebensstil haben, als ich es von zu Hause gewohnt bin, macht mir nichts aus. Egal, an welchem Ort der Welt man lebt – man muss sich Mühe geben, die Kultur und die Gesellschaft um sich herum kennenzulernen und sie zu verstehen.


Das Cricket-Virus

Ein Virus, das früher oder später jeden Pakistaner trifft, hat mich schon in meiner Kindheit befallen: das „Cricket-Virus“: Ich liebe den pakistanischen Nationalsport, den die britischen Kolonialherren einst in unser Land gebracht haben. Mit sechs Jahren fing ich selbst an, mit anderen Jungen aus der Nachbarschaft zu spielen. Wir spielten überall: auf der Straße oder in Parks, oft sechs bis sieben Stunden am Tag. Im Ramadan fingen wir oft erst abends an, nachdem wir unser Fasten gebrochen hatten. Dann wurde es schon mal 2 Uhr morgens, bis wir genug hatten. Als Kind war es mein Traum, Profisportler zu werden. Erst viel später erkannte ich, dass das nicht möglich war, weil ich sehr viel Geld gebraucht hätte, um mir die teure Ausrüstung zuzulegen und einem Verein beizutreten. Als ich dann im Berufsleben stand, blieb mir leider immer weniger Zeit für Cricket, und seit acht oder neun Jahren spiele ich gar nicht mehr. Aber ich verfolge die Spiele unserer Nationalmannschaft immer noch über das Internet mit.

Ich verbinde so viele Erinnerungen mit Cricket: Zum Beispiel an meine Abschlussprüfung, die ich 1992 am Ende des achten Schuljahrs ablegen musste. Just an diesem Tag traf Pakistan im Halbfinale der Cricket-WM auf Neuseeland. Natürlich waren meine Gedanken nicht bei der Prüfung, sondern bei unserem Nationalteam. Wie glücklich war ich, als Pakistan gewann, ins Finale einzog und dort auch noch über England triumphierte. Wir waren Weltmeister! Was war das nur für ein Fest in den Straßen! Überall in den Teestuben liefen die Fernseher und übertrugen das Spiel. Groß war die Freude auch immer, wenn wir unseren Rivalen Indien besiegten. Dann durfte man in manchen Cafés gratis essen. Wenn unser Team aber verlor, dann fluchten die Leute noch tagelang über unsere Spieler. Wir Pakistaner sind halt verrückt – Cricket-verrückt.


Harter Schulalltag

Cricket war für mich immer eine willkommene Abwechslung zum Schulalltag, denn der war oft sehr hart. Jeden Morgen stand ich um 7 Uhr auf und hatte von 8 bis 13 Uhr Unterricht. Von 13 bis 15 Uhr hatten wir Pause, und dann ging es weiter zur Hausaufgabenbetreuung in einer anderen Schule bis 19 oder 20 Uhr. Nur freitags hatten wir frei. Dann gingen wir zum Freitagsgebet in die Moschee, was immer etwas Besonderes für uns war.

An der Schule ging es sehr streng zu: Wir bekamen immer sehr viele Hausaufgaben und durften niemals zu spät kommen, sonst setzte es harte Strafen: Wir bekamen Schläge, wurden für zehn Minuten vor die Tür geschickt oder mussten 10 bis 20 Minuten in gebückter Haltung vor der Klasse stehen. Und wer seine Hausaufgaben nicht gemacht hatte, kam erst gar nicht zum Unterricht – aus Angst, bestraft zu werden.

Trotzdem wagte ich es, manchmal die Schule zu schwänzen – natürlich um Cricket zu spielen. Einmal haben mich meine Eltern erwischt und ich bekam gleich zweimal Schläge: erst zu Hause und dann noch einmal von meinem Lehrer. Vor der gesamten Schülerschaft hat er mich verdroschen – danach war ich eine kleine Berühmtheit. Doch ich konnte es einfach nicht lassen, und beim nächsten Mal war ich schlauer: Ich wartete die Anwesenheitskontrolle ab, ging dann zur Toilette, kam aber nicht mehr zurück. In der Zwischenzeit nahmen meine Freunde meine Schultasche unauffällig vom Tisch und legten sie auf den Boden. Diesmal wurde ich nicht erwischt. Viele meiner Freunde folgten danach meinem Beispiel. Ich habe halt schon immer gerne Unsinn gemacht. Mein Humor hat mich später oft davor bewahrt, am Leben zu verzweifeln.


Hinter heiligen Gemäuern

Neben meiner Familie, der Schule und meinem geliebten Sport gab es noch etwas, das meine Kindheit und Jugend in Pakistan geprägt hat: meine Religion. Seitdem ich zwölf oder 13 Jahre alt war, bestanden meine Eltern darauf, dass ich fünfmal am Tag zum Beten in die Moschee ging. Dafür war sogar eine kurze Abwesenheit vom Unterricht erlaubt.

Ich nahm meine religiösen Pflichten sehr ernst. Als ich 18 Jahre alt war, zog ich mich während des Fastenmonats für zehn Tage komplett vor der Außenwelt in die Moschee zurück, was viele Männer in meinem Land tun. In der vollkommenen Abgeschiedenheit des heiligen Gemäuers kam ich innerlich zur Ruhe. Den ganzen Tag beteten wir gemeinsam, lasen im Koran und in theologischen Büchern. Morgens und abends brachten die Eltern mir etwas zu essen. Ich habe das später noch einige Male wiederholt, und jedes Mal war es eine wunderbare Erfahrung für mich. Ich habe sogar gemerkt, dass danach viele meiner Wünsche in Erfüllung gingen. Ich glaube fest daran, dass Gott mir hilft, meine Probleme zu lösen, wenn ich dafür bete.


Ein Wink des Schicksals

Alles in allem hatte ich eine unbeschwerte Kindheit – bis zu dem Tag, an dem meine Mutter krank wurde. Ein Krebsgeschwür hatte ihre Brust befallen, und die Ärzte gaben ihr nicht mehr viele Überlebenschancen. Ich erinnere mich noch genau, wie sie mich damals auf dem Balkon ganz fest in ihre Arme nahm. Sie sorgte sich, wer für mich da wäre, wenn sie nicht mehr leben würde. Schließlich war ich ja der Jüngste in der Familie. Vielleicht hat ihr die Sorge um mich neue Kraft gegeben. Jedenfalls geschah ein Wunder: Meine Mutter wurde wieder gesund, nachdem die Ärzte ihr die Brust amputiert hatten. 25 Jahre sollte sie noch leben.

Für mich aber war ihre Krankheit ein einschneidendes Erlebnis: Ich habe damals gemerkt, dass es in unserem Land oft schwierig ist, Medikamente zu bekommen und dass die Apotheker oft keine Ahnung haben. Vielleicht ist damals schon mein Entschluss gefallen, dass ich Apotheker werden wollte. Ich wollte anderen Menschen helfen.

Und so führte mich mein Weg nach dem Abitur an die Universität meiner Heimatstadt, wo ich Pharmazie studierte. Danach arbeitete ich sechs Jahre lang als Apotheker, die letzten drei Jahre übernahm ich sogar die Geschäftsleitung. Ich liebte es, die Kunden zu beraten. Ich bemühte mich, ärmeren Menschen günstige Medikamente zu beschaffen. Ich war für mein großes Wissen geschätzt und bekam den Ruf, ein wandelndes Pharmazie-Lexikon zu sein. Ich hatte alles, was ich zum Leben brauchte, und war ein glücklicher Mensch.


Knapp dem Tod entronnen

Eines Tages trat der Terror in mein Leben und nichts sollte mehr so sein, wie es war. Das Leben kann brutal sein. Es bringt einen völlig unschuldig in eine schlimme Situation. Dann ist man gezwungen, alles hinter sich zu lassen, was einem lieb und teuer ist und muss am anderen Ende der Welt noch einmal ganz von vorne anfangen.

Es war irgendwann zwischen 2006 und 2008, da änderte sich die Lage in meinem Land. Vorher hatten wir niemals Angst gehabt, das Haus zu verlassen, doch plötzlich gab es immer mehr furchtbare Bombenanschläge und sogar Selbstmordattentate an stark belebten öffentlichen Plätzen. Auf einmal mussten wir befürchten, nicht mehr lebend zurückzukehren, wenn wir aus dem Haus gingen. Wir begannen, die Orte zu meiden, an denen viel los war. Es hätte mir also jederzeit etwas passieren können, und doch rechnete ich nicht damit. Der Terror war präsent um mich herum und doch gehörte er nicht zu meinem Leben – bis zu jenem schicksalshaften Tag im Jahr 2012.

Eigentlich sollte es ein fröhlicher Ausflug mit meinem Bruder und sechs Freunden werden. Wir wollten nach Teheran fahren und hatten extra ein Visum dafür beantragt. Ich war aufgeregt, denn es sollte das erste Mal sein, dass ich ins Ausland reiste.

Stundenlang waren wir mit dem Bus unterwegs. Alles ging glatt und wir befanden uns kurz vor der iranischen Grenze. Da passierte es: Auf einmal sprang eine Gruppe bewaffneter Männer auf die Straße. Sie stoppten den Bus und befahlen allen Leuten auszusteigen. Doch kaum verließen die Ersten den Bus, eröffneten sie sofort das Feuer. Mein Bruder, meine Freunde und ich saßen in Todesangst im Bus und versuchten uns zu wegzuducken. Es ging alles so schnell. Draußen fielen die Schüsse und die Menschen starben.

Ich habe mich oft gefragt, warum die Terroristen unseren Bus angegriffen haben. Ich vermute, weil die meisten Passagiere Schiiten waren. Auch einige Christen befanden sich an Bord. Als sunnitischer Muslim war ich also nur durch einen unglücklichen Zufall in diese Situation hineingeraten.

Nach vielleicht sieben Minuten hörten wir Polizeisirenen. Die Rettung nahte: Mehrere Polizeiautos fuhren auf ihrer routinemäßigen Patrouille auf uns zu. Die Terroristen ergriffen die Flucht. Wir verließen den Bus und berichteten den Polizisten, was passiert war. Ich sah all die toten Körper auf dem Boden liegen – vielleicht 30 Menschen, darunter Frauen, alte Männer und Kinder. Es war ein grausiger Anblick. Doch wir hatten überlebt. Wir hatten ungeheures Glück gehabt. Aber wir hatten auch furchtbare Angst, dass der Alptraum noch nicht vorüber war.

Natürlich setzten wir an diesem Tag unsere Reise nicht fort, sondern fuhren mit dem nächsten Bus nach Lahore zurück. Am nächsten Tag ging ich zur Polizei und meldete auch dort den Vorfall. Doch die Polizisten sagten, dass sie mir nicht helfen konnten.

In den folgenden Wochen hatte ich viel Angst. Trotzdem kehrte zunächst wieder der Alltag in mein Leben ein, bis zum zweiten Vorfall, der mein Leben veränderte: Zwei bis drei Monate nach dem Vorfall im Bus kehrte mein Bruder nicht nach Hause zurück. Um ein Uhr morgens fragten mich meine Eltern, wo er sei. Ich wusste es nicht und seine Freunde wussten es auch nicht. Er war vorher von Fremden bedroht worden: Ich sollte meine Aussage widerrufen oder sie würden ihn töten. Ich vermute, dass er von diesen Leuten entführt wurde. Nie wieder habe ich etwas von ihm gehört.

Ich verstand damals, dass auch mein Leben in größter Gefahr war. Ein Mann aus der Sozialorganisation Jaffria Scouts, bei der ich seit Jahren ehrenamtlich mitarbeitete, gab mir einen Tipp: Ich sollte fliehen und das Land verlassen. Nach Deutschland sollte ich gehen, weil das Leben dort sicher sei. Er vermittelte mir einen Fluchthelfer, der alles für mich plante. Nach einem traurigen Abschied von meiner Familie verließ ich zum ersten Mal in meinem Leben mein Land und wusste nicht, ob ich es jemals wiedersehen würde.

Manche Flüchtlinge haben eine monatelange, oft lebensgefährliche Reise hinter sich, wenn sie in Deutschland ankommen. Ich nicht: Ich stieg einfach in Lahore ins Flugzeug und verließ es in Deutschland wieder. Sicher hatte ich großes Glück, dass alles so einfach ging. Doch der Nachteil war, dass ich keine Zeit gehabt hatte, mich auf mein neues Leben vorzubereiten.

Mitten in der Nacht kam ich in dem für mich völlig fremden Land an. In welcher Stadt ich zum ersten Mal deutschen Boden betreten habe, weiß ich bis heute nicht und werde es vielleicht auch nie erfahren. Am Flughafen wartete ein Kontaktmann auf mich. Er lieferte mich bei der Landeserstaufnahmestelle für Flüchtlinge in Karlsruhe ab. Ich ging hinein und ließ mich registrieren. Der Mann versprach, draußen auf mich zu warten. Doch als ich wieder herauskam, war er verschwunden. Ich hatte ihm vorher alle meine wichtigen Papiere gegeben.


Meine lange Leidenszeit

Ich war also ganz allein – tausende Kilometer von zu Hause entfernt, ohne Papiere und ohne ein Wort Deutsch zu sprechen. Es war meine erste Berührung mit dem Thema Flucht und Asyl. Zwar nimmt auch Pakistan viele Flüchtlinge auf – vor allem Menschen aus dem Nachbarland Afghanistan, die vor Krieg und Terror geflohen sind. Was viele Leute nicht wissen: Pakistan gehört weltweit sogar zu den Ländern, welche die meisten Flüchtlinge aufnehmen. Doch ich hatte mich nie mit dem Thema befasst, weil ich zu beschäftigt mit meinem eigenen Leben war. Nun aber war ich selbst zu einem Flüchtling geworden und mir wurde klar, dass jeder Mensch auf der Welt in eine solche Situation geraten kann.

Ich fühlte mich unwohl unter so vielen Menschen, mit denen ich mich oft kaum verständigen konnte. Ich hatte Angst und verhielt mich ruhig. Auf keinen Fall wollte ich Ärger mit einem meiner Mitbewohner haben. Acht, manchmal auch zehn Leute wohnten auf meinem Zimmer. Privatsphäre gab es nicht. Das war so schwierig für mich.

34 Tage lang blieb ich in Karlsruhe, dann wurde ich in die Sammelunterkunft nach Künzelsau weiterversetzt. Doch dort wurde alles noch schlimmer: Wieder lebten wir zu acht in einem kleinen Zimmer. Die Stimmung war angespannt, und fast täglich gab es Schlägereien. Manche Leute aus der Unterkunft rauchten Joints oder verkauften Drogen. Einmal wurden zwei von ihnen von der Polizei festgenommen.

Ich bin mein ganzes Leben kerngesund gewesen, doch nach drei Monaten in Künzelsau wurde ich plötzlich krank: Zuerst juckte meine Kopfhaut an einigen Stellen und schälte sich. Ich unternahm zuerst nichts und hoffte, dass ich von selbst wieder gesund werden würde. Doch die Krankheit breitete sich immer weiter aus und nach einigen Monaten war mein ganzer Körper befallen. Ich konnte nun nicht mehr verbergen, dass ich krank war. Meine Mitbewohner sahen es und gingen mir aus dem Weg. Ich ging zum Arzt in Künzelsau, doch er hatte keine Ahnung, woran ich litt. Ein Jahr lang schleppte ich die Krankheit mit mir herum und hatte keinen blassen Schimmer, was mit mir los war und ob es etwas Gefährliches oder Ansteckendes war. Erst dann ließ ich mich von einem anderen Arzt in Öhringen untersuchen, der die richtige Diagnose stellte: Ich hatte die Schuppenflechte, ausgelöst durch den schweren seelischen Stress, dem ich im Wohnheim ausgesetzt war. Diese Krankheit ist ungefährlich und nicht ansteckend, aber sie beeinträchtigt mich oft stark. Immer wenn ich zu viele Sorgen und Stress habe, breitet sie sich wieder über meinen Körper aus. Die Medikamente, die ich nehme, lindern die Symptome, heilen können sie mich aber nicht. Ich muss für den Rest meiner Tage mit dieser Krankheit leben.

Mehrere Male ging ich damals zum Landratsamt und bat um ein Einzelzimmer, weil meine Mitbewohner mich wegen meiner Krankheit diskriminierten. Doch alles war vergeblich. Das Einzige, was ich erreichte, war, dass ich nach einem Jahr ins Öhringer Flüchtlingsheim versetzt wurde. Doch auch dort war die Lage kaum besser.

Noch während meiner Zeit in Künzelsau traf mich ein weiterer Schicksalsschlag: Meine Mutter starb. Ihr Brustkrebs war zurückgekehrt und sie hatte ihm nichts mehr entgegensetzen können. Einen Tag vor ihrem Tod haben wir noch miteinander telefoniert. Ich fühlte mich so hilflos. Ich wollte ihr in ihren letzten Stunden beistehen und bei ihr sein, als es mit ihr zu Ende ging. Aber ich konnte nichts für sie tun. Ich konnte ja nicht einfach in meine Heimat zurückkehren. Ich war so geschockt, als ich die Nachricht von ihrem Tod hörte. Ich fühlte mich wie gelähmt und wusste nicht, was ich tun sollte. Nur ein Jahr später sollte ich auch noch meinen Vater verlieren. Im gleichen Monat wie meine Mutter – im schicksalshaften Februar – starb er an einer Lungenkrankheit. Zuletzt war ihm das Atmen immer schwerer gefallen. Ich glaube, er starb auch an gebrochenem Herzen, weil er in so kurzer Zeit meinen Bruder, mich und meine Mutter verloren hat – drei Menschen, die er über alles geliebt hat.


Alte und neue Heimat

Erst als ich nach zwei Jahren aus dem Heim ausziehen durfte, verbesserte sich meine Situation allmählich. Ich fand einen Job als Küchenhilfe im Wald- und Schlosshotel Friedrichsruhe. Wieder glaube ich, dass Gott mir dabei geholfen hat: Im Bewerbungsgespräch sagte ich ehrlich, dass ich noch keine Erfahrung in der Küche hatte, aber dass ich mein Bestes geben wollte. Ich bekam meine Chance und nutzte sie: Ich arbeitete hart und wurde dafür von meinem Chef und den Kollegen respektiert. Mit der Zeit sind viele von ihnen meine Freunde geworden. Bald konnte ich mir ein eigenes Zimmer leisten, dann zog ich in eine Wohngemeinschaft mit einem anderen Hotelmitarbeiter.

Inzwischen ist Deutschland zu meiner zweiten Heimat geworden. Viele Dinge laufen hier zwar total anders ab als in Pakistan: Pünktlichkeit spielt eine wichtige Rolle. Die Leute verspäten sich nie, sogar die Züge fahren pünktlich ab. Außerdem gibt es hier sehr viele Regeln, aber man braucht sie auch, denn sonst würde nichts funktionieren. Dafür findet man in Deutschland keine gepanschten Lebensmittel, was in Pakistan öfter vorkommt.

Manchmal finde ich es schwierig, mit den Deutschen Kontakt aufzunehmen, weil sie immer so beschäftigt sind. Aber das hängt immer von der Person ab. Ich habe hier auch sehr viele freundliche und hilfsbereite Menschen getroffen.

Nur manchmal fühle ich, dass es einen versteckten Rassismus gibt. Die Leute sagen das nicht direkt, aber sie geben mir zum Beispiel auf der Arbeit schwere Aufgaben, für die sich selbst zu schade sind. Bevor ich eine Arbeit gefunden hatte, war es noch schlimmer: Viele Mitarbeiter auf dem Rathaus oder auf dem Landratsamt gingen arrogant mit mir um. Ich erinnere mich besonders daran, wie unfreundlich die Mitarbeiterin im Asylbewerberheim reagierte, als ich ihr von meinem neuen Job erzählte. Erst nach einem Kontrollanruf auf meiner Arbeitsstelle glaubte sie mir und wurde plötzlich sehr freundlich.

Ich denke, dass einige Leute große Vorurteile gegen Asylbewerber haben und sie nicht einmal als menschliche Wesen betrachten. Sie wissen nicht, dass jeder in so eine Situation geraten kann. Aber so ist das nun einmal: Manche Leute sind sehr nett, manche sind schlecht. Das ist überall so und hat nichts mit dem Land zu tun.

Jeder sollte das Recht haben, hierherzukommen oder in ein anderes Land auszuwandern. Aber wer hierherkommt, sollte sich gut benehmen. Ich mag es nicht, wenn manche Leute stehlen, wie ich es im Kaufland gesehen habe. Und jeder sollte die Sprache lernen, besonders wenn er auch kein Englisch spricht. Ich finde es sehr schade, dass ich in meinen ersten zwei Jahren in Deutschland nicht genug Geld für einen Sprachkurs hatte und danach zu beschäftigt mit meiner Arbeit war, um einen Kurs zu besuchen. Heute kann ich mich ganz gut auf Deutsch ausdrücken, aber es hat zweieinhalb Jahre gedauert, bis ich soweit war.

Beeindruckend finde ich, wie die Deutschen ihr Land nach dem Zweiten Weltkrieg wiederaufgebaut haben. Ich mag es, wenn ein Volk versucht, auf eigenen Füßen zu stehen, wenn die Leute sagen: „Yes, we can. Wir akzeptieren die Herausforderungen.“ Sicher hat es in der Nachkriegszeit keine Korruption in Deutschland gegeben. Genauso war es auch in Pakistan, nachdem wir 1947 unsere Unabhängigkeit von Großbritannien erlangt hatten. Heute dagegen ist Korruption ein großes Problem in Pakistan. So viele talentierte Leute verlassen das Land, weil sie keine Perspektive mehr sehen.

Obwohl ich mich in Deutschland ganz gut eingelebt habe, vermisse ich mein Land oft: meine Familie, meine Freunde, meinen früheren Arbeitsplatz, die ganze Lebensweise. Und ich hätte gern jemanden in meiner Nähe, mit dem ich meine Muttersprache Urdu sprechen kann. Auch Cricket fehlt mir, aber die Spiele kann ich ja noch über das Internet mitverfolgen. Nur meine Eltern vermisse ich über alles. Es macht mich so traurig, dass ich nicht bei ihnen sein konnte, als es mit ihnen zu Ende ging, und dass ich noch nicht einmal an ihrer Beerdigung teilnehmen konnte.

Wenn ich aber zurückblicke, bereue ich nichts. Ich bin kein reicher Mann, aber ich habe genug zum Leben und ich danke Gott dafür. Ich bin zufrieden damit, denn Geld und Luxus sind mir nicht wichtig. Es war die richtige Entscheidung, dass ich nach Deutschland gekommen bin, denn wäre ich in Pakistan geblieben, wäre ich vielleicht nicht mehr am Leben. Vielleicht bleibe ich für immer hier. Ich würde zwar gerne wieder nach Pakistan reisen und auch andere Städte besuchen, die ich noch nicht kenne. Aber ich weiß nicht, ob ich ganz zurückkehren würde, denn ich könnte wieder in Lebensgefahr geraten. Immerhin ist die Lage in Pakistan inzwischen sicherer geworden. Seit zwei Jahren gibt es immer weniger Selbstmordattentate, weil die Armee jetzt für Sicherheit sorgt. Ich bin stolz auf unsere Armee. Doch in den letzten Wochen haben die Terroristen wieder mehrmals zugeschlagen, einmal auch in meiner Heimatstadt Lahore. Das macht mich traurig und wütend. Ich verstehe nicht, wie Menschen so etwas tun können. Denn ich habe ja selbst erlebt, dass Terrorismus ganze Familien auseinanderbringen kann, selbst wenn die Betroffenen einen Terroranschlag überleben.

Manchmal war das Leben hart zu mir. Ich bin völlig unschuldig in eine schlimme Situation geraten und musste alles zurücklassen, was mir lieb und teuer ist. Doch ich habe es geschafft, am anderen Ende der Welt noch einmal ganz von vorne anzufangen. So ist das Leben nun einmal: Man muss alles so nehmen, wie es kommt. Ich versuche, immer mein Bestes zu geben und ehrlich und respektvoll mit meinen Mitmenschen umzugehen, alles andere überlasse ich meinem Gott. Ich weiß, dass er immer für mich da ist. Es gab harte Zeiten, aber ich habe die Hoffnung niemals aufgegeben. Ich bin gestärkt aus allen Prüfungen hervorgegangen und habe viel daraus gelernt. Und ich weiß, dass ich alles schaffen kann, solange ich auf Gott vertraue.


Diese Lebensgeschichte wurde von Frank Lutz weitererzählt.












Lisa Böhme

Hast du Hunger, hast du Durst, geh zu Lisa, iss ‘ne Wurst!

Es ist genau 15 Uhr und ich klingle bei Frau Lisa Böhme. Wir sind verabredet. Sie möchte mir ihre Lebensgeschichte erzählen und ich habe es gerade noch pünktlich in diese schöne Wohnsiedlung mit Blick auf den Breitenauer See geschafft. Eine jugendlich wirkende, sehr adrette ältere Dame öffnet die Tür und bittet mich ins Haus. Auf dem Esstisch im großzügigen Wohnzimmer stehen Kaffee und einige appetitliche Tortenstücke. Die werden wir beide wohl beim besten Willen nicht aufessen können. Lisa Böhme ist 91 und eine hervorragende Gastgeberin. Und sie hat sich einiges in ihrem Leben erarbeite. Sie beginnt zu erzählen.

Ich komme aus Wiesenhagen. Also früher hieß es Neuendorf. Aber es gab so viele Neuendorfs, dass man es umbenannt hatte. Wiesenhagen liegt zwischen Trebbin und Luckenwalde, südlich von Berlin. Meine Eltern hatten einen Bauernhof und dort bin ich mit meinen zwei Brüdern aufgewachsen. Wir gingen in eine achtklassige Dorfschule mit nur einem Lehrer und ich und meine Freundin waren diejenigen, die sich um die Erstklässler kümmern mussten, weil der Dorflehrer es nicht schaffte, alle zu unterrichten. Die Neuankömmlinge saßen auf dem Flur, weil es nicht genug Platz im Schulraum gab und dort unterrichteten wir abwechselnd die erste Klasse.

Dann kam der Krieg, ich war damals elf Jahre alt und meine Vater wurde als Soldat eingezogen. Als ich mit der Schule fertig war, mitten im Krieg, bestürmte mein Lehrer meine Mutter, mich nach Bayern zu schicken. Man hatte mir ein Freistelle in Oberbayern auf einem Gut angeboten. Ich sollte Landwirtschaft studieren. Das hätte meiner Mutter nicht einen Groschen gekostet, aber meine Mutter fragte: Wie stellst du dir das vor? Der Papa ist Soldat. Wer soll denn hier die Arbeit machen? Die Kühe melken und die Schweine füttern? Und so mussten wir, meine Brüder und ich, weiter auf unserem Hof arbeiten und meiner Mutter helfen. Mein 11 Monate älterer Bruder wurde mit 16 Jahren eingezogen und starb schon mit 17 Jahren an einer schweren Verwundung.

Das Kriegsende war ein ganz einschneidendes Erlebnis für mich. Meine Mutter versteckte mich, als die Russen hereinkamen, aber sie haben mich gefunden. Ich lag danach neun Wochen im Krankenhaus. Das war schlimm. Da darf ich heute noch nicht daran denken, was damals geschehen ist.

Wie viele andere Frauen auch arbeitet ich nach dieser schweren Zeit am Wiederaufbau unseres Landes. Ich wollte meine Anteil leisten. Mit Bussen wurden wir regelmäßig einmal die Woche nach Berlin gebracht und dort räumte ich am Potsdamer Platz als Trümmerfrau den Schutt beiseite und half die Zerstörungen, die der Krieg angerichtet hatte, wieder zu beseitigen.


Ein kleines Geschäft

Als ich 1951 heiratete, zog ich mit meine Mann nach Ludwigsfelde in ein Siedlungshaus mit Garten, ganz nah bei Berlin. Mein Mann war Bauingenieur. Er hat die Plattenbauten in Marzan mit aufgebaut, einer riesige Wohnsiedlung in Berlin. Westberlin war nicht weit und lockte mit seinen Angeboten. Mein Mann ging früh aus dem Haus, war den ganzen Tag auf der Arbeit. Ich sah ihn erst abends wieder. Manchmal übernachtete er auch in Berlin. Ich wollte aber auch was zu tun haben, etwas dazu verdienen. Meine Eltern bauten damals Frühgemüse an: Gurken, grüne Bohnen usw. Und es war natürlich reizvoll, es in Westberlin zu verkaufen. Die Mark stand damals 1: 5, für eine Westmark bekam man 5 Ostmark. Und im Osten konnte man viele Sachen nicht bekommen. In Sachsen standen zwar die großen Strumpffabriken, aber Perlonstrümpfe hat es im Osten nicht gegeben. Wenn man welche wollte, musste man sich die aus dem Westen besorgen. Auch Bananen und Südfrüchte und so was alles. Und ich war jung und wollte schick angezogen sein und so brachte ich mit meinen zwei Freundinnen unser Gemüse regelmäßig auf den Markt nach Westberlin. Das war aber streng verboten.

Jahrelang ging alles ganz gut. Wir kamen mit unseren Taschen immer unbehelligt über die Grenze am Potsdamer Platz. Aber eines Tages, 1959, haben sie uns erwischt. Ich hatte meinen zweijährigen Sohn Michael im Kinderwagen dabei als sie uns beobachteten und wir aussteigen mussten. Meinen Sohn haben sie mir gleich weggenommen. Er kam sofort zu einer Pflegefamilie nach Ludwigsfelde und wir drei kamen ins Frauengefängnis Barnimstraße. Man verdächtigte auch meinen Mann. Ich behauptete aber, mein Mann wüsste nicht, was ich alles nach Westberlin brachte. Ich hielt das geheim, weil er sonst Gefahr lief, seine Arbeit zu verlieren und verhaftet zu werden.

Während dieser Zeit saß ich vier Monate in Einzelhaft und schwieg. Keinerlei Kontakt zu meiner Familie, keine Nachrichten, nichts. Nachts hieß es oft: Raus treten! Dann kam ich in einen Raum, wurde mit Scheinwerfern angestrahlt und verhört. Sie versuchten meinem Mann eine Mitwisserschaft an meinen Geschäften nachzuweisen. Was ihnen aber nicht gelang. Bei der Verhandlung hieß es dann, ich sei die Anführerin gewesen. Ich bekam 1 Jahr, die beiden anderen nur ein halbes. Verurteilt wurde ich wegen Wirtschaftsverbrechen und Verstoß gegen den Devisenverkehr. Mein Mann kam mich einmal im Monat besuchen. Weil ich aus der Landwirtschaft kam, teilte man mich dem Hofkommando zu. Ich musste den Gefängnishof kehren und im Garten arbeiten, war immer an der frischen Luft. 10 Monate haben ich abgesessen, zwei Monate hat man mir wegen guter Führung erlassen.


Ultimatum

Mit meiner Ehe stand es nicht zum Besten. Während ich im Gefängnis war, begann mein Mann eine Affäre mit seiner Sekretärin. Sie wurde schwanger und wenig später erwartete ich ebenfalls ein Kind von ihm. Am 20. September 1960 wurde meine Tochter geboren und um meine Ehe zu retten, bestand ich auf einen Umzug nach Berlin. Ich wollte meinem Mann näher sein und ihm nicht mehr so viele Gelegenheiten geben, wegen verpasster Züge nicht nach Hause zu kommen. Der Plan ging leider nicht auf. Nach einem Jahr war ich so verzweifelt, dass ich meinem Mann ein Ultimatum stellte. Ich wollte kein Scheidung, aber mit dieser Situation konnte ich nicht mehr weiter leben. Ich beschloss für einige Wochen meine Mutter in Crailsheim zu besuchen. Danach sollte mein Mann eine klare Entscheidung treffen. Seine Sekretärin oder ich.

Mein Vater war 1952 mit TBC aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück gekommen. Und zu dieser Zeit, wurden auch die Bauernhöfe in landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften - in Volkseigentum - umgewandelt. Es war praktisch eine Enteignung und mein Vater sagte: Wir arbeiten nicht als Knecht und Magd auf unserem Hof, wir gehen in den Westen. Meine Eltern haben alles stehen und liegen lassen und landeten 1953 in Crailsheim. Mein Vater wurde sofort in Schwäbisch Hall wegen seiner TBC behandelt. Er ist nicht mehr gesund geworden und an dieser Krankheit gestorben.

1961 dann holte meine Mutter mich und meine beiden Kinder in Nürnberg vom Flugplatz ab. Sie lebte als Rentnerin von einem kleinen Lastenausgleich, den sie für die Enteignung ihres Landes bekam und verdiente sich durch das Erledigen kleiner Hausarbeiten noch etwas hinzu.

Nun hatte ich aber kein Westgeld zur Verfügungen und schaute mich nach Arbeit um. Mit Hilfe eines Bekannten meiner Mutter, Onkel Josef, fand ich eine Stelle in einer Kunstblumenfabrik. Dort verdiente ich mir den Rückflug und flog nach vier Wochen ohne meine Kinder zu meinem Mann nach Berlin. Ich wollte ihn davon überzeugen, dass wir uns ein neues Leben in Crailsheim aufbauen könnten. Er würde problemlos Arbeit finden als Bauingenieur. Mein Mann wollte sich aber nicht von seiner Sekretärin trennen und auch das Land nicht verlassen.

Also beging ich meine Flucht aus der DDR allein. Ich war nur mit einer Handtasche in Berlin angekommen, schnell packte ich in meiner Wohnung ein paar Sachen für meine Kinder und fuhr mit der S-Bahn über die Grenze nach Westberlin. Ich hatte angst, sie würden mich nochmal aufgreifen. In Westberlin habe ich mich gemeldet und bat um Hilfe, das Land zu verlassen. Das war am 8. August 1961, wenige Tage vor dem Mauerbau.


Der Cannstatter Wasen

Von da an lebte ich also mit meinen Kindern bei meiner Mutter in zwei Zimmern und arbeitete in zwei Schichten in der Blumenfabrik. In der Pause unterhielten sich die Frauen über die sagenhaften Verdienstmöglichkeiten, die der Cannstatter Wasen bot. 100 Mark sollte man dort an einem Tag angeblich verdienen können! Das hat mich nicht mehr losgelassen. Nun hatten wir genau zu dieser Zeit Betriebsferien, als in Cannstatt der Wasen stattfand. Ich setzte mich mit 10 Mark in den Zug und versuchte mein Glück. Ich hatte überhaupt keine Ahnung von der Gastwirtschaft. Ich zog von Zelt zu Zelt und fragte, ob sie eine Bedienung bräuchten. In einem Zelt war die Bedienung ausgefallen. Ich behauptete, dass ich in Berlin schon in der Gastwirtschaft gearbeitet hätte und begann ohne jede Kenntnis vom Geschäft als Bedienung zu arbeiten. Das fiel natürlich auf, aber ich lernte schnell. Am Abend hatte ich keine Unterkunft, es fuhr kein Zug mehr und so schlief ich drei Nächte auf einer Parkbank, machte mich auf einer öffentlichen Toilette ein bisschen zurecht, besorgte mir ein paar Servierschürzen und was ich sonst noch brauchte. Die Zimmer waren unbezahlbar. Durch einen glücklichen Zufall nahm mich eine Familie auf, der ich meine Geschichte von der Flucht und von meinen Kindern erzählte. Von nun an konnte ich dort auf dem Sofa schlafen. Ich half der Familie im Haushalt und es entwickelte sich eine feste Freundschaft zwischen uns. Jedes Jahr zum Cannstatter Wasen konnte ich dann bei ihnen wohnen.

Am Ende des Festes hatte ich 1100 Mark verdient. Ich war auf den Geschmack gekommen und hatte jetzt auch die entsprechende Erfahrung mit dem Bedienen. Zurück in Crailsheim sprach ich mit meinem Chef. Ich wollte nur noch in der Frühschicht arbeiten und abends im Jägerhaus bedienen. Von fünf bis zwei arbeitet ich in der Fabrik, von sechs bis Mitternacht im Jägerhaus. Ich war jung, ich wollte ein eigenes Dach über den Kopf, ich wollte mir ein neues Leben aufbauen.

Bald darauf begann ich auch auf der Muswiese zu arbeiten, am Wochenende gab mir der Chef vom Jägerhaus dafür frei. Aber nun brauchte ich ein Auto, ich musste beweglich sein. Ich machte im Februar 1962 den Führerschein und kaufte mir eine kleinen Holländer, einen Sundav. Damit fuhr ich bald darauf nach Berlin, um meinen Mann zu besuchen. Ich wollte ihm zeigen, was man sich im Westen in kurzer Zeit erarbeiten kann. Vorher erkundigte ich mich im Crailsheimer Rathaus, ob es für mich wegen meiner Vorstrafe gefährlich werden konnte in die DDR zu fahren. Aber man versicherte mir, dass ich nichts zu befürchten hätte: ich hatte meine Strafe ja abgesessen. Also setzte ich meine Mutter und die Kinder ins Auto und machte mich auf den Weg. Mein Mann bekam Stielaugen als er das Auto sah. Die Sekretärin war abgehakt, aber da war schon wieder eine neue Frau in seinem Leben. Sie saß in unserer Wohnung und war sehr nett. Erstaunlicher Weise freundeten wir beide uns an.


Neckarlust

1967 kam ein neuer Pächter ins Jägerhaus. Wir verstanden uns nicht gut. Meine Mutter sagte: Komm, wir fahren mal nach Heilbronn. Det is ne Weinstadt. Da kannst du vielleicht ganz als Bedienung arbeiten und musst nicht mehr in die olle Fabrik. In Heilbronn war gerade Pferdemarkt und ich hatte mir eine Heilbronner Stimme gekauft. Da stand: die Gaststätte Neckarlust sucht eine Bedienung. Aber die Neckarlust war nur eine Baracke, gar kein richtiges Lokal, es gefiel mir überhaupt nicht. Aber meine Mutter bestand darauf, sich mal um zu schauen. Die Chefin kam auf uns zu und bot mir sofort die Stelle an. Wir verstanden uns auf Anhieb. Und da ich nicht in Heilbronn wohnte, überließ sie mir kurzer Hand in Frankenbach ein Zimmer in ihrem Haus. Unter der Woche sollte ich dort wohnen und am Wochenende zu meinen Kindern nach Crailsheim fahren. Einen Tag später fing ich in der Neckarlust an. Die Kinder wusste ich in guter Obhut bei meiner Mutter in Crailsheim.

Die Neckarlust war eine richtige Arbeiterkneipe. Um Fünf Uhr Morgens ging es da los. Die Schiffer kamen rein, die haben immer gut Trinkgeld gegeben. Wir arbeiteten dort auch in Schichten und ich war eigentlich Mädchen für alles, habe im Ausschank geholfen, geputzt, vormittags arbeitet ich im Garten meiner Chefin für freie Kost und Logi, nachmittags dann in der Küche, je nach dem.

Eins Tages betrat Herr Böhme die Neckarlust. Er fuhr für die Spedition Pfefferkorn als Fahrer. Nach einigen Monaten sagte er: Wissen sie, sie sind die richtige Frau für mich. Ich mache demnächst ein Lokal auf. Aber ich bin allein stehend. Ich suche jemanden. Wollen sie nicht für mich arbeiten. Dann sind sie selbstständig. Es handelte sich um die Gaststätte Karlseck. Später in meinem Leben sollte ich noch feststellen: Ich war eine Streberin, Herr Böhme aber war ein Schürzenjäger und Lebemann.


Karlseck

Onkel Josef war gestorben und ich bat um ein paar freie Tage um meiner Mutter bei der Beerdigung zu helfen. Ich war gerade zwei Tage zu Hause in Crailsheim, auf einmal stand Herr Böhme überraschend vor meiner Tür. Wir machten einen Spaziergang mit den Kinder und meine Mutter sagte: Guck mal Mächen, jetzt bist du schon so lange allein, wäre doch schön, wenn du wieder jemanden hättest. Ich war 33. Herr Böhme gefiel mir wohl, also ging ich auf sein Angebot ein und wurde für drei Jahre die Geschäftsführerin vom Karlseck. 1967 erfolgte der Umzug nach Heilbronn, mit Mutter und Kindern, zuerst in die Wollhaus- später dann in eine größere Wohnung in die Kernerstraße.

Samstags und Sonntags gab es bei uns Tanz, für die Älteren, besonders für Frauen ab vierzig. Da spielte dann ein Alleinunterhalter. Das kam sehr gut an. Außerdem hatten wir einige gute Stammgäste. Mein Sohn brachte uns Mittags das Essen das meine Mutter für uns gekocht hatte. War was übrig, habe ich es den Gästen angeboten. Die Nachfrage wurde immer größer, aber wir hatten nur ein kleine Küche. Wir boten dann auch Brat- und Currywurst aus einem separaten Kiosk neben der Gastwirtschaft an. Wir könnten doch selber kochen, schlug ich vor. Aber das war meinem Mann alles zu fiel. Er wollte lieber Karten spielen und andere für sich arbeiten lassen. Er wollte das Essen nicht selber heraus tragen. Das sollte eine Bedienung machen. Aber das konnten wir uns nicht leisten. Die Miete für die Wohnung, der Unterhalt für seine und meine Kinder. Wir stritten oft um Geld und ich schuftete wie ein Verrückte. Manchmal bin ich erst um 2 Uhr ins Bett gekommen und um 9 Uhr machten wir wieder auf. Vorher habe ich noch geputzt. Das habe ich alles allein gemacht. Ich habe wahnsinnig viel gearbeitet. Unser Streit gipfelte darin, dass er mich eins Tages nach hause schickte, ich solle mich um meine Kinder kümmern, er würde sich eine Bedienung holen.


Bahnsteig Sieben

Freunde vom Stammtisch kannten meine Situation und gaben mir einen Tipp. Ein gut gehender Kiosk im Industriegebiet sollte verkauft werden.Tagesumsatz 800 bis 900 Mark. Den Besitzer kannte ich aus der Neckarlust. Am nächsten Tag um 5 Uhr war ich bei ihm und habe mein Interesse bekundet. Na Mädle, hast du denn überhaupt Geld? Na wenn ich kein Geld hätte, würde ich ja den Schuppen hier nicht kaufen wollen, antwortet ich ziemlich forsch. Aber ich hatte ja keinen Pfennig. 1970 waren wir nach Klingenberg gezogen, ich hatte das Haus gerade gekauft. Endlich genügend Platz. Aber da steckte mein ganzes Geld drin.

Wir machten einen Notartermin. 65.000 Mark sollte nach Verhandlungen der Kiosk kosten, plus Mehrwertsteuer. Die erste Hälfte musste sofort bezahlt werden, der Rest nach vier Wochen. Sollte ich nicht zahlen, war eine Konventionalstrafe von 3.000 Mark fällig und der Kauf würde rückgängig gemacht. Das habe ich unterschrieben. Aber jetzt musste ich das Geld auftreiben.

Ich auf die Bank. Die kannten mich gut und konnten mir trotzdem nur 40.000 Mark geben. Wie weiter? 10.000 bekam ich durch einen Vertragsabschluss mit Coca-Cola, durch die Abnahme der Getränke würde das abgegolten. Otto Dietz, den Besitzer der Zigarettenautomaten kannte ich gut. Ich habe ihn gebeten mir zu helfen. 5.000 Mark wollte er geben. Nach einer Stunde Ausfragerei nach meinen persönlichen Verhältnissen bekam ich von ihm 10.000 Mark. Die letzten 5.000 lieh ich von meinem Bruder Willi.

Jetzt ging ich zu meinem Mann: das hat keinen Wert mehr mit uns beiden. Ich habe die Scheidung eingereicht. Ich habe mir ein Geschäft gekauft, den Bahnsteig Sieben. Er konnte es nicht glauben. Er fing dann an: Können wir das nicht beide machen? Das Karlseck aufgeben, da kam ja der ganze Streit her, weil wir hier immer so lange hocken mussten, weil sie Karten gespielt haben. Wir hätten ja dann unsere Ruhe. Und was hab ich gemacht? Ich habe die Scheidung zurückgezogen. Ich dachte immer: in jedem Menschen steckt doch irgendwo was gutes. Und er war immer sehr großzügig zu meinen Kindern. Also versucht ich es noch mal. Wir haben dann noch 6 Jahre den Bahnsteig Sieben betrieben und die ersten zwei Jahre liefen sehr gut. Ein Bombengeschäft.

Morgens um neun musste ein 10 Liter Eimer Kartoffelsalat fertig sein. Da kamen schon die Fernfahrer und wollten Schnitzel essen. 70 - 80 Brötchen habe ich belegt. Beim Metzger wurde die Wurst geholt. Wir waren immer etwas billiger als die anderen, aber wir machten viel Umsatz. Es gab einen langen Tisch mit einer Bank und im Sommer konnten die Gäste dann draußen sitzen.

Zwei Jahre ging alles gut, dann wurde Herr Böhme unzufrieden. Über dem Geschäft hing damals ein großes Transparent: Hast du Hunger, hast du Durst, geh zu Lisa iss ‘ne Wurst. Er fühlte sich zurückgesetzt. Mir gehörte ja das Haus und das Geschäft. Er legte sich mit den Kunden an und der Umsatz ging langsam zurück. Ich fand heraus, das er Geld beiseite schaffte und stellte ihn zur Rede. Er stritt alles ab, aber es reichte mir. Und diesmal lies ich mich wirklich scheiden. Über einen Anwalt wollte er Geld von mir. Dann machte er mir mit einem Verkaufswagen in der Salzstraße Konkurrenz. Sein Geschäft lief aber nicht, berichteten mir meine Stammkunden.

Später sind wir vor Gericht gelandet, es ging wieder um Geld. Irgendwann verschwand er mit einem Wohnmobil und einer neuen Frau nach Sachsen und aus meinem Leben.

Eines Tages bekam meine Mutter einen Schlaganfall, sie sollte nicht in ein Pflegeheim. Deshalb verkaufte ich das Haus in Klingenberg und ich suchte eine neue Wohnung in der Nähe meines Geschäftes damit ich mich um sie kümmern konnte. 1990, mit 62 Jahren, als ich keinen Ersatz für meine langjährige Mitarbeiterin Frau Roschka fand, musste ich das Geschäft verkaufen.


Blick auf den Breitenauer See

Mein Ziel war immer meine Altersversorgung zu sichern. Und ohne meine Mutter, die mir den Rücken freihielt und sich um meine Kinder kümmerte, hätte ich das nicht geschafft. Ich habe sehr sparsam gelebt, keinen Urlaub gemacht. Zu Ostern - Karfreitag, Samstag, Sonntag, Montag - da sind wir nach Österreich gefahren ins Zillertal. Meine Mutter und die Kinder wurden ins Auto geladen und dann sind wir da hoch gefahren. Das war unser Jahresurlaub. Und meine Kinder sollten einen anständigen Beruf lernen. Das war mir ganz wichtig. Mein Sohn hat eine Lehre als KFZ Mechaniker begonnen, die Meisterprüfung gemacht und später 12 Jahre beim TÜF in Heilbronn gearbeitet. Meine Tochter hat Dekorateurin gelernt. Sie ist handwerklich sehr begabt. Zum Geburtstag wünscht sie sich immer irgendein handwerkliches Gerät.

Mit meinem Sohn zusammen habe ich in Löwenstein dieses Haus gefunden. Wir hatten die Idee, uns noch einmal gemeinsam ein Haus zu kaufen und haben lange gesucht. Ich hatte schon gar keine Lust mehr. Es war einfach nichts dabei was mir gefiel. Dann stand dieses Haus in Löwenstein in der Zeitung und mein Sohn überredete mich, doch noch mal eine Besichtigung zu machen. Das Haus hat mir gleich richtig gut gefallen. Stuckdecken, Marmor, Wintergarten, elektrische Rollläden, alles sehr gut ausgestattet. Seit 26 Jahren wohne ich jetzt hier. Vor einiger Zeit ist meine Schwiegertochter hier eingezogen und unterstützt mich in vielen Bereichen. Ich bin immer noch ganz aktiv und nehme am Leben teil. Zum Beispiel gehe ich regelmäßig zu den Proben unseres Chores.



(Redaktion: Angelika Hart, Mai 2019)
siehe auch: meine.stimme.de "Ein Leben wie aus einem-Film"












Hoda El Gawish

Löwinnenherz


Hoda El Gawish, geboren 1981 in Ägypten

Als ich klein war, saß ich oft mit meiner Oma auf dem Balkon. Dann tranken wir zusammen Tee und sie erzählte immer interessante Geschichten – über ihre eigene Kindheit, aber auch über ihre viele Reisen und ihr Leben in verschiedenen Ländern als Professorin für Hauswirtschaft. Meine Oma war eine ganz besondere Frau: Sie hatte studiert und konnte Englisch sprechen. Eine studierte Oma – davon gab es damals nicht sehr viele in unserem Land. Sie sagte immer zu mir: „Du wirst einmal sehr wichtig sein. Du wirst Botschafterin oder Ministerin.“ Das hat mich ungemein motiviert.

Botschafterin oder Ministerin bin ich zwar nicht geworden. Und doch hat meine Oma Recht behalten: Ich habe etwas Besonderes aus meinem Leben gemacht. Und ich weiß, dass Oma daran ihren Anteil hat. Zwar ist sie schon lange nicht mehr auf dieser Welt, aber ich werde immer an sie denken und ihr dankbar sein. Schließlich trug sie sogar den gleichen Namen wie ich – Hoda. Das ist arabisch und bedeutet „göttliche Führung“. Und tatsächlich glaube ich, dass Gott mich in meinem Leben immer geführt und mir in schwierigen Situationen geholfen hat.


Wo meine Wurzeln liegen

Ich heiße Hoda El Gawish. Ich bin eine Muslima aus Ägypten. Doch ich bin noch vieles mehr: studierte Politikwissenschaftlerin, Geschäftsfrau mit zwei Unternehmen, liebende Ehefrau und Mutter zweier wunderbarer Töchter. Und ich glaube an Feminismus. Ich hätte nie gedacht, dass er mir eines Tages wichtig sein würde, aber das Leben hat mich eines Besseren belehrt. Oft musste ich kämpfen und mich gegen widrige Umstände durchsetzen. Doch dadurch habe ich gemerkt, wie viel man erreichen kann, wenn man an sich selbst glaubt und bereit ist, für seine Ideale einzustehen.

Geboren und aufgewachsen bin ich in der ägyptischen Hauptstadt Kairo. Mein Vater arbeitete damals als Ingenieur für die Armee. Seine Familie hat schon immer in Kairo gelebt. Meine Mutter dagegen stammt aus einem kleinen Ort am Roten Meer und ist erst mit 18 nach Kairo gekommen, um Medizin zu studieren. Als ich klein war, arbeitete sie auf eigenen Wunsch in Teilzeit und hatte genug Zeit, mich vom Kindergarten abzuholen und den Nachmittag mit mir zu verbringen. Dass sie als Frau so einen angesehenen Beruf hat, war schon damals nichts Besonderes in der ägyptischen Mittelschicht, in der ich aufgewachsen bin. In meiner Familie war ich von vielen selbstbewussten und erfolgreichen Frauen umgeben: Alle Töchter meines Urgroßvaters väterlicherseits hatten studiert und konnten Englisch sprechen. Alle Schwestern meines Vaters sind Ärztinnen, alle Schwestern meiner Mutter Bankerinnen. Und meine eigene Schwester hat IT studiert und arbeitete lange Zeit für die Firma Orange. Ich erzähle das, weil ich oft den Eindruck habe, dass manche Leute muslimische Frauen generell als ungebildet und unterdrückt betrachten. Dabei ist meine Erfahrung eher umgekehrt: In Kairo ist es für eine Frau einfacher, Karriere zu machen als in Deutschland. Anders allerdings auf dem Land: Dort geht es den Frauen in Ägypten tatsächlich schlechter als in Deutschland.

Meine Familie lebte damals nicht weit vom Stadtzentrum entfernt. Unser Viertel galt zu der Zeit als Reichenviertel und es gab dort viele Villen. Auch der ehemalige Präsidentenpalast ist dort zu finden. Heute dagegen ist es ein ganz normales Viertel, dicht besiedelt und voller Hochhäuser. Damals hatte mein Vater das einzige Auto in der ganzen Straße, heute findet man dort kaum noch einen freien Parkplatz.

Mit zwei Jahren kam ich in den Kindergarten, der nur 150 Meter von unserer Wohnung entfernt liegt. Es war ein christlicher Kindergarten, und unsere Erzieherinnen Mery und Neama waren Nonnen, die immer ihre Tracht trugen. Ein muslimisches Mädchen in einem christlichen Kindergarten – auch das war damals etwas ganz Normales. Viele Erinnerungen an diese Zeit habe ich nicht mehr – ich weiß nur noch, dass wir oft mit Wachsmalstiften malten und dass ich einmal Streit mit einem Jungen hatte und er mich in die Wange biss. Aber im Nachhinein denke ich, dass es doch etwas Besonderes war, dass ich einen christlichen Kindergarten besucht habe. Ich bin dadurch schon sehr früh mit einer anderen Religion in Kontakt gekommen. Das hat mich geprägt und aus mir einen toleranteren Menschen gemacht.

Mit vier Jahren kam ich in die Vorschule. Und wieder fiel die Wahl meiner Eltern auf eine christliche Einrichtung: das Ramses College for Girls (RCG), eine evangelische Privatschule, die als eine der besten Schulen der Stadt galt und an der ich später auch mein Abitur ablegen sollte. Die Schule hatte eine große Tradition: Sie war 1908 gegründet worden, wir hatten einen eigenen College Song und viele unserer Lehrer kamen aus den USA. Wie waren 30 Schülerinnen in meiner Klasse. Fast genau die Hälfte war muslimisch, die andere Hälfte christlich. Das ist bemerkenswert, weil der Anteil der Christen an der ägyptischen Bevölkerung nur bei 15 Prozent liegt.

Eine meiner Schulfreundinnen war katholisch. Auch das ist etwas Besonderes in Ägypten: Die meisten Christen gehören dort der koptischen Religionsgemeinschaft an. Meine Freundin feierte so schön Weihnachten, und es war immer ganz aufregend für mich, Weihnachten und Nikolaus bei ihr zu Hause zu erleben. Wenn ich mich mit ihr oder anderen christlichen Mitschülerinnen über Religion unterhielt, ging es immer nur um die prachtvollen Feste, niemals um intellektuelle theologische Fragestellungen. Klar, wir waren ja auch noch Kinder.

Doch es ist auch wichtig zu wissen, dass Religion im Schulalltag kein zentrales Thema war. Es gab nur zwei Ausnahmen: Zum einen besuchten wir je nach Religionszugehörigkeit den christlichen oder islamischen Religionsunterricht. Und zum anderen spielten die Feiertage wie Weihnachten und das Fastenbrechfest eine wichtige Rolle: Beide Feste wurden groß gefeiert, und ich durfte immer mithelfen, das Klassenzimmer zu dekorieren.

Wir haben nie viel über unsere Religion nachgedacht, sondern sie einfach praktiziert: Vor Weihnachten und Ostern fasteten die Christen, im Ramadan waren wir Muslime an der Reihe. Das wussten wir alle und es war für uns immer selbstverständlich, aufeinander Rücksicht zu nehmen. Die Eltern, die ihre Kinder auf diese Schule schickten, waren in der Regel weltoffene Menschen, die ihre Religion trotzdem lebten.


Prägende Jahre in Übersee

Mein Leben war damals sehr einfach: Ich war sehr gut in der Schule, oft war ich sogar Klassenbeste. Meine Familie legte darauf großen Wert. Besonders viel Spaß gemacht haben mir Englisch und Mathe, später auch Chemie. In meiner Freizeit fühlte ich mich wohlbehütet im Kreis meiner Familie und meiner Verwandten: Mein Onkel arbeitete im Drei-Monats-Rhythmus auf einer Bohrinsel. Wenn er frei hatte, durfte ich oft zu ihm nach Hause statt in den Kindergarten. Das hat Spaß gemacht, denn er hat für mich gerne Pfannkuchen zubereitet.

In den Ferien besuchte ich oft meine Großeltern. Am meisten Spaß hatte ich bei den Eltern von meinem Vater, weil dort auch meine Cousine mit ihren Eltern lebte. Meine Großeltern mütterlicherseits waren ziemlich religiös, und so gingen wir oft zusammen in die Moschee, wenn ich bei ihnen zu Besuch war. Oft kam dann auch meine Cousine Maha mit und wir beteten alle gemeinsam. Das war immer nett für mich – wie ein Familienausflug. So vergingen die Jahre meiner Kindheit. Bis zur fünften Klasse ereignete sich nichts Besonderes: Ich ging zur Schule, besuchte meine Großeltern und nahm Schwimmunterricht, wofür sich meine Eltern immer durch den dichten Stau von Kairo quälen mussten.

Dann begann das erste große Abenteuer in meinem Leben: Als ich elf Jahre alt war, zog ich mit meinen Eltern nach Amerika. Mein Vater hatte eine Stelle als Diplomat in Silver Spring im Bundesstaat Maryland bekommen. Heute würde ich die zwei Jahre, die wir in Amerika verbracht haben, als wichtigste Erfahrung meiner Kindheit und Jugend bezeichnen. Ich lernte ein ganz anderes Bildungssystem kennen, das in vielen Dingen besser war als in meiner Heimat: Den Lehrern war es wichtig, dass wir den Stoff nicht nur auswendig lernten, sondern dass wir ihn wirklich verstanden. Wir machten viele Experimente, während der Unterricht in Ägypten nur aus Theorie bestanden hatte. Ich erinnere mich zum Beispiel an einen Lehrer, der einen sehr langen Bart trug. Als wir das Thema Kommunismus durchnahmen, rasierte er vor der ganzen Klasse seinen Bart ab, um uns zu zeigen, dass es im Kommunismus keine Unterschiede zwischen den Menschen geben sollte – auch was ihr Äußeres anging. Das war eine prägende Erfahrung für mich.

Mit meinen Lehrern habe ich nur gute Erfahrungen gemacht, und auch mit der englischen Sprache hatte ich keine Probleme. Doch mit meinen Mitschülern war es nicht immer ganz einfach: Ich hatte zwar viele Freunde, aber ich fürchtete mich auch manchmal vor anderen Schülern. So gab es oft Schlägereien, und an der Schule ging es gewalttätiger zu als beispielsweise in Deutschland. Auch im Schulbus fühlte ich mich unsicher und hatte manchmal Angst, weil es so viel Streit gab. Zum Glück ist mir nie etwas passiert.

Und zum Glück gab es Deborah. Sie war das Kind unserer Nachbarn und wurde meine beste Freundin. Deborah war eine fromme Jüdin, und vielleicht haben wir uns gerade deshalb so gut verstanden: Wir beide waren eher konservativ und nicht so frei wie unsere amerikanischen Altersgenossen erzogen worden. So war Deborah auch die Einzige, die verstehen konnte, dass ich keinen Freund haben wollte. Als gläubige Jüdin hielt sich Deborah genau an die jüdischen Speisevorschriften. Und so sagte mein Vater immer, wenn ich sie besuchte: „Koscher ist wie halal. Bei diesen Leuten darfst du alles essen.“ Wieder einmal hatte ich also einen tiefen Einblick in eine andere Religion gewonnen.


Konflikte und neue Erfahrungen

Als wir nach Ägypten zurückkehrten, war dort alles beim Alten. Doch ich hatte mich verändert: Die zwei Jahre in Amerika hatten mich kritisch gegenüber dem Schulsystem in meiner Heimat gemacht. So fand ich es unbefriedigend, den Stoff stur auswendig zu lernen und ich hatte keine Lust mehr, immer die Klassenbeste zu sein.

Andere Dinge wurden mir wichtig: Als die Ferien kamen, wollte ich unbedingt jobben. Wahrscheinlich hatte mich „The Baby-Sitters Club“ dazu inspiriert, eine Jugendbuchserie, die ich in Amerika gelesen hatte. Meine Familie verstand mich nicht, und tatsächlich ist es in Ägypten total unüblich, dass eine Schülerin nebenher arbeitet. Doch ich setzte mich durch und machte ein Praktikum in einer Immobilienfirma, in der meine Tante arbeitete. Später jobbte ich in einem Businesszentrum, in dem ich Telefonate für ausländische Kunden führte und Faxe für sie verschickte. Besonders abenteuerlich war der Weg zu meiner Arbeitsstelle: Ich fuhr mit dem öffentlichen Bus, was ich vorher nie getan hatte. Dazu muss man wissen, dass die Busse in Ägypten oft total überfüllt sind und es weder genaue Abfahrtszeiten noch feste Haltestellen gibt. Immer mehr wurden mir die Schattenseiten meines Landes bewusst: Neben dem Schulsystem störten mich besonders das allgemeine Chaos und die Umweltverschmutzung, nachdem ich das Recycling-System in den USA kennengelernt hatte.


Die besten Jahre meines Lebens

Als ich in die Oberstufe ging, stand der nächste Konflikt mit meiner Familie an: Ich wollte den Literaturzweig belegen, aber mein Vater und alle seine Geschwister waren dagegen. Und so musste ich den naturwissenschaftlichen Zweig belegen. Als nach dem Abitur die Studienwahl anstand, gab es wieder Diskussionen: Ich weigerte mich, Pharmakologie zu studieren, wie es meine Familie wollte. Das Problem war: Ich wusste gar nicht, was ich wollte. Ich wusste nur, was ich nicht wollte.

Als ich mich schließlich für Politikwissenschaft entschied, schrie mich mein Vater an: „Wenn du Ärztin wirst, werden dich die Leute mit ,Frau Doktor‘ anreden. Wenn du Ingenieurin wirst, wirst du für sie ,Frau Ingenieurin‘ sein. Aber bei allem anderen wirst du immer nur ,Hoda‘ sein, mit Glück höchstens noch ,Frau Hoda‘.“ Ich machte damals einen großen inneren Konflikt durch. Ich hatte Angst und habe viel geweint, denn einerseits wollte ich ein gutes Kind sein, aber andererseits ging es ja um meine berufliche Zukunft und da wollte ich keinen Fehler machen.

Schließlich lenkten meine Eltern doch noch ein. Sie akzeptierten meine Studienwahl, allerdings unter einer Bedingung: Ich musste ihnen versprechen, später Diplomatin zu werden oder mich auf Wirtschaftswissenschaften zu spezialisieren, damit ich einen Job bei einer Bank, einer Firma oder Ähnliches bekommen könnte.

Diesmal hatte ich goldrichtig gelegen, denn mein Studium sollte sich als Volltreffer erweisen. Es waren die besten vier Jahre meines Lebens, in denen ich auch meine zwei besten Freundinnen kennengelernt habe. Die Professoren waren so tolerant und offen – alle Meinungen wurden respektiert. Auch war die Qualität des Unterrichts sehr hoch – ähnlich hoch wie in Deutschland, wie ich später selbst erleben sollte.

Neben der Uni arbeitete ich ehrenamtlich: Ich fuhr in die ärmsten Viertel der Stadt, die eine Tochter aus gutem Haus sonst nie betritt, unterrichtete die Zweitklässler dort über Umweltschutz und organisierte Wettbewerbe zu dem Thema. Außerdem bekam ich die Chance, an verschiedenen Simulationsspielen der UNO und der Arabischen Liga teilzunehmen oder sie später sogar zu leiten. Dabei lernte ich allerdings vor allem eines: Ich wollte nicht in der Politik arbeiten. Denn wenn ich mein Land repräsentieren würde, müsste ich auch vertreten, was nicht zu meinen Werten passt. Ich wollte also keine Diplomatin werden.

Doch um meine Zukunft musste ich mir vorerst keine Sorgen machen: Ich schloss mein Studium mit einer sehr guten Note ab – meine Bachelorarbeit wurde sogar mit 1,0 bewertet – und bekam gleich eine Stelle im Büro für Kommunikation mit Europa angeboten. Nebenher arbeitete ich noch bei einem französischen Forschungsinstitut. Ich hatte damals große Pläne: Ich wollte zurück nach Amerika gehen, dort meinen Master machen und promovieren.

Ein Sommerkurs, den die Georgetown University in Griechenland anbot, sollte dazu die ideale Vorbereitung sein. Drei Wochen verbrachte ich mit 60 Studenten aus dem Nahen Osten, Europa, den USA und Israel auf der Insel Kreta. Tagsüber hatten wir Kurse, und abends wurde gefeiert. Und dann verliebte ich mich.


Wie ich meine große Liebe fand

Haitham stammte aus Alexandria. Er war Ingenieur und damit nur einer von zwei Nicht-Sozialwissenschaftlern im Kurs. Wir haben uns von Anfang an sehr gut verstanden, denn unsere Werte und Vorstellungen waren einander so ähnlich. Haitham wollte in Deutschland promovieren. Ich sagte ihm, er solle danach zurückkehren, damit wir gemeinsam unser Land voranbringen würden.

Nach dem Kurs verbrachten wir noch fünf Tage als Touristen in Athen. Doch als wir dann nach Ägypten zurückfliegen wollten, merkten Haitham und ich plötzlich, dass wir nicht den gleichen Flug gebucht hatten. Ich war so traurig, denn in dem Moment wurde mir klar, dass sich unsere Wege für immer trennen würden. „Ich rufe dich an“, versprach er zum Abschied. Aber ich wusste, dass ich ihn niemals wiedersehen würde.

Zwei Tage später klingelte das Telefon. Ich fiel aus allen Wolken – es war Haitham! „Willst du die Bilder von Griechenland sehen?“, fragte er mich. „Ich zeige sie dir.“ Und tatsächlich besuchte er mich in Kairo und brachte die Fotos von unserem Sommerkurs mit. Ein paar Tage später rief er mich wieder an und fragte, ob er nach Kairo kommen und mich treffen dürfe. Ich erinnere mich noch genau: Es war der 15. August 2002 – der Tag vor meinem 21. Geburtstag. Wir trafen uns in einem Café und er gab mir ein kleines Geburtstagsgeschenk. Plötzlich fragte er mich: „Möchtest du mit mir nach Deutschland kommen?“ Mir war klar, was diese Frage bedeutete: Er hatte mir gerade einen schüchternen Heiratsantrag gemacht. Ich sagte nicht gleich „ja“ – meine erste Reaktion war: „Aber ich kann kein Deutsch sprechen.“ Schließlich kannten wir uns ja erst seit fünf Wochen. Aber mir war klar, dass ich ihn unbedingt heiraten wollte und seinen Antrag gar nicht ablehnen konnte. Und so sagte ich „ja“.

Jetzt musste ich nur noch meine Eltern überzeugen. Beim Frühstück am nächsten Morgen machte ich ihnen vorsichtig klar, dass ich heiraten wollte. Mein Vater war aber zunächst sauer, dass ich so wenig über den Mann wusste, mit dem ich den Rest meines Lebens verbringen wollte. Wir beschlossen, dass sich unsere Familien erst gegenseitig kennenlernen sollten. Wir trafen uns alle gemeinsam in einem Kairoer Club, einem großen Areal mit zahlreichen Sportmöglichkeiten, Cafés und Spielplätzen. Das Treffen verlief gut, und meine Familie mochte Haitham gleich. Nur eine Sache gefiel meinem Vater an ihm nicht: „Alexandria ist so eine kleine Stadt. Du kannst nur in Kairo Karriere machen, wenn du als Politologin arbeiten möchtest“, sagte er.

Da kam ein glücklicher Zufall dazwischen: Im Club-Café saß ein Mann, der mit meinem Vater zusammen studiert hatte, zu der Zeit mit Haithams Vater zusammenarbeitete und dessen Tochter auf meiner Schule gewesen war. Er legte bei meinen Eltern ein gutes Wort für Haithams Familie ein, und so war mein Vater am Ende einverstanden, dass wir uns verlobten.

Ich war damals noch sehr jung, gerade 21 Jahre alt. Meine Familie hatte immer erwartet, dass ich einmal eine große Karriere machen würde, aber dass die Familiengründung bei mir nicht so bald vorgesehen war. Und jetzt wollte ich einen Mann heiraten, den ich erst seit fünf Wochen kannte. Doch ich war mir sicher, dass ich das Richtige tat.

Im Oktober des Jahres ging Haitham nach Deutschland, um an der TU München zu promovieren. Ich blieb alleine zurück. Bis Dezember arbeitete ich an einem französischen Forschungsinstitut und ab Januar als Entscheiderin beim UNHCR, dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen. Es war ein sehr anspruchsvoller Job, aber gerade deshalb fühlte ich mich dort sehr wohl. Jeden Tag habe ich drei Asylbewerber in verschiedenen Sprachen interviewt – zum Teil mit Dolmetscher. Das war sehr belastend, weil die Flüchtlinge oft sehr schlimme Geschichten erzählten. Jeden Abend habe ich geweint, denn ich konnte oft nicht glauben, dass es so viel „Böses“ auf der Welt gibt. Doch irgendwann sagte mein Vater zu mir: „Du machst dich kaputt. So kannst du nicht weitermachen.“ Ab da lernte ich zu trennen zwischen meinem Job und meinen Gefühlen.

Nur sieben Monate blieb ich beim UNHCR, denn ich wollte heiraten und zu Haitham nach Deutschland ziehen. Meine Chefin und meine Kollegen wollten nicht, dass ich gehe, und ich wollte es eigentlich auch nicht. Ich habe ein großes Opfer gebracht, um mit meinem Mann zusammenleben zu können. Im August heirateten wir.

Für mich begann damit ein neuer Lebensabschnitt. Ich folgte meinem Mann nach Deutschland. Von 2003 bis 2007 lebten wir in Garching bei München. Zweimal in der Woche ging ich abends für drei Stunden zum Deutschkurs. Den Rest der Zeit war ich zu Hause. Bald frustrierte mich mein neues Leben: Mein Mann arbeitete den ganzen Tag lang und ich war alleine. Der Deutschkurs ging mir viel zu langsam voran und arbeiten durfte ich nicht, weil das Visum meines Mannes das nicht erlaubte.

Das einzig Positive in dieser Zeit: Ich erfuhr durch einen Aushang von einer „Amnesty International English Speaking Group“. Zum nächsten Treffen ging ich hin. Gemeinsam organisierten wir dort Petitionen, schrieben Artikel gegen die Todesstrafe und für die Einhaltung der Menschenrechte und verkauften Bücher oder Tee, um unsere Projekte zu finanzieren. Bald fand ich dort neue Freunde: Marc aus England und Sandra, die halb italienisch und halb deutsch war. Nach den Treffen gingen wir oft zusammen etwas trinken. Mittlerweile ist Sandra meine älteste Freundin in Deutschland und durch Amnesty ist eine jahrelange Freundschaft entstanden.

Trotzdem war diese Zeit sehr schwierig für mich: Ich war es einfach nicht gewohnt, den ganzen Tag zu Hause zu bleiben. Es war langweilig und gleichzeitig stressig für mich. Außerdem konnte ich kaum Deutsch sprechen und brauchte sogar zum Einkaufen ein Wörterbuch.

Oft habe ich in dieser Zeit an Ägypten gedacht: wie ich mit meiner Oma auf dem Balkon gesessen hatte und sie mir Geschichten erzählte oder wie ich während meiner Studienzeit mit meinen zwei besten Freundinnen am Nil entlanglief und wir zusammen Lieder sangen. Doch das war jetzt alles so weit weg und unerreichbar für mich. Mein Leben hatte eine andere Wendung genommen und es schien mich in eine Sackgasse geführt zu haben.

Mitten in meinen Grübeleien bekam ich eine traurige Nachricht: Meine geliebte Oma war sehr krank. Kurze Zeit später starb sie. Ich erinnere mich noch genau an den Tag, denn zufällig fand am gleichen Abend die Weihnachtsfeier von „Amnesty International“ statt. Obwohl ich wirklich sehr traurig war, entschied ich mich, zu der Feier zu gehen. Ich wusste, dass meine Oma es sich so gewünscht hätte. Sie war immer voller Lebensfreude und hatte immer gewollt, dass es mir gut geht.


Neue Herausforderungen

Vielleicht war es ja diese traurige Erfahrung, die mich wachrüttelte. Ich war doch erst 22 und es konnte unmöglich schon alles vorbei sein! Ich war es Oma einfach schuldig, dass ich mein Leben wieder selbst in die Hand nahm und mich in neue Herausforderungen stürzte.

Ich hatte mich entschieden, vorübergehend nach Ägypten zurückzukehren und dort meine übrigen Kurse für das Masterstudium, das ich vor dem Umzug nach Deutschland angefangen hatte, zu absolvieren. Und genauso machte ich es dann auch: Im September war ich nach Deutschland gekommen, im Februar des darauffolgenden Jahres ging ich nach Ägypten zurück. Mein Mann war natürlich traurig, von mir getrennt zu sein, aber er unterstützte mich, so gut er konnte. Ich schloss meine Kurse rasch ab, und danach sollte sich alles zum Besseren wenden: Ich fand eine Praktikumsstelle beim „Centrum für angewandte Politikforschung“ (CAP) in München. Im Juli kam ich wieder nach Deutschland. Mein Mann hatte in der Zwischenzeit sein ganzes Geld angespart, damit ich meinen Deutschkurs fortsetzen konnte.

Von da an ging ich jeden Vormittag fünf Stunden zum Deutschkurs und arbeitete am Nachmittag. Mein Arbeitsplatz war in einer alten Villa untergebracht. Mein Chef, Felix Neugart, war sehr nett und fragte mich oft nach meiner Meinung über Nahost-Themen. Und dann gab es da noch den Dozenten Giacomo Luciani aus Italien. Ich unterstützte ihn bei seiner Arbeit. 180 Euro verdiente ich damals im Monat. Und obwohl allein mein Sprachkurs 600 Euro kostete, war ich sehr zufrieden, weil die Arbeit mir Spaß machte.

Im Deutschkurs lernte ich Heba, eine andere Ägypterin, kennen. Wir verstanden uns gut und wurden Freunde, denn wir stammten aus vergleichbaren Verhältnissen und hatten ähnliche Werte. Sie war Christin, und so feierten wir zusammen das muslimische Fastenbrechfest sowie Weihnachten und Ostern. Das war so wichtig für mich. Wir kochten dabei auch unsere Lieblingsgerichte. Mittags besuche ich Heba oft und durfte bei ihr beten. In ihrem Haus las ich auch zum ersten Mal in der Bibel.

In der Zwischenzeit machte ich große Fortschritte mit der deutschen Sprache und bestand schließlich die Prüfung, die Voraussetzung war, um studieren zu dürfen. Und dann begann ich ein Magisterstudium in Internationalen Beziehungen an der Uni München. Jetzt hatte ich endlich ein schönes Leben: Ich war zurück an der Uni, hatte viele Freunde aus verschiedenen Ländern – darunter auch viele Deutsche – und ich arbeitete weiterhin am CAP als studentische Hilfskraft, was mir viel Spaß machte.


Gute und schlechte Erfahrungen

Inzwischen war ich mit allen Uni-Kursen fertig, nur die Magisterarbeit fehlte noch. Auch Haithams Promotion war weit fortgeschritten, und so dachten wir ans Kinderkriegen. 2007 kam meine erste Tochter, Hana, zur Welt. Doch als Hana einige Monate alt war und ich mich wieder auf meine Magisterarbeit konzentrieren wollte, gab es Schwierigkeiten: Obwohl wir bei elf verschiedenen Kitas anfragten, bekamen wir keinen Krippenplatz. Schließlich fand ich eine Tagesmutter, die 15 Stunden in der Woche auf meine Tochter aufpassen konnte. Es kostete mich viele Tränen, mein kleines Baby abzugeben. Aber es ist alles gut gegangen. Einmal kam auch meine Mutter aus Ägypten zu Besuch und passte auf Hana auf.

Mein Mann aber fand in München keinen passenden Job. Schließlich bewarb er sich bei „Procter & Gamble“ in Crailsheim, weil er bei einem internationalen Unternehmen arbeiten wollte, das auch in Ägypten bekannt ist, damit wir eines Tages zurückkehren könnten. Er bekam dort eine Stelle und so zogen wir im Februar 2008 nach Crailsheim um.

Dort fanden wir sofort einen Krippenplatz. Weil wir noch kein Auto hatten, fuhr ich Hana jeden Morgen in einem Fahrradanhänger zur Kita. Ich lernte in der Zeit noch für meine Abschlussprüfungen und pendelte oft zwischen Crailsheim und München. Im September 2008 hatte ich den Studienabschluss in der Tasche und bewarb mich um einen Job. Aber da begannen die Schwierigkeiten, denn ich bekam immer wieder einen Satz zu hören: „Sie sind überqualifiziert.“ So etwas hatte ich noch nie zuvor gehört.

Eines Tages rief mich meine Freundin Sandra aus München an. Sie gab mir den Tipp, mich in Stuttgart zu bewerben. Gesagt – getan: Nach einem erfolgreichen Jobinterview hatte ich dort ab Januar 2009 eine neue Stelle. Was mir als Erstes auffiel, war der schwierig zu verstehende Dialekt meines Chefs. Er kam nämlich aus Wien. Doch die Arbeit war sehr interessant: Wir digitalisierten alte arabische Handschriften und stellten daraus echte Luxusprodukte her: Bücher mit Kalligrafien aus Gold. Unter unseren Kunden waren Könige und Botschafter, und die Bücher wurden von Adeligen wie Prinz Charles signiert. Ich war dafür zuständig, Lizenzen für Übersetzungen ins Arabische anzufragen, beschäftigte mich mit Marketing und hatte Kontakt zu Kunden auf der ganzen Welt. Einmal organisierte ich eine Messe in Abu Dhabi, ein anderes Mal durfte ich an einer Konferenz in Marokko teilnehmen und besuchte dort einige Geschäftspartner und Bibliotheken. Einmal sagte mein Chef zu mir: „In den 30 Jahren, die ich hier arbeite, hatte ich nie so gute Kontakte zu Geschäftspartnern wie jetzt, seitdem Sie hier sind.“ 20 Stunden in der Woche arbeitete ich dort. Und nebenbei gründete ich eine Sprachschule, die bald wuchs, sodass ich schon bald auf der Suche nach meiner ersten freiberuflichen Mitarbeiterin war.

Privat machte ich allerdings einige negative Erfahrungen: Von den Ärzten fühlte ich mich oft schlecht behandelt: Sie schickten mich nach Hause, wenn ich krank war, und sagten, dass sie im laufenden Quartal keine neuen Patienten annehmen würden. Damals dachte ich, sie würden so mit mir umgehen, weil ich eine Ausländerin bin. Heute weiß ich, dass Deutschland ein generelles Problem mit der ärztlichen Versorgung auf dem Land hat. So war es auch stressig für uns, wenn Hana abends oder am Wochenende krank wurde und wir zum ärztlichen Notdienst nach Schwäbisch Hall zu fahren mussten, denn wir hatten damals noch kein Auto. Oft dachte ich an meinen Vater, der nie in die kleine Heimatstadt meiner Mutter ziehen wollte. Alles in allem fand ich es sehr umständlich, im ländlichen Hohenlohe zu leben, ohne mich dort auszukennen.

Hinzu kam noch, dass viele deutsche Frauen ganz ungläubig reagierten, als sie sahen, dass ich Hana in der Kinderkrippe zurückließ. Ich hatte immer das Gefühl, dass die Leute mich kritisieren, weil ich so viel arbeite. Dabei war das ganz normal für mich. In weiteren Situationen fühlte ich mich als Frau nicht für ganz voll genommen: Mir fiel auf, dass auf Veranstaltungen immer mein Mann gefragt wurde, was er arbeite, aber niemals ich selbst. Ich wurde nur gefragt, wie viele Kinder ich habe und wie es ihnen geht. Auch das war für mich ganz neu.

Bald wartete eine neue große Herausforderung auf mich: Mona kam auf die Welt. Aber vorher besuchte ich Mekka.


Im Herzen des Islam

Ich hatte eine feste Anstellung in Stuttgart mit einem tollen Chef, netten Kollegen und einem angenehmen Arbeitsklima. Ich hatte Erfolg mit meiner Sprachschule und bekam es gut hin, gleichzeitig ein Kind groß zu ziehen. Ich war so glücklich, wie ich es ein paar Jahre zuvor niemals erwartet hätte. Das musste alles von Gott kommen. Ich spürte, dass die Zeit für mich reif war, die fünfte und letzte der zentralen Säulen meines Glaubens zu erfüllen: die Wallfahrt nach Mekka. Unsere Tochter ließ ich bei meinen Eltern in Ägypten zurück und reiste mit meinem Mann in die heiligste Stadt des Islam. 18 Tage lang waren wir mit einer Reisegruppe unterwegs, die eine islamische Gemeinde in München zusammengestellt hatte. Ich war damals erst 29 und ich kenne niemanden, der sich in so jungen Jahren auf die Pilgerfahrt begeben hat. Aber wie so oft in meinem Leben spürte ich, was das Richtige für mich war, und tat es einfach. Ich habe es niemals bereut, denn die 18 Tage, die ich in Saudi-Arabien verbrachte, gehören zu den großartigsten Erfahrungen meines Lebens. Ich war überwältigt von den vielen Menschen, die aus aller Herren Länder angereist waren. Wir sprachen alle verschiedene Sprachen und verstanden uns doch gegenseitig. Denn es gab ein unsichtbares Band, das uns alle vereinte: unser tiefer Glaube.

Erste Station der Reise war Medina, die Stadt, in die sich unser Prophet Mohammed einst vor der Verfolgung durch seine Feinde zurückgezogen hatte. Die Menschen, die damals in Medina lebten, waren christlichen Glaubens. Sie haben ihn empfangen und sehr gut behandelt, und so herrschte zumindest damals ein gutes Miteinander zwischen Christen und Muslimen in Medina. Wir besichtigten dort die Große Moschee, bevor es nach Mekka weiterging.

In Mekka umrundeten wir die Kaaba, das zentrale Heiligtum des Islam, sieben Mal, wie es vorgeschrieben ist. Danach beteten wir alle gemeinsam. Es war so ein wunderbares und befreiendes Gefühl! Auch wenn jemand vorher niemals an Gott geglaubt hätte, würde er beim Anblick all der betenden Menschen an diesem heiligen Ort sofort anfangen zu glauben.

Doch der wichtigste Teil der Reise war der Tag, den wir in einem Zelt am Berg Arafat verbrachten, an dem Mohammed kurz vor seinem Tod eine berühmte Rede gehalten hatte. Unser Reiseleiter warnte uns davor, das Zelt zu verlassen, denn es gab so viele andere Zelte, dass wir den Weg zurück nicht finden würden. Wir gingen trotzdem hinaus, um den genauen Ort zu finden, an dem sich unser Prophet aufgehalten haben soll. Doch auf dem Rückweg verliefen wir uns. Die Sonne brannte vom Himmel und ich hatte Durst, doch wir hatten nichts zu trinken dabei. Ich fürchtete, ich könnte sterben und dachte, dass man sich am Tag des Jüngsten Gerichts so fühlen müsste. Doch am Ende fanden wir mit Gottes Hilfe den Weg zurück.

Sehr bewegend war auch die symbolische Steinigung des Satans zum Ende der Tage am Arafat. Die Nacht davor hatten wir unter freiem Himmel in der Ebene Al Muzdalifa bei Mekka verbracht, wo wir sieben Kieselsteine sammelten und in Plastikflaschen füllten. Am Morgen liefen wir dann zusammen mit Hundertausenden weiteren Pilgern einen langen Weg entlang, bis wir zu einer niedrigen Mauer gelangten, über die wir die Steine gegen die Pfeiler der Jamarat-Brücke warfen. Das war ein überwältigendes Erlebnis.


Meine Kopftuch-Episode

Glücklich kehrte ich nach Crailsheim zurück. Ich wollte nun alles richtig machen und die Gebote meiner Religion noch genauer befolgen, als ich es vorher schon getan hatte. Und so entschloss ich mich, ein Kopftuch zu tragen. In meiner Familie wurde es unterschiedlich gehandhabt, ob eine Frau ein Kopftuch trägt. Meine Mutter etwa hatte erst mit 47 damit angefangen. Auch bei ihr war die Pilgerfahrt nach Mekka der Auslöser gewesen. Meine Schwester dagegen trug schon mit 15 Jahren ein Kopftuch. Damals konnten wir es alle nicht nachvollziehen, weil sie noch so jung war, aber es war ihre freie Entscheidung. Jetzt verstand ich auch besser, was meine Schwester damals gefühlt haben musste.

Doch mir stellten sich einige unerwartete Schwierigkeiten: Zunächst einmal machte ich die Erfahrung, dass Frauen mit Kopftuch in Deutschland oft als unterdrückt und ungebildet betrachtet werden. Was noch hinzukam: Ich fühlte mich selbst auch gar nicht wohl in meiner Haut. Ich erinnere mich, wie ich in dieser Zeit auf eine Verlobungsfeier in Ägypten eingeladen war und dort viel weinte, weil ich das Kopftuch noch als ungewohnt und fremdartig empfand.

Zurück in Deutschland, beschloss ich, das Kopftuch modischer zu tragen, damit es nicht als islamisches Symbol erkannt wurde. Doch die verwunderten Reaktionen der Leute ließen nicht nach. Auf der Straße wurde ich oft komisch angeschaut. Ein böses Wort ist aber niemals gefallen. Einmal traf ich mich mit einem guten Freund im Café. Als er mich sah, war er so perplex, dass er überhaupt keinen Ton mehr herausbrachte.

Manche Leute reagierten verständnisvoller: Mein Chef zum Beispiel lachte nur, als er mich sah. Er war ein offener Mensch – er hatte oft mit Saudis zusammengearbeitet, erarbeitete mit ihnen eine islamische Enzyklopädie und kannte die islamische Kultur. Auch mit Kindern machte ich gute Erfahrungen. Sie fragten mich: „Was ist das?“. Ich erklärte es ihnen und damit war alles gut. Sie akzeptierten mich einfach so, wie ich aussah.

Fast ein halbes Jahr trug ich das Kopftuch. Dann machte ich mit meiner Familie Urlaub in Paris. Dort konnte ich endlich tief in mich hineinhören und für mich selbst beschließen, ob ich das Kopftuch weiterhin tragen wollte. Die Entscheidung fiel schnell: Bald merkte ich, dass ich auf den Fotos, auf denen ich kein Kopftuch trug, viel entspannter und glücklicher wirkte. Und so legte ich das Kopftuch wieder ab. Doch am Anfang hatte ich Gewissensbisse, denn ich wollte es Gott ja Recht machen. Ich glaube nach wie vor, dass eine muslimische Frau ihre Haare bedecken sollte, weil sie die Schönheit der Frau zeigen. Aber – auch das war mir klar geworden – ich schaffte es einfach nicht.

Meine Familienmitglieder reagierten verständnisvoll. Sie sagten zu mir: „Wenn es dir damit nicht gut geht, dann lass es sein.“ Und so konnte ich besser akzeptieren, dass ich nun mal kein perfekter Mensch bin. Heute glaube ich, dass Gott mir verzeihen wird, falls es eine Sünde ist, denn ich bemühe mich ja ansonsten immer, alles richtig zu machen.

Und so endete meine Kopftuch-Episode. Eine Erzieherin in Hanas Kindergarten fragte mich hinterher: „Was war das denn? Sie haben schlimm ausgehen.“ Das fand ich nicht in Ordnung. Viele Leute haben mir beinahe gratuliert, als ich das Kopftuch wieder abgelegt habe. Dabei war das meine ganz persönliche Entscheidung und ich legte keinen Wert auf die Meinung von meinen Bekannten, die meine Religion nicht kennen.


Wie mich meine Töchter für Frauenrechte begeisterten

Im Januar 2013 wurde Mona, meine zweite Tochter, geboren. Die Schwangerschaft war nicht ohne Komplikationen verlaufen, denn eine Untersuchung hatte gezeigt, dass Monas Nackenfalte zu breit war. Wir befürchteten, dass sie behindert sein könnte. Monatelang zog sich das quälende Warten hin. Am Tag der Geburt sagte ich der Hebamme, sie solle mir sofort Bescheid sagen, ob das Baby gesund und ob es ein Mädchen oder Junge sei, denn beim Geschlecht wollte ich mich überraschen lassen. Als Mona dann zur Welt kam, sagte die Hebamme sofort: „Es ist ein Mädchen und es ist alles da.“ Ich weinte vor lauter Glück. Das war der schönste Augenblick meines Lebens.

Ich wollte Mona etwas von dem Glück zurückgeben, das sie mir geschenkt hatte. Für Hana hatte ich oft wenig Zeit gehabt, weil ich beruflich hart zu kämpfen hatte. Für Mona nahm ich mir Elternzeit und tat nur das Nötigste, um meine Sprachschule am Laufen zu halten.

Doch als ich nach einem Jahr wieder in meine Festanstellung zurückkehren wollte, wartete eine böse Überraschung auf mich: Während meiner Elternzeit war mein Chef krank geworden und hatte allen Mitarbeitern gekündigt. Auch meine Stelle gab es nicht mehr, aber mein Chef durfte mich während meiner Elternzeit nicht einfach so entlassen. Doch ich bat um eine Kündigung, um Unterstützung von der Arbeitsagentur bei der Suche nach einem neuen Job zu bekommen. Außerdem hatte ich so Anspruch auf Arbeitslosengeld.

Mit der Kündigung ging ich zur Arbeitsagentur, denn ich suchte dringend einen Job. Auf keinen Fall wollte ich nur als Selbstständige mein Geld verdienen. Doch die Arbeitsagentur Mannheim entschied, dass mir kein Arbeitslosengeld zustehe. Zum Glück wurde ich damals von den „Wirtschaftsjunioren“ eingeladen und lernte dort eine Anwältin kennen, der ich den Fall schildern konnte. Sie unterstützte mich in einem Rechtsstreit, der ein Jahr dauerte und den ich schließlich gewann. Dabei ging es mir gar nicht um das Arbeitslosengeld, sondern ums Prinzip: Immer wieder wurde ich gefragt, warum ich denn unbedingt arbeiten wollte, weil ich doch eine eigene Sprachschule und Kinder zu versorgen hätte. Doch ich fand in den Englischkursen einfach nicht meine persönliche Erfüllung.

Diese Erfahrung zeigte mir vor allem eines: Anders als ich vorher gedacht hatte, ist auch Deutschland nur ein ganz normales Land. Die Behörden behandelten mich unfair und waren nicht wirklich daran interessiert, mir zu helfen, und die Arbeitsagentur unterstellte mir in ihren Briefen unterschwellig, dass ich lüge. Dabei hatte ich mich von Anfang an aktiv um neue Stellen beworben.

Arbeitslosengeld bekam ich jetzt also, aber eigentlich war es mir ja viel wichtiger, so schnell wie möglich wieder einen Job zu finden. Das sollte sich allerdings als schwierig erweisen. Meine Betreuerin bei der Arbeitsagentur machte mir gleich klar, dass es für mich als Akademikerin nicht einfach sein würde, in Crailsheim eine Stelle zu bekommen. Sie gab mir den Tipp, meinen Magisterabschluss in den Bewerbungen nicht zu erwähnen und zu schreiben, dass es mir nichts ausmache, einfache und anspruchslose Arbeiten zu verrichten.

Doch es sollte mir einfach nicht gelingen, einen Job zu finden. Zu fast jedem Treffen mit meiner Betreuerin kam ich weinend. Ich bin ein sehr emotionaler Mensch und es war so schwierig für mich zu akzeptieren, dass meine Karriere ins Stocken geraten war, ohne dass ich etwas dafür konnte. Meine Betreuerin wollte mir wirklich helfen, war aber dazu nicht in der Lage. Doch was war eigentlich das Problem?

Über 80 Bewerbungen habe ich geschrieben. Ich wurde oft zum Interview eingeladen und fühlte mich durchaus ernstgenommen. Mein exotischer Name, meine dunklen Haare, mein arabischer Akzent – all das war nie ein Problem. Aber sobald wir darauf zu sprechen kamen, dass ich bereits zwei Kinder hatte, war das Gespräch schnell beendet.

Ich erinnere mich zum Beispiel an ein Jobinterview in Berlin, in dem ich doch allen Ernstes gefragt wurde, was mein Mann beruflich mache, ob ich als Mutter für Abendveranstaltungen zur Verfügung stehen würde und wer dann auf meine Kinder aufpassen könnte. Und bei jedem Vorstellungsgespräch – auch hier in der Region – wurden mir die gleichen Fragen gestellt: „Wie alt sind Ihre Kinder? Sind Ihre Kinder öfter krank? Wohnt Ihre Mutter bei Ihnen im Haus? Wird Ihr Mann beruflich umziehen?“ Immer musste ich beweisen, dass ich als Frau und Mutter leistungsfähig bin. Ich wurde diskriminiert, weil ich eine Frau bin, nicht etwa wegen meines Migrationshintergrunds. Seitdem sehe ich Frauenrechte mit anderen Augen.

Mit 17 hatte ich die wichtigsten politischen Theorien kennengelernt vor. Unter ihnen hatte ich den Feminismus als überflüssig empfunden. Heute dagegen glaube ich, dass Frauen Unterstützung brauchen, und es hat eine gewisse Ironie, dass ich erst in einem westlichen Land leben musste, um das herauszufinden. In Ägypten wird man in Vorstellungsgesprächen nämlich nie nach seinen Kindern gefragt, in Deutschland dagegen müssen sich Frauen in Jobinterviews Sätze anhören wie: „Ich gehe davon aus, dass Ihre Kinderplanung abgeschlossen ist.“


Deutsche Behörden oder: Chaos an der Tagesordnung

Ich war verzweifelt. Doch ich gab nicht auf. Wenn ich bei Unternehmen keinen Job finden konnte, vielleicht würde es bei Behörden klappen? Es war die Zeit, in der immer mehr Flüchtlinge nach Deutschland kamen, und wer weiß – vielleicht legten die Behörden ja Wert auf eine arabische Muttersprachlerin, die in der Kultur des Nahen Ostens verwurzelt ist und sich auch mit der Politik in der Region auskennt?

Doch wieder wurde ich enttäuscht: Zwar wurde ich zum Vorstellungsgespräch beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) nach Nürnberg eingeladen. Beworben hatte ich mich als Entscheiderin an der Landeserstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Ellwangen – in der gleichen Funktion also, in der ich einst beim UNHCR in Kairo so einzigartige Erfahrungen gesammelt hatte. Doch schnell war ich ernüchtert: Im Gespräch fragte mich der Interviewer, ob ich die gleiche Sprache spreche wie die syrischen Flüchtlinge. Er wusste wirklich nicht, dass wir Araber alle die gleiche Sprache sprechen und uns untereinander verständigen können, egal aus welchem Land wir stammen. Immerhin wollte er nichts über meine Kinder wissen, sondern ausnahmsweise mal über meine Magisterarbeit zum Thema „Islam in Deutschland“. Letztlich scheiterte meine Bewerbung aber an der Einstellungsvoraussetzung, dass man ein Jahr Arbeitserfahrung bei einer deutschen Behörde mitbringen musste. Die hatte ich natürlich nicht.

Immerhin bemühte sich der Interviewer, eine andere Lösung zu finden und bot mir an, mich möglicherweise als Sachbearbeiterin einzustellen. Wir verblieben so, dass ich eine Woche später wieder etwas hören würde. Das war im März. Doch der erhoffte Anruf blieb aus und wochenlang wartete ich vergeblich. Im Mai fragte ich noch einmal beim BAMF nach, doch niemand erinnerte sich an mich. Im September schließlich kam der lang erwartete Anruf und ich wurde gefragt, ob ich lieber in Ellwangen oder in Schwäbisch Hall arbeiten wolle. „In Ellwangen“, antwortete ich. Dann passierte wieder wochenlang nichts. Im Dezember endlich lag ein Brief in meinem Briefkasten. Voller Hoffnung öffnete ich ihn – es war eine Absage. Wahrscheinlich hatte man mich nur als „Quotenfrau“ oder „Quotenmigrantin“ überhaupt eingeladen. Und damit ich mir auch ja keine falschen Hoffnungen mehr machte, bekam ich die Absage gleich zweimal zugeschickt.

Das alles zeigte mir, dass Deutschland nicht so perfekt ist, wie ich früher einmal geglaubt hatte. Um die Zeit zu überbrücken, unterstützte ich die Polizei als freiberufliche Dolmetscherin. Und lernte dabei ein chaotisches System kennen. Das lag nicht an den Polizisten, denn – anders als in Ägypten – gingen sie in allen Fällen sehr respektvoll mit den Kriminellen um. Doch das System unterstützte sie einfach nicht. Es ist schwierig für mich zu verstehen, wie ein Mensch ohne Bleiberecht nicht aus Deutschland abgeschoben werden kann, auch wenn er eine Straftat begangen hat. Und so war ich am Ende froh, keine Stelle in diesem chaotischen System bekommen zu haben. Ich hätte wahrscheinlich viele Dinge gesehen, die mich stören, und ich hätte nichts daran ändern können. Doch gerade dadurch wurde ich zur Patriotin – zur deutschen Patriotin – denn ich sehe, dass es in dem Land, das längst meine zweite Heimat geworden ist, noch vieles zu verbessern gibt. Und ich würde gerne meinen Beitrag leisten, um dieses Land noch lebenswerter zu machen.

Ich möchte eines klarmachen: Ich finde es großartig, wenn politisch verfolgte Menschen hier die Chance auf ein Leben in Sicherheit bekommen. Doch es gibt unter den Flüchtlingen auch einige Trittbrettfahrer, die diese Möglichkeit ausnutzen, obwohl sie in ihrer Heimat nicht verfolgt werden. Manche von ihnen werden zu Kriminellen oder sogar zu Terroristen. Und den deutschen Behörden gelingt es in vielen Fällen nicht, die echten von den angeblichen Flüchtlingen zu unterscheiden und zu verhindern, dass manche von den Trittbrettfahrern Schaden anrichten. Daran ist meiner Meinung nach das allgemeine Chaos Schuld, das in der Arbeit der Behörden oft vorherrscht.


Auf neuen Wegen

Es war für mich also unmöglich, eine feste Arbeitsstelle bei Unternehmen oder Behörden zu bekommen. Meinen Freunden habe ich es zu verdanken, dass ich schließlich einen Ausweg fand: Sie fragten mich, ob ich nicht Lust hätte, mit ihnen gemeinsam ein weiteres Unternehmen zu gründen. Mir gefiel der Gedanke, doch noch suchte ich eine Geschäftsidee, mit der ich mich identifizieren konnte. Schließlich hatte ich die zündende Idee: Ich gründete eine internationale Beratungsfirma. So konnte ich meine Lebenserfahrung und meine im Studium und bei meinen beruflichen Stationen erworbenen Kenntnisse am besten anwenden, um meinen Lebensunterhalt zu bestreiten und dabei anderen Menschen zu helfen. Und so begann das bisher letzte Kapitel meines beruflichen Werdegangs. Zuerst war es nur eine Notlösung, doch heute gehe ich meinen Weg mit Entschlossenheit und Leidenschaft.

Meine Sprachschule läuft derweil immer besser. Ich konnte mehrere Fortbildungen besuchen und ein Büro anmieten. Jetzt ist es mein Ziel, meine Beratungsfirma voranzubringen. Am meisten liegt mir heute das Coaching am Herzen. Mein Ziel ist es, die Menschen zu unterstützen, ihren Weg mit Hilfe des Coachings selbst zu finden. Nur ist es oft frustrierend für mich, dass viele Leute denken, ich hätte in Deutschland alle Chancen bekommen, die mir in Ägypten verwehrt geblieben sind. In Wirklichkeit ist es genau umgekehrt: In meiner Familie haben alle Frauen, die eine gute Karriere anstreben, auch Karriere gemacht und hier in Deutschland muss ich mich ständig rechtfertigen. In Ägypten gibt es das „Rabenmutter-Konzept“ nicht, in Deutschland muss ich kämpfen, um als stolze Mutter und Unternehmerin gleichzeitig anerkannt zu werden. Dabei sind meine beiden Rollen für mich zwei Seiten einer Medaille – erst beides zusammen macht Hoda aus.

Was mich persönlich oft sehr beschäftigt, ist die Frage nach meiner Identität. Ich fühle mich nicht mehr ganz wohl, wenn ich in Ägypten bin: Ich habe kein Verständnis mehr für Unpünktlichkeit und für Pläne, an denen man nicht festhält. Ich bin aber auch keine Deutsche: Ich trinke kein Bier, faste im Ramadan und muss mich oft dafür rechtfertigen. Es gibt vieles, was mich an der ägyptischen Gesellschaft stört: Sie ist zu einer Konsumgesellschaft geworden. Die Leute produzieren nicht, sie verbrauchen nur. Das passt nicht zu mir. Die typische Mittelklasse-Familie schickt ihre Kinder auf teure internationale Schulen und legt großen Wert auf Markenkleidung. Gleichzeitig gibt es einen hohen Anteil armer Menschen, die sich solche Dinge niemals leisten können. Es stimmt etwas in dieser Gesellschaft nicht. Doch gleichzeitig vermisse ich die ägyptische Mentalität: das gesellige Beisammensein, die Kultur, die Musik. Es gibt zwei Hodas in mir – eine Ägypterin mit Herz und Seele und eine Deutsche, die viele Werte ihrer neuen Heimat übernommen hat: langfristige Planung etwa. Wie man seine Steuererklärung korrekt ausfüllt. Und wie man Müll richtig trennt.

Manchmal macht es mich traurig, dass ich mich weder in Ägypten noch in Deutschland jemals hundertprozentig wohlfühlen werde, dass ich nicht weiß, wo ich nach meiner Rente leben und wo ich eines Tages begraben werden möchte. Dadurch dass ich nach Deutschland gekommen bin, habe ich so viele wertvolle Erfahrungen gewonnen. Aber ich habe auch etwas verloren, als ich mein Land verlassen habe: einen Teil meiner Wurzeln, das Gefühl, an einem Ort zu Hause zu sein, ein Stück weit auch Sicherheit und Geborgenheit.

Und dann denke ich wieder an Oma zurück. An ihre Worte, dass ich es einmal zu etwas Besonderem bringen würde. Heute weiß ich, dass sie Recht hatte. Mein Weg ist nicht immer geradeaus verlaufen, aber an den wichtigen Kreuzungen bin ich meinem Herzen gefolgt und habe so die richtigen Entscheidungen getroffen. Ich bin studierte Politikwissenschaftlerin, Geschäftsfrau mit zwei Unternehmen, liebende Ehefrau und Mutter zweier wunderbarer Töchter. Ich bin dankbar für das, was ich erreicht habe. Und dabei bin ich immer noch jung und stecke voller Energie und neuer Ideen. Gott allein weiß, wohin mich mein Weg noch führen wird. Ich vertraue auf ihn und lasse mich von ihm führen. Ich bin Hoda El Gawish. Und ich bin voller Lebenshunger.



Diese Lebensgeschichte wurde von Frank Lutz weitererzählt.
siehe auch: meine.stimme.de "Von Kairo nach Crailsheim"












Nurintan Lutz

Lebensfluss


Irgendwo in der einsamen Berglandschaft der indonesischen Insel Sumatra suchte eine junge Frau Zuflucht im Haus ihrer Eltern. Sie war hochschwanger, doch das Kind wollte einfach nicht zur Welt kommen. Drei ihrer Freundinnen, die etwa um die gleiche Zeit schwanger geworden waren, hatten ihr Kind schon bekommen. Ihre Schwiegermutter schimpfte. Die junge Frau haderte mit ihrem Schicksal, fragte das ungeborene Kind, warum es ihr so etwas antue.

„Die Geburt steht kurz bevor. Bleib zu Hause“, sagte ihre Mutter und verließ das Haus. Es war Erntezeit und sie wollte auf ihren Reisfeldern nach dem Rechten sehen. Doch ihre Tochter sollte nicht zur Ruhe kommen, denn immer wieder steckte ein Nachbar seinen Kopf durch die Tür und fragte: „Ist das Kind denn immer noch nicht geboren?“ Schließlich hielt es die junge Frau nicht mehr aus und flüchtete in die Reisfelder. Doch sie kam nicht weit und musste sich bald erschöpft nieder setzen. Dort, am Ufer eines Baches, brachte sie ihr Kind ganz allein zur Welt. Mit letzter Kraft hielt sie es fest, damit es nicht ins Wasser fiel.

Während sie völlig entkräftet am Ufer saß, kam zufällig ein Verwandter vorbei, der einen Sack Reis nach Hause schleppte. Beim Anblick der riesigen Blutlache, in der das Neugeborene lag, erschrak er. Doch die Frau sagte zu ihm: „Erschrick nicht – das ist deine Nichte. Ich habe einen trockenen Hals, hole mir etwas zu trinken.“ Er schöpfte mit beiden Händen Wasser aus dem Bach und gab es ihr zu trinken. Dann schnitt er die Nabelschnur durch – ob mit einem Messer oder einem angespitzten Bambusrohr, weiß ich bis heute nicht.

Das hilflose kleine Wesen, das aus dem Schoß seiner Mutter auf die nackte Erde gefallen war, war ich selbst, und die Geschichte liegt über 70 Jahre zurück. Mein Name ist Nurintan Lutz, mein Geburtsname ist Silaban. Ich kam am 15. Juni 1948 als erstes von neun Kindern zur Welt. Ich hatte sicher nicht den besten Start ins Leben, aber wie später so oft habe ich die gefährliche Situation unbeschadet überstanden. Oft gab es Momente in meinem Leben, in denen ich kaum eine Chance hatte und trotzdem durchgekommen bin. Sicher habe ich viel Glück gehabt, aber ich habe vor allem immer an mich selbst geglaubt. Vielleicht brachten manche Menschen bessere Voraussetzungen und Fähigkeiten mit, aber sie waren nicht so entschlossen wie ich. Und wenn die Lage ganz aussichtslos erschien, gab es immer eine Person, die mich gerettet hat. Ansonsten glaube ich fest an den Spruch: „Hilf dir selbst, so hilft dir Gott.“

Doch zurück zu meinen ersten Lebenstagen: Die Nachricht von meiner Geburt verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Jeder im Dorf wusste Bescheid, denn es kannten sich ja alle gegenseitig, weil sie gemeinsam auf den Feldern arbeiteten oder im Kirchenchor sangen. Dutzende von Menschen kamen, um mich zu sehen. „Wie sieht das Baby aus, das am Bach geboren wurde? Hat es auch wirklich zehn Finger?“, fragten sie. Als ich größer wurde, war ich sehr aktiv im Kirchenchor und wurde immer wieder als Vorsängerin ausgewählt. Und auf einmal sagten die Leute: „Sie ist etwas Besonderes, Außergewöhnliches. Deswegen hat es so lange gedauert, bis sie zur Welt kam.“ Der Bach, an dem ich geboren wurde, wurde in ihrer Phantasie zu einem breiten Fluss, der mich eines Tages hinfort tragen würde zu fernen, unbekannten Ufern – damals ahnte ich nicht, wie Recht sie mit ihrer Prophezeiung haben sollten. Meine Mutter selbst erzählte einmal, dass sie vor meiner Geburt geträumt hatte, wie ein Engel ihr eine Kette schenkte, ein Symbol für die Unendlichkeit. Der Aberglaube ist bis heute stark geblieben bei den Menschen in meinem Dorf.


Fern vom Trubel der Welt

Kaum jemand kennt Sipultak, das Dorf, in dem ich aufgewachsen bin. Doch für mich war es damals der Mittelpunkt der Welt. Es gibt dort bis heute noch viel Natur und wir lebten vom Ackerbau. Über den Rest der Welt wussten wir nicht viel, und so hat es mir an nichts gefehlt. Die Jahre, die ich in meinem Dorf verbrachte, waren ein schöner Lebensabschnitt, an den ich gern zurückdenke. Ich hatte nur eine kurze Kindheit und musste als älteste Tochter sehr früh Verantwortung übernehmen. Doch ich fühlte mich wohl damit, auf meine Geschwister aufzupassen.

Meine Eltern waren einfache Menschen. Sie konnten uns keine Reichtümer bieten, aber sie gingen liebevoll mit uns um. Meine Mutter war eine bedächtige, tiefreligiöse Frau, die gerne im Kirchenchor sang. Mein Vater, der heute auf die 96 zugeht, ist in manchen Dingen genau das Gegenteil von ihr: Er ist ein sehr willensstarker Mensch, der es gewohnt ist, sich durchzusetzen. Obwohl er selbst nur die Grundschule besucht hatte – oder vielleicht gerade deshalb –, legte er großen Wert auf Bildung. Anders als viele andere Männer aus meiner Volksgruppe, den Batak mit ihren patriarchalischen Traditionen, wünschte er sich auch für seine älteste Tochter eine gute Ausbildung. Einmal stritt er mit einem anderen Mann in der Kneipe, als der ihm riet, mich schnell zu verheiraten: „Was, wenn mein Sohn ein Idiot ist, aber meine Tochter klug? Sag mir nicht, wie ich meinen Reis zu essen habe“, schrie er ihn an. Als er nach Hause kam, gab er den Druck an mich weiter: „Blamier mich nicht. Wenn du nur mit anderen Jungs abhängst, verheirate ich dich“, drohte er mir. Ich bekam Angst und versuchte es ihm Recht zu machen. Dabei meinte er seine Drohung gar nicht ernst, aber das konnte ich damals noch nicht wissen.

Als Kaffee-und Tabakbauer, der zunächst keine eigenen Reisfelder besaß, stand mein Vater in der Dorfhierarchie weit unten. Doch sein Geschäftssinn sollte sich auszahlen: Viele Dorfbewohner hatten zwar eigene Reisfelder, aber die warfen oft nicht genug ab, um das Schulgeld für ihr Kinder zu bezahlen. Mein Vater, der sehr sparsam ist, gab ihnen das nötige Geld, verlangte aber als Gegenleistung ihre Reisfelder. Dabei wusste er stets ein gutes Tauschverhältnis auszuhandeln. Seine Familie hatte ihm keine großen Besitztümer mitgegeben, also musste er sich etwas einfallen lassen, um im Leben voranzukommen. „Ich habe nichts zu vererben. Was ich im Kopf habe, ist euer Erbe“ – so dachte er.

Die Jahre meiner Kindheit vergingen wie im Flug. Mit sechs wurde ich eingeschult. Jeden Tag legte ich den fünf Kilometer langen Schulweg zu Fuß zurück. Nach sechs Jahren kam ich auf die Mittelschule im Nachbarort Simamora Pealinta. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir aus dieser Zeit das alljährliche Theaterspiel in der Vorweihnachtszeit. Weil ich so gut singen und tanzen konnte, durfte ich immer Salome, die Stieftochter von König Herodes, spielen. Wie in der Bibel erzählt wird, sagte Herodes zu Salome: „Wenn du meine Frau wirst, gebe ich dir zwei Drittel meiner Reichtümer.“ Sie entgegnete ihm: „Nein, ich möchte nur den Kopf von Johannes dem Täufer.“ Den bekam sie auch – in Wirklichkeit war es eine Melone. Es war alles nur ein Spiel, aber die Leute nahmen es für bare Münze. Sie wussten nicht, wer Herodes war und glaubten, dass ich ihn wirklich mit meinen Tanzkünsten betört hatte. Seitdem wurde ich bei vielen Aufführungen als Tänzerin ausgewählt.


Schicksalsjahr 1965

Drei Jahre dauerte die unbeschwerte Zeit an der Mittelschule. Nach bestandener Abschlussprüfung hatte ich große Pläne: Ich wollte das Gymnasium in Medan besuchen. Die Provinzhauptstadt von Nord-Sumatra liegt 300 Kilometer weit weg von meinem Heimatdorf. Für uns hätte sie auch auf einem anderen Planeten liegen können, so weit entfernt und unerreichbar erschien sie uns. Doch einige unserer Verwandten hatten es schon bis dorthin geschafft. Meine Tante etwa: Sie arbeitete bei der Elektrizitätsversorgung und lebte in ihrem eigenen Haus. In den Ferien zum Jahresende 1964 besuchte ich sie und schaute mir verschiedene Gymnasien an. Ich war fest entschlossen, an einem von ihnen meine schulische Ausbildung fortzusetzen.

Doch dann kam das Schicksalsjahr 1965 und in meinem Leben sollte vieles nicht mehr so sein wie vorher. Auch für Indonesien hat das Jahr eine tragische Bedeutung – doch dazu später mehr. Zunächst traf das Schicksal meine Familie: Am 5. Januar 1965 kam mein dritter und jüngster Bruder Rambang zur Welt. Durch die mangelnde Hygiene während der Geburt erlitt meine Mutter eine schwere Schwangerschaftsvergiftung. Ihr Zustand wurde immer schlimmer und bald hatten wir Angst um ihr Leben. Ich war damals 16 Jahre alt und musste die Schule abbrechen, um mich um Rambang zu kümmern. Währenddessen zeigte sich wieder der Aberglaube der Leute: Sie dachten, meine Mutter sei verhext worden und forderten, meine Großmutter, eine traditionelle Hebamme und Schamanin, müsse herkommen, um ihr den Teufel auszutreiben. Dabei lebte meine Großmutter in Kutacane, und das war fast 250 Kilometer weit weg. Mein Vater glaubte nicht an Hexenwerk und wollte seine Frau ins Krankenhaus bringen, aber gegen das Gerede der anderen Dorfbewohner war er machtlos. So machte er sich auf den weiten Weg nach Kutacane, um meine Großmutter zu holen. Ein Motorrad besaß damals niemand im Dorf, geschweige denn ein Auto. Und so fuhr mein Vater auf dem Fahrrad zum Busterminal und von dort weiter mit dem Bus. Drei Tage war er unterwegs, während meine Mutter ums Überleben kämpfte. Sie bekam kaum noch Luft, konnte nicht mehr ruhig liegen und ihr Bauch schwoll immer weiter an. Mein Vater sagte später: „Ich habe das nur getan, damit die Anderen Ruhe geben und ich meine Frau ins Krankenhaus mitnehmen kann.“

Als meine Großmutter dann endlich eintraf, erholte sie sich zunächst von der langen Reise. Die Leute hatten vorher Eier, Fisch und Reis als Opfergaben für die Teufelsaustreibung vorbereitet. Da passierte etwas Unerwartetes: Mein ältester Bruder Julius machte sich heimlich über die Opfergaben her und aß sie komplett auf. Er hatte natürlich nicht verstanden, was los war, sondern nur das leckere Essen gesehen. Vielleicht hat er mit diesem kleinen Streich unserer Mutter das Leben gerettet. Denn als die Leute sahen, dass jemand die Opfergaben aufgegessen hatte, glaubten sie, die Geister seien es gewesen und sie hätten das Opfer angenommen. Jetzt waren sie endlich bereit, meinem Vater zu helfen. Zu sechst trugen sie meine Mutter bis zur Poliklinik im Marktflecken Lintong Nihuta, die fast 20 Kilometer entfernt auf der andere Seite eines Gebirges liegt. Es war ein waghalsiges Abenteuer. Doch meine Mutter brauchte so schnell wie möglich Hilfe.

Währenddessen wurden meine ehemaligen Klassenkameraden schon für das Gymnasium angemeldet. Für mich zählte nur die bange Frage, ob es meine Mutter morgen noch geben würde. Doch zum Glück bekam sie jetzt die Hilfe, die sie brauchte. Als ich sie zum ersten Mal besuchte, hatte sie ganz eingefallene Wangen und ihr Bauch hing schlaff herunter, aber ihre Haut war nicht mehr gespannt. „Oh Mutter, du bist wieder da!“, rief ich voller Freude. „Dann kann ich ja wieder zur Schule gehen.“ Meine Mutter ermutigte mich: „Ja, versuche, eine Schule zu finden.“

Bald ging es wieder bergauf mit ihr und knapp zwei Wochen später kam sie wieder nach Hause. Einige Leute sahen nun ein, dass die moderne Medizin und nicht die traditionelle Teufelsaustreibung ihr Leben gerettet hatte. Die Moderne erreichte allmählich auch unser abgelegenes Dorf, und die Macht meiner Großmutter war im Schwinden. Doch manche Leute waren einfach unverbesserlich: Sie sagten, ich hätte die magischen Fähigkeiten meiner Großmutter geerbt. Ich habe mich immer gegen diesen Gedanken gewehrt, besonders später, als ich meine Ausbildung an einem christlichen Krankenhaus machte.


Gefährliche Zeiten

Nachdem meine Mutter nun also wieder gesund war, konnte ich endlich wieder an meine Ausbildung denken. Da in Folge ihrer Krankheit so viel Zeit vergangen war, waren die Plätze an den öffentlichen Gymnasien in Medan inzwischen alle belegt. Für mich blieb nur eine teure Privatschule übrig. Aber das war egal – Hauptsache, ich konnte weiter zur Schule gehen. Im August 1965 kehrte ich nach Medan zurück. Ich wohnte bei meiner Tante, die ich ein Jahr zuvor besucht hatte, und passte als Gegenleistung auf ihre Kinder auf.

Zweieinhalb Jahre lang besuchte ich das Gymnasium. Das Abitur schien zum Greifen nah, da passierte der zweite Schicksalsschlag, der mein Leben verändern sollte. Dazu muss ich etwas weiter ausholen: In den 60er-Jahren erhielten die Kommunisten in Indonesien immer mehr Zulauf und traten immer aggressiver in der Öffentlichkeit auf. Der damalige Präsident Sukarno sah das mit Wohlwollen, träumte er doch davon, die wichtigsten politischen Gruppen – Nationalisten, religiöse Parteien und Kommunisten – unter seiner Führung zu vereinen. Doch besonders die Armee als größte Rivalin der Kommunistischen Partei fürchtete, diese könnte an die Macht gelangen. Die Stimmung im Land war zum Zerreißen gespannt, und dann kam es zur Katastrophe: Am 30. September 1965 wurden sechs führende Generäle entführt und ermordet und eine Revolutionsregierung übernahm die Macht. Die Reaktion der Armee ließ nicht lange auf sich warten. Rasch brachte sie die Lage wieder unter Kontrolle und holte dann zu einem grausamen Gegenschlag aus: In den folgenden Monaten und Jahren nahmen die Soldaten und ihre Unterstützer im ganzen Land echte und vermeintliche Kommunisten gefangen, verhörten sie, folterten und töteten sie. Hunderttausende Menschen mussten damals ihr Leben lassen.

Was am 30. September 1965 genau passiert war, liegt bis heute im Dunkeln. Die offizielle Version der neuen Militärmachthaber, die unserem Volk von da an eingetrichtert wurde, lautete: Die skrupellosen Kommunisten hatten versucht, die Macht an sich zu reißen, aber die heldenhafte Armee hatte das verhindert. Doch die Wahrheit war wohl viel komplexer: Höchstwahrscheinlich steckten – wenn überhaupt – nur Teile der Kommunistischen Partei hinter dem Putschversuch. In Wirklichkeit hatte die Armee wohl nur auf eine Gelegenheit gewartet, die Kommunisten zu vernichten. Es wird sogar davon ausgegangen, dass die Amerikaner die indonesische Armee unterstützten, weil sie in Zeiten von Kaltem Krieg und Vietnamkrieg fürchteten, ein weiteres südostasiatisches Land könnte ins kommunistische Lager wechseln.

Doch was bedeuteten diese dramatischen Ereignisse für uns einfache Menschen, die nicht viel von der großen Politik verstanden? Das Erste, was ich mitbekam, war, dass meine Tante sich jede Woche auf dem Polizeirevier melden musste und dort verhört wurde. Sie hatte nämlich auf der Arbeit einem Stammtisch mit dem Namen „SOKSI“ angehört. Das „K“ stand für „komunis“ (kommunistisch), doch sie behauptete felsenfest, sie habe gedacht, es stehe für „kristen“ (christlich). Ich begleitete sie zu allen Verhören, passte auf ihr Baby auf und zwickte es auf ihre Anweisung, damit es schrie und das Verhör immer wieder unterbrochen werden musste. Meinte Tante hatte Glück: Sie entging dem Gefängnis – wahrscheinlich hat sie nur der Umstand gerettet, dass sie ein kleines Kind zu versorgen hatte. Doch das Stigma der angeblichen Kommunistin sollte sie nie wieder loswerden und von dieser Zeit an war sie eine gebrochene Frau.

Auch in meinem Heimatdorf wurde damals Jagd auf Kommunisten gemacht. Sogar mein Vater geriet ins Visier, weil er zuvor im Namen der Kommunistischen Partei Reis, Zucker und Seife an die Dorfbewohner verteilt hatte. Er hatte das aber nur getan, weil er die Reste behalten durfte. Zum Glück war er rechtzeitig abgesprungen, als von ihm verlangt wurde, dass er auch die kommunistische Lehre verbreiten sollte.

Doch um mich, seine Tochter in der fernen Großstadt, machte er sich Sorgen. Und nicht zu Unrecht: Immer wieder wurden in diesen unruhigen Zeiten junge Frauen vergewaltigt, es war gefährlich allein auf die Straße zu gehen. Mein Vater wollte, dass ich nach Hause zurückkomme, ich wollte in Medan bleiben. Aber wie so oft hatte er schon einen Schritt weiter gedacht und mir einen Ausbildungsplatz als Krankenschwester in Balige vermittelt, einer Kleinstadt, nicht allzu weit weg von unserem Dorf. 1967 bestand ich dort die Aufnahmeprüfung.


Reise ins Ungewisse

1968 begann ich in Balige meine Ausbildung zur Krankenschwester, die ich innerhalb von drei Jahren abschloss. Danach kehrte ich nach Medan zurück, wo ich meine erste Anstellung an einem Krankenhaus hatte und im Schwesternheim wohnte. Doch nur für kurze Zeit, denn bald sollte sich mein Leben von Grund auf verändern.

Zu verdanken habe ich das vor allem einer Freundin, die ich in der Ausbildung kennengelernt hatte: Erika war eine sehr liebevolle, etwas verschlossene junge Frau. Auch sie war von ihrem Vater zur Krankenschwesterausbildung in Balige „verdonnert“ worden, obwohl sie vorher schon in Medan gelebt hatte. Sie war mit ihrer Ausbildung etwas früher fertig als ich und dann nutzte sie ihre Chance: Als Teil einer Gruppe indonesischer Krankenschwestern ging sie nach Deutschland und baute sich dort eine Existenz auf. Immer wieder schickte sie Geld nach Hause. Als ich später wieder in Medan lebte, traf ich Erika wieder, die gerade ihre alte Heimat besuchte. Sie gab mir einen Tipp: „Ich habe gehört, in Deutschland werden noch Krankenschwestern gebraucht. Aber ich möchte deine Beziehung zu Ridwan nicht zerstören.“

Ridwan stammte wie ich aus Sipultak. Wir kannten uns schon von dort und sahen uns in Medan wieder. Er wohnte in einer Kost, der indonesischen Form einer Wohngemeinschaft, studierte auf Lehramt und arbeitete nachmittags als Rikschafahrer, um sein Studium zu finanzieren. Er sollte der erste Mann in meinem Leben werden. Es sprachen viele Dinge dagegen, dass ich mein Glück in Deutschland versuchen sollte

Oft gingen wir zusammen aus, einmal auch ins Casino. Und auch sonst. Zum Beispiel, dass ich kaum etwas über dieses Land irgendwo im fernen Europa wusste. Deutschland – da kam zwar der Missionar Ludwig Ingwer Nommensen her, der viele Jahrzehnte zuvor die protestantische Lehre unter uns Batak verbreitet hatte. Seine Organisation, die Rheinische Missionsgesellschaft, spendete oft gebrauchte Kleidung und Decken an die armen Leute auf den Dörfern. Gute Leute anscheinend, diese Deutschen, doch das waren auch schon die einzigen Berührungspunkte, die ich mit diesem geheimnisvollen Land hatte. Und mir wäre wirklich nicht in den Sinn gekommen, mein Glück fern der Heimat zu versuchen.

Doch dann war da mein Vater, der von einem eigenen Haus in Medan träumte. Ich wollte ihm diesen Traum gerne erfüllen. Außerdem hatten inzwischen meine Brüder Julius und Elyeser ihr Abitur abgelegt und zogen ebenfalls nach Medan, um zu studieren. Wer würde ihr Studium finanzieren?

Vielleicht war es der Wunsch, meine Familie zu unterstützen. Vielleicht war es der Druck meiner Verwandtschaft, vielleicht auch eine Spur Abenteuerlust. Jedenfalls bestieg ich im Jahr 1973 zum ersten Mal in meinem Leben ein Flugzeug. Mein Ziel: Berlin, wo Hilde, eine Verwandte von mir, als Krankenschwester tätig war. Durch sie hatte ich eine Einladung von diesem Krankenhaus erhalten. Die Worte der Leute bei meiner Geburt hatten sich also bewahrheitet: Jetzt war mein Leben im Fluss, und der Fluss nahm mich mit zu fernen Ufern, auf eine abenteuerliche Reise ins Ungewisse.

Meine Tante hatte ihren Goldschmuck verkauft, um mein Flugticket zu finanzieren. Drei Monate dauerte es, bis es ausgestellt war, denn Flüge von Einzelpersonen waren damals noch sehr selten. Ridwan versprach ich, nur für drei Jahre wegzugehen, dann würde ich zurückkommen und wir würden heiraten. „Du steigst hier ein, und in Berlin steigst du aus, da holt dich Hilde ab“, hatte mir mein Vater vor dem Flug eingeschärft. Doch meine Reise ans andere Ende der Welt sollte sich zu einer wahren Odyssee entwickeln, bei der ich mir selbst helfen musste. Denn niemand anders war mehr für mich da. Nicht mal mein Vater. Niemand aus meiner Verwandtschaft hatte es vorher weiter weg von zu Hause geschafft als nach Medan. Es war sehr naiv, aber auch couragiert, diese Reise anzutreten. Wenn man keine Ahnung von der Welt hat – so wie ich damals –versucht man mit allen Mitteln durchzukommen und schafft es dann auch irgendwie.

Die Kette von Zwischenfällen auf meiner weiten Reise begann damit, dass ich meinen Anschlussflug in Singapur verpasste. Ein hilfsbereiter Chinese, den ich auf der Reise kennengelernt hatte, bot mir an, in seiner Wohnung zu übernachten. Doch mitten in der Nacht weckte mich dort ein süßlicher Geruch und ich sah meine chinesischen Gastgeber, wie sie mit glühenden Räucherstäbchen umherliefen. „Sie wollen mich bei lebendigem Leib verbrennen“, schoss es mir durch den Kopf. Dabei verrichteten sie nur ihr Gebet vor dem Hausaltar. Heute lache ich darüber, wie naiv ich damals war. Doch in dieser Nacht habe ich vor lauter Angst kein Auge mehr zugemacht.

Am nächsten Morgen war ich tatsächlich noch am Leben. Mein Gastgeber rief ein Taxi und begleitete mich zum Flughafen. Er bezahlte die Fahrt sogar, weil ich kein Geld dabei hatte. Meine Reise ging weiter nach Paris. Und dort wartete die nächste Überraschung auf mich: Mein Koffer war irgendwo auf dem weiten Weg zwischen Asien und Europa verlorengegangen. Immerhin half mir ein Japaner dabei, eine Verlustanzeige aufzugeben.

Der dritte Zwischenfall passierte nachts im Pariser Hotel: Auf meinem Ticket stand, dass mein Anschlussflug nach Berlin um „1 p.m.“ starten würde. Ich stand mitten in der Nacht auf, um meinen Flug nicht wieder zu verpassen. Dass das Flugzeug erst am nächsten Tag um 13 Uhr abfliegen sollte, verstand ich natürlich nicht. Dummerweise merkte ich erst, dass ich einen Teil meiner Sachen – darunter den Zimmerschlüssel – im Zimmer vergessen hatte, als die Tür hinter mir ins Schloss fiel. Ich stand also auf dem Gang und hatte mich ausgesperrt. Da kam ein holländischer Gast im Bademantel vorbei. „Airport! Airport!“, rief ich in gebrochenem Englisch. Er schaute sich mein Ticket an und versuchte mir dann zu erklären, dass der Flug erst am nächsten Tag starten würde. „Sleeping now“, versuchte er mich zu beruhigen. Unglücklicherweise erinnerte ich in dem Moment an die Worte meines Vaters, die Europäer würden oft ihre Partnerinnen wechseln und fürchtete: „Jetzt will er schon mit mir schlafen.“ Aber der Mann wollte mir nur helfen. Er verschwand für einige Minuten, dann kehrte er mit dem Rezeptionisten zurück, der meine Zimmertür wieder aufschloss.

Irgendwie habe ich es dann doch noch nach Berlin geschafft. Nach der Landung folgte ich einfach den anderen Leuten und kam an ein langes Förderband, auf dem lauter Gepäckstücke lagen. Ich hatte so etwas noch nie gesehen. Aber plötzlich kam darauf mein Koffer angefahren, den ich seit meinem Abflug aus Singapur aus den Augen verloren hatte. Er war von der Fluggesellschaft direkt nach Berlin geflogen worden, ohne dass ich mich noch um irgendetwas kümmern musste. Aber das verstand ich natürlich erst in diesem Moment.


Neue Heimat

Als ich aus dem Flugzeug stieg, war ich zuerst etwas enttäuscht. Warum? Nun, ich hatte ein hochmodernes Land voller Wolkenkratzer erwartet. Stattdessen blickte ich mich um und sah: Bäume. Ganz gewöhnliche Bäume. Eigentlich sah es hier gar nicht so anders aus als zu Hause.

Diesmal lief alles nach Plan: Hilde holte mich ab und ich zog bei ihr und ihrem Mann, einem Germanistikstudenten, ein. Voller Eifer stürzte ich mich in meine Arbeit in der kindermedizinischen Abteilung eines Berliner Krankenhauses. Ständig trug ich ein Notizbuch bei mir, in das ich alle für mich neuen Wörter eintrug. Denn schließlich hatte ich bei meiner Abreise noch kein Wort Deutsch gesprochen.

Doch schon nach zwei Wochen wartete die nächste böse Überraschung auf mich: Ich wurde in die Verwaltung gerufen und dort erfuhr ich, dass ich nur mit einem Touristenvisum nach Deutschland gereist war. Natürlich war das keine Absicht gewesen – ich hatte ja keine Ahnung, dass es unterschiedliche Arten von Visa gab. Aber jetzt stand ich da – Tausende Kilometer weit weg von zu Hause und ohne Arbeitserlaubnis. Ich wehrte mich buchstäblich mit Händen und Füßen. „Putzen! Putzen!“, rief ich, um klarzumachen, dass ich jeden Job annehmen würde, um in Deutschland bleiben zu können. Denn wie sollte ich denn nach Hause zurückkehren, nachdem ich dort feierlich verabschiedet worden war? Nachdem meine Tante mir das Geld für mein Flugticket vorgelegt hatte? Wie sollte ich mit leeren Händen zurückkehren, wo doch meine Verwandten so große Hoffnungen in mich gesetzt hatten?

Zunächst sah es so aus, als sei das Abenteuer Deutschland für mich vorbei, bevor es richtig begonnen hatte: Hilde sah sich außerstande, von ihrem Krankenschwestergehalt noch eine weitere Person zu ernähren und wollte mich nach Indonesien zurückschicken. Doch dann hatte Erika die rettende Idee: Sie arbeitete seit drei Jahren am Klinikum im nordhessischen Bad Hersfeld. Sie legte ein gutes Wort für mich bei ihrer Oberschwester Berthel ein. Sie sagte, dass sie nach drei Jahren eine andere Stadt kennenlernen wolle und bot ihr ein Tauschgeschäft an: Sie würde nach Berlin gehen und ich dafür ihren Platz in Bad Hersfeld einnehmen. Schwester Berthel war einverstanden. Und so zog ich nach Bad Hersfeld und schöpfte neue Hoffnung.

Unzählige Besuche auf dem Regierungspräsidium in Kassel in Begleitung von Schwester Berthel standen mir bevor. Sie hat dafür gekämpft, dass ich in Deutschland bleiben konnte – und sie hatte letztlich Erfolg: Im Dezember 1973, fünf Monate, nachdem ich nach Deutschland gekommen war, hielt ich mein Arbeitsvisum in den Händen. Ich habe Schwester Berthel viel zu verdanken, denn sie hätte es sich auch einfacher machen können und hätte mir nicht helfen müssen. Noch heute sehe ich sie vor mir, diese hochgewachsene Frau mit ihrem weißen, knatternden VW Käfer. Sie hatte im Zweiten Weltkrieg als Lazarettschwester gearbeitet und sich ihre militärische Strenge bewahrt. Aber sie hatte auch eine sanfte Seite und konnte sehr fürsorglich sein. Auf jeden Fall war sie immer fair und korrekt. „Deutsche sind nicht besser als Ausländer. Wir leben alle auf einem Globus. Bestehen Sie auf Ihrem Recht, lassen Sie sich nicht ausbeuten“, schärfte sie mir immer ein. Einmal erwischte sich mich, als ich vom Patientenessen naschte. Mir fiel nichts Besseres ein, als zu sagen: „Ich muss doch erst probieren, ob es nicht vergiftet ist.“ Sie drehte sich um und ging wortlos aus dem Raum, vielleicht lachte sie heimlich. Jedenfalls erklärte sie mir später in aller Ruhe, dass es falsch war, was ich getan hatte, und ich sah es dann auch ein. Mit der Zeit entwickelte sich ein inniges Verhältnis zwischen Schwester Berthel und mir, das weit über die normale Beziehung zwischen Chefin und Mitarbeiterin hinausging. Sie schätzte an mir, dass ich immer offen sagte, was ich dachte. Sie machte mich zu ihrer Stellvertreterin und vertraute mir schließlich sogar ihren Hausschlüssel an, wenn sie in den Urlaub fuhr, damit ich ihre Blumen goss.

Und auch sonst habe ich mich in Deutschland schnell eingelebt. Ich weiß nicht, wie lange es dauerte, bis ich mich auf Deutsch verständigen konnte, aber es ging sehr rasch, weil ich ein lebhafter Mensch bin und keine Angst davor hatte, etwas Falsches zu sagen. Und wenn es doch mal zu Missverständnissen kam, klärten sich diese letztlich auf. Wie bei der Pflichtuntersuchung am Gesundheitsamt, während der die Ärztin mich aufforderte, doch bitte am nächsten Tag nochmal wiederzukommen und meinen Stuhl mitzubringen. Ich war perplex: Ich hatte zu Hause doch gar keinen Stuhl, nur einen Sessel. Und den sollte ich mehrere 100 Meter weit vom Schwesternheim bis zum Gesundheitsamt schleppen? „Sie meinen so einen richtigen Stuhl mit vier Beinen?“, fragte ich die Ärztin. Als sie meine Verwirrung bemerkte, war sie etwas verlegen und versuchte mir nochmal zu erklären, was sie von mir wollte. Doch erst als sie den medizinischen Fachbegriff benutzte, verstand ich, was sie meinte. Dazu sollte man wissen, dass in indonesischen Krankenhäusern immer die lateinischen Fachwörter benutzt werden. Seit diesem Erlebnis weiß ich, dass im Deutschen mit dem Wort „Stuhl“ nicht immer ein Möbelstück gemeint ist.

Nach den anfänglichen Fortschritten ging es aber eher wieder rückwärts mit meinen Sprachkenntnissen. Eigentlich ist es eine schlechte Strategie, am Anfang gleich die Umgangssprache zu lernen. Dadurch wird man nachlässig und gibt sich keine Mühe mehr, die korrekte Grammatik zu beherrschen.

Mit den Menschen in Deutschland hatte ich keine Probleme. Ich fand schnell Anschluss über die Kirche. Die Melodien der Kirchenlieder waren ja die Gleichen wie in meiner Heimat, und da ich den deutschen Text noch nicht konnte, sang ich die Lieder halt in meiner eigenen Sprache mit. Mit dem Essen gab es auch keine Probleme: In Berlin bekam ich zu Hause indonesisches Essen, und in Bad Hersfeld gab es Asia-Läden. Ich habe deutsche Gerichte also nur gegessen, wenn ich es wollte.

Am Anfang machte ich fast jede Woche Ausflüge mit meinen Batak-Freunden in andere deutsche Städte. Oft fuhren wir nach West-Berlin. Dafür durchquerten wir das Gebiet der damaligen DDR, wobei es nie Schwierigkeiten gab. Auch in meiner Freizeit hat es mir also an nichts gefehlt.

Auf der Arbeit war ich sehr lernbegierig, habe aber auch alles geglaubt, was die deutschen Kollegen mir beibrachten. Sie trieben oft derbe Späße mit mir: Sie überredeten mich, ausgerechnet auf dem Weihnachtsempfang vom Chefarzt laut „Alles scheiße“ zu rufen. Sie ließen mich vulgäre Sprüche auswendig lernen. Und sie brachten mir die erste Strophe des Deutschlandlieds bei und forderten mich auf, sie in der Öffentlichkeit zu singen. Ich machte ihre Späße mit, um mich zu integrieren. Über die deutsche Geschichte und die Nazi-Verbrechen wusste ich damals noch nichts.

Nur einmal wurde es mir zu viel: Auf einer Weihnachtsfeier sollte ich Brezelschnappen mit einem Krankenpfleger spielen. Ich schämte mich und ich dachte in diesem Moment wieder an Ridwan. Dabei lief unsere Fernbeziehung schon lange nicht mehr gut. Ridwan hatte wohl darauf gehofft, durch mich schnell reich zu werden. Immer wieder schickte er mir Briefe, in denen er um Geld bettelte. Dabei musste ich auch noch meinen Vater und meine Geschwister unterstützen. Irgendwann nahm ich seine Briefe nicht mehr ernst und beantwortete sie nicht mehr.


Wieder zu Hause

Ich war also wieder alleine. Zu Ridwan hatte ich kaum noch Kontakt und wollte es auch nicht. Ich versuchte mein Leben in vollen Zügen zu genießen. Ich habe in dieser Zeit mit vielen Männern geflirtet, aber ich war nicht auf der Suche nach einer festen Beziehung. Ich dachte nicht, dass ich jemals heiraten würde.

1976 flog ich mit einer Reisegruppe in den Urlaub nach Amerika und schickte meinem Vater von dort eine Postkarte. Ich dachte natürlich, dass er sich für mich freuen würde. Doch das Gegenteil war der Fall: Er war beleidigt. „Warum fliegst du auf einen anderen Kontinent, statt nach Hause zu kommen?“, warf er mir vor. Wenn Vater so etwas sagte, konnte ich mich nicht widersetzen. Und so besuchte ich 1977 wieder meine alte Heimat – zum ersten Mal, seitdem ich von dort weggegangen war. Einen weiteren Grund gab es für meine Reise: Meine Schwester Manta wollte heiraten. Da ich als ihre älteste Schwester aber noch unverheiratet war, musste ich ihr dazu die Erlaubnis erteilen. „Ich gebe ihr meine Zustimmung, aber ich weiß nicht, ob ich selbst jemals heiraten werde“, sagte ich damals zu meinem Vater. Genauso feierlich wie ich vor über vier Jahren verabschiedet worden war, wurde ich wieder empfangen, als ich in Sipultak ankam. Dort war auf den ersten Blick alles beim Alten: Unser Haus, unsere Felder, unsere Kirche – alles war so, wie ich es in Erinnerung behalten hatte. Nur meine Geschwister waren etwas größer geworden. Zwei meiner Brüder studierten inzwischen, meine Schwester Manta wollte wie bereits erwähnt heiraten und alle anderen gingen noch zur Schule. Es fiel mir nicht schwer, mich wieder einzugewöhnen, auch wenn ich in der ersten Woche oft unabsichtlich deutsche Wörter benutzte und es erst bemerkte, wenn mich mein Gegenüber nicht verstand. Nur eine Sache hatte sich wirklich verändert: Ich war jetzt der große Star im ganzen Dorf. Es war Weihnachtszeit, und meine Verwandten, Freunde und Bekannte, die ihr Glück wie ich in der Fremde suchten, kehrten nach Hause zurück, um mit ihren Eltern und Geschwistern zu feiern. Aus verschiedenen Orten auf Sumatra waren sie angereist, einige sogar aus der fernen Hauptstadt Jakarta. Doch bis ins Ausland hatte es niemand von ihnen geschafft – geschweige denn bis auf einen anderen Kontinent. Und so wollten mich alle treffen, sich mit mir unterhalten und so viel wie möglich über mein Leben in Deutschland erfahren. Meine Eltern waren stolz, so eine berühmte Tochter zu haben, die dazu noch in der Lage war, ihre Familie großzügig zu unterstützen.

Auch Ridwan sah ich wieder. Aber zwischen uns war es nicht mehr, wie es einst gewesen war. Ich muss ihn und viele Leute im Dorf wohl sehr schockiert haben, als ich einmal im hautengen Overall und mit Sonnenbrille im Gottesdienst auftauchte. Es waren halt die wilden 70er-Jahre, aber die einfachen Dorfbewohner hatten so etwas nie gesehen und fanden es sehr unanständig. Ridwan hat sich an dem Tag sehr für mich geschämt: „Ich kenne sie nicht mehr“, soll er gesagt haben. Wir wussten wohl beide, dass es für uns keine gemeinsame Zukunft gab.

Ridwan zog später nach Bengkulu im Süden Sumatras, wo er als Gymnasiallehrer arbeitete und in der Nachbarschaft meiner Schwester Manta lebte. Er heiratete eine andere Krankenschwester und bekam mit ihr zwei Kinder. Doch wenige Jahre später wurde er sehr krank und starb bald darauf. Er wurde nur 35 Jahre alt. Vergessen hat er mich wohl nie: Als es mit ihm zu Ende ging, soll er im Fieberdelirium meinen Namen gerufen haben.


Ein Mann fürs Leben

Zurück in Bad Hersfeld, ging mein Leben zunächst wieder seinen gewohnten Gang: Ich arbeitete weiter in der Klinik und an meinen freien Tagen machte ich viele Ausflüge. Dann kam der Sommer 1978 und diesmal verbrachte ich meinen Urlaub in Ägypten. Drei Wochen lang reiste ich mit einer Gruppe den Nil entlang – von Alexandria bis nach Abu Simbel. Unter meinen 25 Mitreisenden waren Vasil und Donka, eine sehr nettes Ehepaar aus Oberursel bei Frankfurt. Vasil kam mir wie ein Reporter vor mit seiner professionellen Kamera, auf die er sogar ein Teleobjektiv schrauben konnte. Ich hatte noch nie einen eigenen Fotoapparat gehabt und noch nie so eine Kamera gesehen, aber ich stellte mich Vasil gerne als „Model“ zu Verfügung und ließ mich vor allen möglichen historischen Baudenkmälern ablichten. Donka wollte ja nicht, weil sie etwas fotoscheu war. Was ich nicht wusste: Vasil und Donka hatten ihre Pläne mit mir.

Bald nach der Reise luden sie mich zu sich nach Hause ein – zum Fotos anschauen, wie sie sagten. Gerne kam ich ihrer Einladung nach und fuhr an einem freien Wochenende nach Oberursel. Doch als ich ihre Wohnung betrat, erlebte ich eine Überraschung: Nicht nur Vasil und Donka warteten dort auf mich, sondern auch ein Herr, den ich nicht kannte.

Er war deutlich älter als ich – zehn Jahre mochten uns trennen. Doch vielleicht war Wolfgang –s o war sein Name – mir auch deshalb auf Anhieb sympathisch. Er war anders als Ridwan und die anderen Männer, die kurzzeitig eine Rolle in meinem Leben gespielt hatten: Er wirkte reif und vernünftig und hatte sofort eine beruhigende Wirkung auf mich.

Später erfuhr ich, dass Wolfgang Vasil an der Volkshochschule Gitarrenunterricht gegeben hatte. Das hatten meine Reisebekanntschaften aus Ägypten ja geschickt eingefädelt: Unter einem Vorwand hatten sie mich in ihre Wohnung gelockt, dabei hatten sie von Anfang an nichts anderes vorgehabt, als mich mit Wolfgang zu verkuppeln. Und offenbar mit Erfolg: Wolfgang schien Interesse zu zeigen, und auch ich war alles andere als abgeneigt.

Nur ein Problem sah ich: Wolfgang unterrichtete nicht nur an der Volkshochschule, er war auch im Hauptberuf Lehrer an einer Frankfurter Gesamtschule. Da schrillten bei mir die Alarmglocken: Meine Lehrer an der Dorfschule von Sipultak hatten alle nur halbtags gearbeitet und nach Unterrichtsschluss auf den Reisfeldern ausgeholfen, um ihr knappes Gehalt aufzubessern. Wie sollte denn ein Lehrer in der Lage sein, mich zu ernähren und gleichzeitig noch mithelfen, meine große Familie in Indonesien zu unterstützen?

Als ich wieder zurück in Bad Hersfeld war, rief Wolfgang mich mehrere Male an. Wir unterhielten uns wirklich gut, aber er musste wohl gespürt haben, dass ich mich immer noch zierte und versuchte, ihn auf Distanz zu halten. Und so fragte er irgendwann ganz direkt: „Soll ich dich nun besuchen kommen oder nicht?“ Jetzt musste ich eine Entscheidung treffen. Und so entschied ich mich für ihn – und habe es bis heute nicht bereut.

Bald darauf wurde es richtig ernst zwischen uns und er stellte mich seinen Eltern vor. Auch diese waren mir sofort sympathisch, besonders sein Vater, ein schweigsamer, aber sehr unkomplizierter Mann. „Sie weiß, was sie will“, sagte er über mich bei unserer ersten Begegnung. Und Wolfgangs Mutter meinte: „Sie hat ein schönes Lachen, so wie Liselotte Pulver.“

Im Frühjahr 1979 fuhren Wolfgang und ich zum ersten Mal gemeinsam in den Urlaub: Nach Sevilla führte unsere Reise. Inzwischen war ich schwanger und so trafen wir die große Entscheidung: Wir würden heiraten. Als ich das meinem Vater offenbarte, sagte er: „Hautfarbe und Sprache sind nicht wichtig. Hauptsache, dein Mann ist ein Christ.“ Wahrscheinlich war er als aufrechter Protestant sehr stolz darauf, bald einen Schwiegersohn aus dem Land des großen Missionars Nommensen zu haben, der dazu auch noch „Luther“ mit Nachnamen hieß. Das dachte mein Vater zumindest, bis er vor einigen Jahren vor dem Grab meiner Schwiegereltern stand und bemerkte, dass auf dem Grabstein nicht „Luther“ steht, sondern „Lutz“.

Außerdem beschloss ich damals, meinen Beruf aufzugeben, zu Wolfgang nach Frankfurt zu ziehen und mich künftig um unser Kind zu kümmern. Im November 1979 kündigte ich meinen Job und bekam 10.000 DM als Abfindung. Zu dieser Zeit hatte ich übrigens schon längst herausgefunden, dass Lehrer in Deutschland gar nicht so schlecht verdienen, wie ich zunächst befürchtet hatte. Jedenfalls musste mein Mann noch nie nach Unterrichtsschluss auf dem Acker aushelfen, um sein mageres Gehalt aufzubessern.


Ein denkwürdiges Fest

1980 wurde unser Sohn Frank geboren. Der trockene Kommentar meines Vaters: „Gut gemacht! Dein zweites Kind darf ruhig ein Mädchen sein.“ So ist er halt, mein Vater: Sein ganzes Denken bleibt geprägt von den uralten patriarchalischen Traditionen unseres Volkes. Aber verglichen mit anderen Batak-Männern seiner Generation ist er sehr offen und fortschrittlich. Ich weiß, was ich ihm zu verdanken habe. Ohne seine Klugheit und Entschlossenheit wäre mein Leben mit Sicherheit ganz anders verlaufen.

Unser zweites Kind wurde wirklich ein Mädchen: Stefanie kam 1985 zur Welt. Als ich dann 1988 mit meiner jungen Familie zum ersten Mal mein Heimatdorf besuchte, war das ein freudiges Ereignis: Kinder gelten in unserer Kultur als großer Reichtum. Und ich brachte gleich zwei mit. Natürlich mussten Stefanie und Frank mit einer großen Zeremonie in unsere große Batak-Familie aufgenommen werden. Und bei der Gelegenheit feierten Wolfgang und ich dann gleich unsere Hochzeit nach Batak-Tradition nach. Es wurde ein riesiges Fest: Von morgens bis in die späten Abendstunden wurde in unserem Dorf unter freiem Himmel gefeiert. Mehrere 100 Gäste kamen. Es spielte eine Kapelle, es gab ein riesiges Festmahl, die Kirchenchöre sangen, es wurde getanzt und jeder Verwandte hängte uns nach altem Brauch ein besticktes Tuch, ein sogenanntes Ulos, um die Schultern. Ein Ulos symbolisiert Fruchtbarkeit und Gottes Segen. Mein Mann wusste vorher nicht, was ihn erwarten würde, aber er hat alles tapfer mitgemacht.

Weil mein Schwiegervater nicht anwesend sein konnte, hatte meine Familie schon vor unserer Ankunft einen Vertreter für ihn ausgewählt. Ihre Wahl war auf einen Dorfbewohner namens Sibarani gefallen, der den Part meines Schwiegervaters bei der Feier mit großer Begeisterung übernahm. Gemäß unseren Traditionen nahm mein Mann dadurch auch den Namen Sibarani an und wurde von seinem Ersatzvater offiziell adoptiert. Und das, obwohl Wolfgang rund zehn Jahre älter ist als sein Adoptivvater.


Alles bleibt im Fluss

Viel Zeit ist seitdem vergangen. Fast 40 Jahre sind Wolfgang und ich jetzt verheiratet, unsere Kinder sind längst erwachsen, und das Land, über das ich bei meiner Ankunft kaum etwas wusste, ist zu meiner Heimat geworden. Mir fehlt es hier an fast nichts. Na ja, manchmal habe ich Sehnsucht nach etwas mehr Sonne und früher habe ich es oft vermisst, Reis zu essen. Aber damals gab es ja auch nur einen oder zwei Asialäden in Frankfurt, heute findet man viel leichter asiatische Lebensmittel. Es gibt nur eine Sache, die mich an Deutschland wirklich stört: der fehlende Familienzusammenhalt. Oft haben Eltern und ihre Kinder oder Geschwister untereinander ein distanziertes, verkrampftes Verhältnis. Einerseits sind sie sehr neugierig, private Sachen übereinander zu erfahren, andererseits trauen sie sich nicht, direkt zu fragen. Das kann ich schwer verstehen, denn ich sage meinen Geschwistern immer offen ins Gesicht, was ich denke. Auch wenn dabei manchmal giftige Worte fallen, liebe ich sie doch von ganzem Herzen. In Indonesien gibt es dafür ein Sprichwort: „Nur die Bäume, die sich nahe sind, reiben sich aneinander.“

Trotzdem war es auf jeden Fall für mich die richtige Entscheidung, nach Deutschland zu kommen. Hier herrscht ein solider Lebensstandard. Da Deutschland genauso wie die Batak-Region christlich geprägt ist, ist mir auch die Eingewöhnung sehr leichtgefallen. Ich finde hier das wieder, was ich auch zu Hause gehabt habe. Ich habe hier gutes Geld verdient und kann meine Traditionen weiter leben. Aber es war mir von Anfang an wichtig, auch die deutschen Traditionen kennenzulernen. So war es für mich nie ein Widerspruch, deutsche Polterabende mitzufeiern und gleichzeitig am Empfang zum indonesischen Nationalfeiertag im Bonner Konsulat teilzunehmen. Ich kann mit Deutschen und mit Indonesiern lachen, je nachdem, wo ich bin und was der Anlass ist. Nur meine indonesische Staatsbürgerschaft habe ich bis heute beibehalten und sie wäre das Letzte, was ich aufgeben würde.

„Das Herz ist da, wo man wohnt“, denke ich mir. Integration ist mir sehr wichtig, und was ich für meine Integration tun kann, das tue ich. Man sieht doch, dass ich Ausländerin bin, ich muss das nicht durch mein Verhalten noch extra zeigen. Ich habe von Anfang an den Kontakt zu den Deutschen gesucht und auch den deutschen Familiennamen meines Mannes angenommen. Ich möchte hier mitreden und mitgestalten und bin stolz darauf, dass mir die Pfarrerin unserer Kirchengemeinde sogar den Schlüssel für Kirche und Gemeindezentrum anvertraut hat.

Inzwischen träume ich auf Deutsch. Ich möchte hier für immer bleiben, zumindest so lange mein Mann lebt. Sollte er eines Tages nicht mehr da sein, kann ich mir vorstellen, zumindest wieder zeitweise in Indonesien zu leben. Ich könnte mir dort ein komfortables Leben leisten und hätte eine große Familie, die sich um mich kümmert. Allerdings ist die medizinische Versorgung bei weitem nicht so gut wie in Deutschland.

Übrigens bin ich längst nicht mehr die Einzige aus der Familie, die ihr Glück in Deutschland versucht: Als Erste folgte mir meine jüngste Schwester Nurcahaya. Sie studierte in Gießen und lernte dort ihren späteren Mann, einen Ungarn, kennen. Heute lebt sie mit ihm und ihren vier Kindern in seinem Heimatland. Auch mehrere von meinen Neffen und Nichten sind als Au-pair nach Deutschland gekommen oder machen hier eine Ausbildung. Die Geschichte unserer großen Familie zwischen Indonesien und Deutschland wird also auch in der nächsten Generation fortgeschrieben – alles bleibt im Fluss.

Und auch der Fluss meines Lebens fließt immer weiter. Einst lauerten auf seinem Weg gefährliche Stromschnellen auf mich, doch heute ist er zu einem ruhigen und breiten Gewässer geworden. Welche Biegungen wird er noch nehmen? Zu welchen unbekannten Ufern wird er mich noch führen? Ich weiß es nicht, denn niemand kann weiter sehen als bis zum Horizont. Doch auch wenn es mir manchmal schwerfällt: Ich versuche mich treiben zu lassen und nicht gegen die Strömung anzukämpfen. Und wer weiß – vielleicht wird der Fluss eines Tages genau dort münden, wo er vor über 70 Jahren seinen Ursprung gefunden hat: in einem kleinen Dorf, irgendwo in der einsamen Berglandschaft der indonesischen Insel Sumatra.


Diese Lebensgeschichte wurde von Frank Lutz weitererzählt.
siehe auch: meine.stimme.de "Exotisch und doch vertraut"












Frank Lutz

Ferne zweite Heimat


Wenn Tamarinde und Salz sich treffen

Wo meine Heimat liegt? Das ist doch ganz klar: In der Metropole mit der prachtvollen Skyline, mit dem großen internationalen Flughafen, in einer der vielfältigsten Städte Deutschlands – in Frankfurt am Main, da bin ich zu Hause (die Heilbronner mögen mir diesen Lokalpatriotismus verzeihen). Oder stimmt das gar nicht und meine Heimat ist dort, wo die tropische Sonne auf die Herzen der Menschen scheint und ihnen ein Lächeln aufs Gesicht zaubert? Wo glitzernde Shopping Malls wie Pilze aus dem Boden schießen und das Alltagsleben der Menschen gleichzeitig von tiefer Spiritualität und uralten Traditionen geprägt wird? Wo exotische Speisen, die meditativen Klänge des traditionellen Gamelan-Orchesters und schier endlose grüne Reisfelder die Sinne betören? Es ist schwierig, die Frage nach der Heimat zu beantworten, wenn Vater und Mutter aus verschiedenen Ländern, von verschiedenen Kontinenten, aus zwei völlig unterschiedlichen Kulturen stammen. Wenn der Vater aus dem Rhein-Main-Gebiet und die Mutter aus dem Bergland der indonesischen Insel Sumatra stammt. Wenn sich die Tamarinde aus dem Gebirge und das Salz aus dem Meer im Kochtopf treffen, wie es in einem indonesischen Sprichwort heißt.

Und so ist mir heute, mit 40 Jahren, klar: Heimat ist für mich nicht in erster Linie ein geographischer Begriff. Heimat ist dort, wo ich mich frei entfalten kann und mich geborgen fühle. Wo ich von Menschen umgeben bin, die genauso „ticken“ wie ich. Wo ich mich im Großstadtdschungel verlieren, aber auch in die Stille der Natur zurückziehen kann. Heimat kann an vielen Orten sein. Oder auch nicht. Denn ich glaube, dass gerade dieser Widerspruch die besondere Identität vieler Kinder zweier Welten ausmacht: Sie können sich gut an neue Situationen anpassen und bewahren doch immer eine gewisse Distanz zu manchen Mitmenschen. Sie kommen am anderen Ende der Welt mit Leuten aus fremden Kulturen ins Gespräch und fühlen sich auf dem Volksfest im Nachbarort fehl am Platz. Sie sind überall und nirgendwo zu Hause.


Mogli möchte Luke Skywalker sein

Das alles wusste ich natürlich noch nicht, als ich in den 80er-Jahren eine ruhige Kindheit am Rand von Frankfurt verlebte. Damals spielte das Herkunftsland meiner Mutter noch keine große Rolle für mich. Schließlich deutet mein Name nicht auf meine außereuropäische Herkunft her und Deutsch ist meine Muttersprache – meine einzige. Dass ich schon in Kindergarten und Grundschule von Kindern mit spanischen, türkischen oder indischen Wurzeln umgeben war, war für mich Normalität. Und wenn mich jemand liebevoll „Mogli“ nannte oder sich mein Klassenkamerad wünschte, dass ich seinen Geburtstagskuchen spielte, weil ich ja so schön braun sei, störte mich das nicht – es war ja nett gemeint. Na ja, ich wäre damals zwar lieber blond und blauäugig wie Luke Skywalker gewesen, aber was soll’s.

Die Probleme begannen später: Als ich in die Pubertät kam, verstand ich nicht, warum meine Klassenkameraden so aufmüpfig wurden und begannen zu rauchen und sich zu betrinken. Ich verstand es nicht und tat es ihnen doch gleich – oft gegen große innere Widerstände. Zumindest mit dem Betrinken und Rauchen habe ich es zeitweise versucht. Mit der Aufmüpfigkeit klappte es dagegen nicht so gut, ich war wohl doch zu brav. Hatte nicht gerade meine Mutter mir immer beigebracht, ich müsse um jeden Preis gute Noten in der Schule haben und alles tun, was der Lehrer von mir verlangte? Und jetzt hatte ich den Salat: Kein Mädchen schien sich für mich zu interessieren. Klar – wer will schon einen langweiligen Streber als Freund haben?


Eine Reise und ihre Folgen

Vielleicht wäre meine Schulzeit eher unerfreulich verlaufen, wäre da nicht 1997 dieser große Wendepunkt gekommen: In jenem Sommer reiste ich mit meinen Eltern und meiner jüngeren Schwester Stefanie zum ersten Mal als (fast) Erwachsener nach Indonesien. Und erlitt zunächst einen furchtbaren Kulturschock: Warum suchten meine Verwandten denn so viel Nähe zu mir? Warum musste ich all diese traditionellen Zeremonien über mich ergehen lassen? Und warum wollte mein Opa, dass ich mich nicht mehr mit den hübschen Mädchen aus der Nachbarschaft treffe, weil das keine Christinnen seien? Das ging den doch gar nichts an! Ich drohte meinen Eltern bereits nach drei Tagen, alleine nach Deutschland zurückzufliegen. Und bin heute noch dankbar und glücklich, dass ich meine Drohung nicht wahrgemacht habe. Denn so bekam ich Gelegenheit, in eine faszinierende Kultur einzutauchen, in der ich trotz meiner Andersartigkeit wie selbstverständlich in die Gemeinschaft aufgenommen wurde. In der die Gedankenwelt der Menschen mit tiefer Religiosität, Geisterglauben und magischen Vorstellungen so viel bunter ist als in unserer eher nüchtern eingestellten Gesellschaft. In der die Menschen niemals verlernen zu lachen und sich über die Kleinigkeiten des Alltags zu freuen. Spätestens damals begann meine intensive Beziehung mit meiner zweiten Heimat am anderen Ende der Welt und gleichzeitig die Suche nach meiner Identität.

Warum ich vorhin die nicht-christlichen Mädchen aus der Nachbarschaft erwähnt habe? Nun, meine Mutter gehört der Volksgruppe der Batak an und stammt aus einer christlichen Enklave im ansonsten überwiegend islamischen Indonesien. „Schuld“ waren die Deutschen: Ein nordfriesischer Missionar namens Ludwig Ingwer Nommensen bekehrte im 19. Jahrhundert die Batak, die zuvor Naturgottheiten angebetet hatten, zum protestantischen Glauben. Obwohl der alte Geisterglaube immer wieder durchbricht, identifizieren sich die Batak heute stark mit dem Protestantismus. Ludwig Ingwer Nommensen und Martin Luther haben im Batakland den Status von Heiligen und sind die berühmtesten Deutschen. Im restlichen Indonesien sind das der mehrfache Formel-1-Weltmeister Maikel Sumaker, der ehemalige Fußballer Maikel Ballack und – leider auch – Adolf Hitler. Dass Letzterer bei vielen Menschen so populär ist, liegt aber meiner Meinung nach an der Unkenntnis über die Nazi-Verbrechen und nicht an irgendwelchen Sympathien für nationalsozialistisches Gedankengut.

Die Verehrung für Deutschland hat meine Verwandtschaft auch auf meinen Vater übertragen. Denn wer aus dem Heimatland von Nommensen und Luther stammt, muss ja zwangsläufig gut sein. Kein Wunder, dass wir einmal einen Brief bekamen, der nicht an „Familie Lutz“, sondern an „Familie Luther“ adressiert war. Kann es also wirklich Zufall sein, dass meine Mutter sich in den 70er-Jahren ausgerechnet Deutschland ausgesucht hat, um als Krankenschwester Geld zu verdienen, mit dem sie ihre Familie unterstützen konnte? Ich meine: ja. Viele meiner Verwandten meinen: nein. Der Weg meiner Mutter sei vorbestimmt gewesen.


Unter der tropischen Sonne von Bali

Aber zurück zu mir: Die Reise von 1997 war für mich die Initialzündung für eine intensive Auseinandersetzung mit meiner zweiten Heimat. Es waren die Jahre um die Jahrtausendwende, Indonesien feierte die ersten demokratischen Wahlen nach dem Sturz des Diktators Suharto wie ein Volksfest, und auch ich befand mich in Aufbruchsstimmung: Ich lernte die indonesische Sprache – zuerst autodidaktisch, dann als Student der Südostasienwissenschaften in Frankfurt. Und schon bald erfüllte sich ein Traum, den ich seit langem geträumt hatte: Von 2003 bis 2004 bekam ich die Gelegenheit, in Indonesien zu studieren. Niemals werde ich dieses aufregendste Jahr meines Lebens vergessen: Unter der tropischen Sonne Balis lebte ich das Leben eines indonesischen Studenten mit allem, was dazugehört. Ich wohnte in einer sogenannten „Kost“, in der jeder Bewohner ein eigenes Zimmer mit Bad hat und man ansonsten in enger Gemeinschaft lebt. Zum Essen nutzten wir das üppige Angebot aus vielen größeren und kleineren Lokalen und mobilen Essensständen in unserem Stadtviertel. Abgesehen von meinem nicht ganz indonesischen Aussehen und meiner noch nicht ganz perfekten Beherrschung der Sprache outete mich nur ein Detail als Ausländer: Statt wie die meisten anderen Studenten auf dem Motorrad war ich stets mit einem Fahrrad unterwegs – ein Exot im Verkehrsgetümmel der balinesischen Hauptstadt Denpasar.

Ich sog alles Neue und Exotische förmlich in mich auf: die prachtvollen Zeremonien auf dem Campus an den balinesischen Feiertagen, die einen selbstverständlichen Teil des Uni-Lebens darstellten. Die traditionelle hinduistische Verbrennungszeremonie für einen verstorbenen Dozenten, bei der – ganz anders als bei Beerdigungen hierzulande – eine turbulente Feststimmung herrschte. Den Trancetanz in einem Tempel am Vorabend des balinesischen Neujahrsfestes und die fast unheimliche Stille am Tag danach, an dem es den Menschen verboten ist, das Haus zu verlassen. Das üppige Mahl am Fastenbrechfest, das Agung, mein muslimischer Mitbewohner, gekocht hatte. Den Schrein mit Buddhafiguren im Haus meiner Freundin Henny, vor dem ihre Familie betete und Räucherstäbchen anzündete. Die Weihnachtsmesse in der Kathedrale bei tropischen Temperaturen. Aber auch die Einladungen meiner koreanischen Mitstudenten Soo und Jun, das leckere koreanische Essen, die Partien des traditionellen Brettspiels Go-Stop und Juns feucht-fröhliche Abschiedsparty in einer Disco. Und dazwischen Nächte am Meer, Ausflüge zu wunderschönen Tempeln und teilweise fast unberührten Traumstränden. Ich freundete mich auch mit anderen Gaststudenten an – etwa Andreea aus Rumänien, Sabine aus Darmstadt oder Chikako und Ryoko aus Japan – mit manchen stehe ich heute noch in Kontakt. Ich erfüllte mir einen Traum, indem ich eine CD mit selbstkomponierten Liedern aufnahm. Und das Allerwichtigste: Ich lernte Ani kennen und lieben – die Frau, mit der ich heute glücklich verheiratet bin.


Warum ich in Jakarta nicht glücklich wurde

Doch nach meinem einjährigen Höhenflug fiel die Landung auf dem harten Boden der Realität nicht leicht. Die Rückkehr in den grauen deutschen Studienalltag verkraftete ich nicht gut. Ich fühlte mich oft ruhelos, wie ein Getriebener. Drei Jahre sollte sich mein Studium noch hinziehen, in denen ich Ani vermisste und ständig von der Rückkehr in das Land träumte, das ich jetzt als meine Heimat betrachtete. Ich tat das, was ich damals tun musste: Ich versuchte mein Studium so schnell wie möglich zu beenden und plante meinen Berufseinstieg in Indonesien. Wie glücklich war ich, als ich die Zusage für ein dreimonatiges Praktikum bei der GTZ, der früheren Organisation für Entwicklungszusammenarbeit, in der indonesischen Hauptstadt Jakarta erhielt. Das war doch etwas, worauf sich aufbauen ließ.

Und so flog im Spätsommer 2007 ein frischgebackener Uni-Absolvent von Frankfurt nach Jakarta, um dort sein neues Leben zu beginnen. Endlich war ich am Ziel und jetzt würde alles gut werden. Oder doch nicht? Bald zeigte sich, dass Studium und Arbeit zwei Paar Schuhe waren. Mein Praktikum ging total schief, und um nicht schon nach wenigen Wochen wieder nach Deutschland zurückkehren zu müssen, begann ich ein weiteres Praktikum im Indonesien-Büro der Hanns-Seidel-Stiftung, bei dem ich im Laufe der Monate immer mehr Verantwortung übernehmen durfte. Die Arbeit war interessant und abwechslungsreich – ich verfasste Berichte zur politischen Lage in Indonesien, betreute Gäste aus Deutschland, übersetzte für sie und ging mit ihnen auf Dienstreisen durch das Land. So begleitete ich zweimal Polizeibeamte aus München ans neugegründete Trainingszentrum JCLEC in der javanischen Stadt Semarang, wo sie Seminare für einheimische Polizisten hielten. Doch eines machte mir im Arbeitsalltag zu schaffen: Ich wurde nicht annähernd so herzlich aufgenommen wie zuvor auf Sumatra und Bali. Manche meiner Kollegen sahen mich in erster Linie als ausländischen Eindringling, der ungerechterweise ein viel höheres Gehalt verdiente als sie selbst. Gleichzeitig ärgerte ich mich über andere „Expats“, die ein noch viel höheres Gehalt bekamen, nach Jahren im Land kaum Indonesisch sprachen, in ihrer Freizeit kaum Kontakt zu Einheimischen pflegten und sich bei jeder Gelegenheit über die Indonesier beschwerten. Parallelgesellschaften gibt es wohl überall.

Natürlich durfte ich auch in Jakarta viele wunderbare Menschen kennenlernen. Ich verfolgte das Fußball-EM-Halbfinale von 2008 zwischen Deutschland und der Türkei mit meinem Vermieter Imron und einigen Nachbarn vor einem winzigen Fernseher unter freiem Himmel – wegen der Zeitverschiebung bis in die frühen Morgenstunden hinein. Ich philosophierte mit meinen neuen Freunden Fajar und Pipin unter dem traumhaft klaren Sternenhimmel am Rande des Dschungels von Ujung Kulon über Gott und die Welt. Erkletterte mit ihnen in einer fast halsbrecherischen Aktion den abgelegenen Vulkan Gunung Pulosari im Westen der Insel Java. Fand auf dem 2000 Meter hoch gelegenen Dieng-Plateau eine fantastische Welt aus farbenfrohen Kraterseen und uralten Tempelruinen. Und ließ es mir natürlich nicht nehmen, meine alte Wirkungsstätte Bali wieder zu besuchen, wo es ein fröhliches Wiedersehen mit einigen alten Freunden gab.

Trotzdem wurde ich in Jakarta nicht glücklich und bekam Heimweh, wie ich es noch nicht gekannt hatte: In der übervölkerten und unüberschaubaren Millionenmetropole sehnte ich mich nach kulturellem Leben. Oder auch nur nach etwas Grün, denn öffentliche Parks sind in indonesischen Städten eine Seltenheit. Die Freizeit verbringt man lieber in Shopping Malls, die weit mehr als Einkaufszentren sind und auch Restaurants, Internetcafés, Kinos, Spielhallen oder sogar eine Eisbahn beherbergen. Auch andere, ganz alltägliche Dinge fehlten mir: das gute deutsche Graubrot (Indonesier essen morgens, mittags und abends Reis und kennen Brot nur in der labberigen Sandwich-Variante), die gemütlichen Kneipenbesuche mit Freunden (Manche Kneipen haben in Indonesien einen anrüchigen Charakter als heimliche Bordelle), der Schnee im Winter (Fehlanzeige in einem tropischen Land), die Möglichkeit, kleine Strecken mit dem Fahrrad zu bewältigen (Radfahren gleicht in Jakartas chaotischem Verkehr einer Extremsportart).


Insel-Intermezzo

Nach gut einem Jahr gab ich auf und kehrte nach Frankfurt zurück. Ich war glücklich, wieder bei meiner Familie zu sein und genoss die Ruhe, Übersichtlichkeit und Beschaulichkeit des deutschen Winters. Doch eine Perspektive, wie es weitergehen sollte, hatte ich nicht. Und so brach ich nach dreieinhalb Monaten erneut auf. Diesmal auf die kleine, vor Singapur gelegene Insel Batam, wo ich eine Stelle als Englischlehrer an einer Sprachschule gefunden hatte.

Und wieder tauchte ich in eine ganz andere Welt ein: Batam bedeutet vor allem Industrie und Gewerbe. Die vielen Gastarbeiter – Indonesier aus anderen Landesteilen, eine recht große philippinische und eine etwas kleinere amerikanische und europäische Community – lassen sich vor allem in abgeschlossenen Wohnkomplexen nieder, die kleinen Städten ähneln. Viel zu sehen gibt es auf der Insel nicht gerade, das Spannendste ist die Nähe zum bunten, exotischen und hochmodernen Stadtstaat Singapur, den ich an freien Tagen immer wieder gerne besuchte. Aber ich war von vielen netten Leuten umgeben und konnte endlich wieder mein liebstes Hobby ausüben: In meiner Freizeit spielte ich als Keyboarder in der heute noch bestehenden Alternative-Rockband Cabin Cobian mit. Von meinem Gehalt, das in Deutschland gerade zum Überleben gereicht hätte, konnte ich mir meine erste eigene Wohnung leisten – genaugenommen sogar ein ganzes kleines Haus. Und ich erfüllte mir einen weiteren Lebenstraum: Zusammen mit Ani reiste ich mit Fähre, Bus und Bahn über Singapur, die malaysischen Städte Kuala Lumpur und Melaka sowie die Insel Penang bis in die thailändische Hauptstadt Bangkok – damals für uns ein wahres Abenteuer.


Mein Weg in den Journalismus

Trotzdem wollte ich zurück nach Deutschland, als mein Arbeitsvertrag nach einem Jahr auslief. Und ich ahnte, dass ich diesmal nicht so schnell wiederkommen würde. Ani und ich heirateten und sie folgte mir nach Deutschland. Und ich besann ich mich auf das, was ich neben Reisen und Musizieren am besten kann: das Schreiben. Ich hatte das Glück, eine Hospitanz bei der FAZ machen zu dürfen. Endlich hatte ich einen Beruf gefunden, der zu mir zu passen schien, denn als Journalist machte ich das, was ich zuvor in meiner Freizeit oft gemacht hatte: spannende Dinge erleben und darüber hinterher Texte verfassen. Das journalistische Schreiben zügelte auch meine Eitelkeit, denn ich bin überzeugt, dass ein guter Journalist nicht selbstverliebt sein darf, sondern immer das Thema und die Menschen, über die er schreibt, in den Vordergrund rücken muss. Nach fast sechs Monaten als Hospitant und freier Mitarbeiter bei der FAZ bewarb ich mich deutschlandweit um ein Volontariat, eine Ausbildung zum Redakteur. Bei der Heilbronner Stimme klappte es schließlich, und so kam ich im Oktober 2010 nach Heilbronn. Vier Jahre blieb ich bei der Stimme – eine Zeit, in der ich viel lernte und für die ich dankbar bin. Doch wieder beschlich mich manchmal das Gefühl, nicht am richtigen Ort zu sein. Ich träumte von Reportagen über ferne Länder und berichtete stattdessen über lokale Aufreger wie den Ärger mit Falschparkern oder Müllsündern. Immerhin hatte ich oft Gelegenheit, über kulturelle Themen und über andere Menschen mit Migrationshintergrund zu schreiben – beides sind bis heute meine Steckenpferde geblieben.


Wer ich heute bin und was mir wichtig ist

Und heute? Ich würde sagen, dass ich zufrieden bin – mit dem Ort, an dem ich wohne, und mit inzwischen liebgewonnenen Menschen, die mich umgeben. Ich lebe mit der Frau zusammen, mit der ich alt werden möchte. Ich habe viele Freunde, Verwandte und Bekannte – in Frankfurt, in Heilbronn und Umgebung, im fernen Indonesien und in anderen Ländern. Ich habe ein gutes Verhältnis zu meinen Eltern und zu meiner Schwester, die genauso reiseverrückt ist wie ich und noch viel mehr Freunde in aller Welt hat. Meine Identität und meine Heimat habe ich zwar noch nicht definitiv gefunden, aber dafür einen Job: Seit knapp vier Jahren bin ich als Redakteur für regionale Wirtschaft und Sonderveröffentlichungen beim Hohenloher Tagblatt in Crailsheim tätig. Damit bin ich wirklich zufrieden, bleibe aber gleichzeitig auch offen für neue Chancen. Ich glaube nur manchmal, es hätte vieles einfacher und weniger schmerzhaft sein können, wenn ich mich nicht oft zwischen zwei Welten hin- und hergerissen gefühlt hätte. Wenn ich nicht von so verschiedenartigen Wertvorstellungen geprägt wäre, die sich teilweise widersprechen. Wenn ich nicht manchmal so sprunghaft gewesen wäre. Wenn ich frühzeitig gespürt hätte, wohin ich gehöre und was ich vom Leben wirklich erwarte.

Ich habe zu schätzen gelernt, dass jeder in Deutschland Rechte hat, die er notfalls einklagen kann. Dass man sich nicht ständig nach strengen Traditionen richten muss und dadurch mehr aus seinem Leben machen kann. Zumindest wenn man im Vollbesitz seiner körperlichen und seelischen Kräfte ist. Doch ich glaube immer noch, dass man, wenn man erst mal alt und gebrechlich ist, besser in einem Land aufgehoben ist, in dem der familiäre Zusammenhalt viel stärker ist als bei uns. Das Gleiche gilt für Menschen, deren Leben aus der Bahn geraten ist und die aus eigener Kraft den Anschluss nicht mehr finden.

An manchen Dingen merke ich, dass ich mich vom durchschnittlichen Deutschen – soweit es ihn gibt – unterscheide: Verwandtschaftliche Beziehungen, Traditionen und Religion in irgendeiner Form bedeuten mir sehr viel, denn ich denke, dass sich alle Menschen nach einer Gemeinschaft sehnen, in der sie ohne Wenn und Aber akzeptiert werden. Dass es ihnen wichtig ist, auf einige Regeln zurückgreifen zu können, die sich über die Jahrhunderte bewährt haben und die ihnen eine Orientierung vorgeben – was aber nicht heißt, dass man sie nicht hinterfragen darf. Und dass die Menschen auch einmal irrational sein und an etwas glauben wollen, was so viel größer und bedeutender ist als der oftmals triste Alltag.

Ich halte nichts davon, immer forsch aufzutreten, mich bei jeder Gelegenheit zu beschweren und dabei keine Rücksicht auf die Gefühle meiner Mitmenschen zu nehmen. Ich bin nicht der Meinung, dass man jedes Problem lösen kann, indem man darüber diskutiert. Manche Probleme sind unlösbar, und unüberbrückbare Widersprüche gehören zum Leben dazu. Keiner versteht das so gut wie ein Kind zweier Welten. Manchmal ist das Beste, was man tun kann, gar nichts zu tun und darauf zu vertrauen, dass alles gut wird.

Ich sehe mich nicht als Weltverbesserer, aber es ist mir sehr wichtig, dass es den Leuten in meiner Umgebung gut geht, dass ich für meine Frau, meine Familie und meine Freunde da bin, wenn sie mich brauchen. Und ich halte mich für einen eher pragmatischen Menschen, habe aber einige Grundwerte, nach denen ich versuche zu leben – Respekt und Loyalität gehören auf jeden Fall dazu. Ansonsten stehe ich Ideologien eher kritisch gegenüber und finde, dass manche Leute ihr Denken zu stark nach ihnen ausrichten. Denn menschliche Gefühle sind mir wichtiger als Ideen und abstrakte Theorien, und was nützt die schönste Ideologie, wenn sie an der Realität scheitert? Dann muss sie an die Realität angepasst werden, und nicht umgekehrt.


Eines Tages schließt sich der Kreis

Heute denke ich, dass ich auf einem guten Weg bin. Ich mache wieder Musik – im VHS-Ensemble und im Krone-Quartett von Matthias Schwarzer, dem ehemaligen Leiter der Städtischen Musikschule Heilbronn, sowie bei meinen regelmäßigen Frankfurt-Besuchen als Gitarrenduo mit meinem Studienfreund Thomas und im Familienensemble mit meinen Eltern und meiner Schwester. Und ich habe mit der „Erzählwerkstatt für Menschen aus aller Welt“ eine ehrenamtliche Beschäftigung gefunden, in der mir meine Verwurzelung in zwei so verschiedenen Kulturen zugutekommt.

Für meine persönliche Zukunft habe ich einige Wünsche: Ich hoffe, dass ich das Beste aus zwei Kulturen vereinen kann – deutsche Tugenden wie Sorgfalt, Organisationstalent, Durchsetzungsfähigkeit, Durchhaltevermögen und Respekt vor der Natur mit typisch indonesischen Stärken wie Charme, Humor, Improvisationstalent, Kreativität und Respekt vor den Menschen. Und ich hoffe, dass ich nach den Erkenntnissen leben werde, die ich aus der turbulenten Zeit zwischen der Indonesienreise von 1997, bei der ich mich in meine zweite Heimat in der Ferne verliebte, und den letzten Jahren, in denen ich mich endlich in meiner ersten Heimat wirklich etablierte, mitnehme: mich selbst nicht zu wichtig und das Leben nicht zu ernst zu nehmen – was mir beides oft schwerfällt. Bei allem Verantwortungsbewusstsein und trotz der großen Vorteile, die ein geregelter Alltag mit sich bringt, nicht zu vergessen, wie wichtig es oft ist, einfach das zu tun, worauf man gerade Lust hat und sich den ein oder anderen Traum zu erfüllen. Und bei allem manchmal notwendigen Egoismus nicht zu vergessen, dass man nur vollständig glücklich werden kann, indem man auch andere Menschen glücklich macht.

Wenn Ani und ich einmal Kinder haben, hoffe ich, dass ich ihnen vermitteln kann, dass ihre Verwurzelung in zwei so verschiedenartigen Kulturen einen großen Reichtum darstellt und nicht eine schwere Bürde, wie ich zeitweise fühlte und in schwachen Momenten immer noch glaube. Dazu muss es mir aber gelingen, ihr Selbstwertgefühl zu stärken und sie mit Menschen zusammenbringen, die sie aufblühen lassen und in deren Gegenwart sie von ihren besonderen Eigenschaften profitieren. Denn wer „anders“ ist, wird es immer ein Stück weit schwerer haben, sich im Alltagsleben zurechtzufinden.

Ich kann mir vorstellen, die nächsten Jahre in Heilbronn zu bleiben. Gleichzeitig möchte ich so viel wie möglich reisen, andere Länder und Kulturen entdecken, mit möglichst verschiedenen Menschen auf einer persönlichen Ebene ins Gespräch kommen und etwas über ihre Sichtweise der Welt erfahren. Mein Traum wäre es, mit Ani und unseren künftigen Kindern eines Tages wieder in Frankfurt zu leben, aber das nötige Kleingeld zu haben, dass wir uns eine Ferienwohnung im Süden leisten können. Vielleicht irgendwo am Mittelmeer. Vielleicht aber auch auf Bali, wo ich das großartigste Jahr meines Lebens verbracht habe. Und vielleicht werde ich irgendwann dort wieder mit meinen alten Freunden nachts am Strand sitzen. Dann packe ich meine Gitarre aus, wir atmen den Duft von Nelkenzigaretten ein, trinken ein Bier, lauschen dem Rauschen der Wellen und erzählen uns Geschichten von früher. Und vielleicht fragen sie mich dann: „Warum bist du jetzt erst nach Hause gekommen?“













Sujata Ogale

Mit anderen Augen - Integration aus der Sicht einer Inderin


Fünfundvierzig Jahre meines Lebens habe ich mittlerweile in Deutschland verbracht, das ist länger, als die Zeit in der ich in Indien gelebt habe. Es ist genug Zeit, um Erfahrungen verschiedener Art zu sammeln. Eine davon ist, dass auf der Suche nach Leistung und Erfolg sehr oft die Menschlichkeit verloren geht. Ich habe versucht die Pointe meines Buches durch Episoden meines Lebens hier in Deutschland auf diese häufig vergessene Menschlichkeit zu setzen, die ich glücklicherweise erfahren durfte. Die Erfahrungen mit Menschen formen den Kern dieses Buches. Es sind Menschen, die ich wirklich getroffen habe und viele von diesen sind heute meine enge Freunde geworden.

Das Buch stellt den kleinen Versuch dar, dem Image des „hässlichen Deutschen“ zu widersprechen. Mein Dank gilt all jenen herrlichen Menschen, die ich hier getroffen habe und ohne die dieses Buch nicht zustande gekommen wäre.


1 Oma Eisel

Wenn ich Freunde zum Abendessen eingeladen habe, verbringe ich den ganzen Tag damit, das Haus zu putzen, so dass es besonders gut aussieht, indisches Essen zu kochen, die Getränke zu organisieren, den Tisch zu decken, etc. ... Alles muss perfekt sein – eindeutig deutscher Einfluss. Es ist Stress pur und Selbstgemachte. Es war einer dieser so beschriebenen Tage, als es klingelte und Oma Eisel vor der Tür stand. „Kommst du rüber auf einen Kaffee?“ Oma Eisel war unsere Nachbarin. Eine alte Frau mit einem Herzen aus Gold. „Oma, es tut mir leid, aber heute kann ich nicht. Ich bekomme heute Abend Besuch“, sagte ich. „Ach, komm schon...“, bettelte sie, „... eine Tasse Kaffee kannst du doch mit mir trinken. Er ist schon fertig, und ich habe auch Kuchen dazu. Ich weiß, dass du Schmandkuchen magst.“ Sie redete immer weiter, bis ich schließlich sagte: „Okay Oma, ich komme….ich komme wenn ich mit dem Kochen fertig bin, ungefähr in einer Stunde…. Ok ? Nach genau einer Stunde klingelte es wieder und da stand sie erneut.
„Oma, ich bin heute so im Stress, können wir nicht morgen Kaffee trinken?!“ Oma hatte meine Ungeduld bemerkt und ging, ohne viel zu sagen.

Keine halbe Stunde später stand sie wieder vor der Tür – diesmal mit einer großen Tasse Kaffee in der einen und einem Stück Kuchen in der anderen Hand. Sie wollte schon wieder gehen, als ich alles bei seite legte und sie in die Arme nahm. Ihre Besorgnis um mich gab mir ein Gefühl der Geborgenheit und das trieb mir vor Glück Tränen in die Augen. Ich merkte, dass es mehr wert war, in Ruhe mit ihr den Kaffee zu trinken, als all der Aufwand rund um das Haus – wegen dem Abend.

Diese kleinen Gesten der Liebe und Zuneigung sind so wertvoll im Leben, und doch scheinen wir dies oft zu vergessen und Unwichtiges in den Vordergrund zu stellen. Eigentlich ist es doch so: Die besten Episoden des Lebens sind die kleinen, namenlosen, in Vergessenheit geratenen Handlungen aus Freundschaft und Liebe.


2 Das Buch heißt ‚Mit Anderen Augen‘ und jetzt eine Episode die mit Augen zu tun hat

Der Besuch eines Arztes gleicht in Deutschland beinahe einer Tortur. Manchmal sitzt man fünf Stunden lang im Wartezimmer, dann wird man ins Sprechzimmer gerufen und die eigentliche Behandlung ist innerhalb von fünf Minuten beendet. Die Ärzte haben fast keine Zeit für die Patienten. Als Patient schreibe ich immer während meines Aufenthalts im Wartezimmer all meine Fragen auf, um den Arzt sofort, wenn ich ins Sprechzimmer bin, mit diesen Fragen zu bombardieren. So muss er nicht seine kostbare Zeit an mich vergeuden. Ich werde niemals den Tag vergessen, als ich einen Termin bei meinem Augenarzt hatte. Ich wurde ins Sprechzimmer gerufen, und er begann meine Augen zu untersuchen. Zunächst musste ich ein Auge schließen und der Arzt hielt Gläser verschiedener Stärken vor mein offenes Auge. Ständig lautete dann seine Frage: „Ist das erste Glas besser oder dieses hier?“ „Dieses hier!“, antwortete ich. Immer und immer wiederholt sich der Vorgang und mit der Zeit ist man völlig verwirrt und hat keine Ruhe mehr nachzudenken. Seine Fragen müssen innerhalb von Sekunden beantwortet werden. Auch an diesem Tag ging es so; nach einiger Zeit sagte er: „Okay, jetzt schließen Sie bitte das Auge und öffnen das andere, und bitte sagen Sie mir, was sie auf der Wand sehen“. Ich konnte überhaupt nichts sehen! Aber ich war mir bewusst, wie viele Patienten ungeduldig im Warteraum saßen. Also sagte ich einfach: „Der erste Buchstabe ist ein ‘B’, dann ‘D’ und dann ein ‘I’ ...“. Der Arzt unterbrach mich: „Gnädige Frau, auf der Wand sind keine Buchstaben sondern Zahlen.“ Oh, je. Er war ziemlich ernst, vielleicht auch besorgt aber ich konnte nicht aufhören zu lachen. In meinen Schultagen lernten wir diese Zahlen oder Buchstabenkombinationen auswendig, wenn der Besuch eines Augenarztes drohte. Keiner von uns Kindern wollte eine Brille tragen. Darin liegt vielleicht die Ursache für meine schlechten Augen heute.


3 Typisch deutsch!

„Fußball schauen, Bier trinken, Würstchen mit Sauerkraut essen, extrem bürokratisch sein, dies sind typisch deutsche Eigenschaften“, sagt man. Solche Verallgemeinerungen sind immer schlecht, aber wir Menschen greifen häufig auf sie zurück.

Wir sagen: „Moslems sind ehrliche Leute, für Hindus ist Wissen das wichtigste im Leben, für Christen ist es die Liebe und Spirituelle predigen immer die Wahrheit“. Noch weitere Beispiele?: „Engländer haben gute Manieren, die Schotten sind geizig, Amerikaner oberflächlich, Schwarze können gut singen und sind gute Athleten und Japaner reisen immer herum und fotografieren!“

Die Liste typisch deutscher Eigenschaften wäre eine sehr lange Liste. Ein paar davon möchte ich ansprechen.

Meine beste Freundin kommt nach langem Urlaub aus der Karibik zurück. Ich will sie so gern endlich wieder sehen und rufe sie an: „Spring in dein Auto und komm rüber. Der Tee steht schon bereit.“ Aber sie kann nicht. Sie muss noch ihren Koffer auspacken, ihre dreckigen Kleider waschen, sie bügeln und in den Schrank packen. Außerdem ist ihr Garten nach all der Zeit ganz verwuchert. Das ist alles so typisch Deutsch.

Es gibt auch ungeschriebene Gesetze, die uns am Anfang unseres Aufenthaltes in Deutschland unbekannt waren. Einmal hängte ich sonntags draußen Wäsche auf. Wir wohnten in einem großen Haus und es war angenehmer, die Wäsche draußen aufzuhängen, statt sie immer in der Wohnung zu trocknen. Unsere Hausmeisterin klingelte und bat mich darum, die Wäsche hinein zu holen. Ich verstand nicht warum und sagte: „Die letzten acht Tage hat es nur geregnet, heute scheint die Sonne. Warum sollte ich den Tag nicht nutzen? In einer Stunde ist sie bestimmt trocken und morgen regnet es vielleicht schon wieder.“ „In Deutschland ist es nicht erlaubt, sonntags Wäsche draußen aufzuhängen, auch nicht, wenn es sonnig ist“, sagte sie. „Es kann sogar sein, dass die Nachbarn die Polizei rufen.“ Ich war verblüfft und wusste nicht, was ich dazu sagen sollte.

Man erzählt mir oft, dass dies einen religiösen Hintergrund hat. Aber wenn die Mehrheit der Leute kaum einmal zum Gottesdienst geht, wieso folgen sie dann diesen ungeschriebenen Gesetzen?

Deutsche sind immer in Eile und haben keine Zeit. Es ist unverständlich für die Deutschen daß wir meistens Zeit haben. Es ist vielleicht unsere asiatische Mentalität. Wir empfinden es nicht als eine Verschwendung von Zeit, mit Freunden einfach da zu sitzen und Tee zu trinken, zu reden oder zu lachen – einfach eine gute Zeit zu haben. Keine Zeit haben, ist die Krankheit jeder Wohlstandsgesellschaft.

Ich denke an so viele weitere deutsche Eigenschaften. Die Deutschen lieben es, in den Urlaub zu fahren; Sie sind extrem wohltätig eingestellt, sind ein sehr emotionales Volk. Sie würden nie Teppiche kaufen, die in Kinderarbeit hergestellt wurden. Die am häufigsten bei ihnen auftretende Krankheit sind Kreislaufprobleme. Niemand weiß so richtig, was eigentlich passiert, wenn sie darunter leiden. Deutsche lieben ihre Haustiere über alles. Deutsche pflegen eine extreme Liebe zu ihren Autos – je stärker die Maschine, desto besser! Die Deutschen sind ein Volk - Perfekt, flott und genau, was Arbeit betrifft. Kein anderer Europäer kann mit ihnen konkurrieren.

Nun, was ist noch typisch Deutsch? Deutsche sind sehr fleißig und vorbildlich diszipliniert.


4 Jetzt eine Episode die mit Wetter zu tun hat

Für jemanden, der aus einem sehr heißen Land in ein sehr kaltes Land kommt, spielt das Wetter eine wichtige Rolle. Man hat nie Temperaturen von null Grad erlebt und schon gar nicht Minustemperaturen. Dass man in Bombay einmal einen Pulli brauchte, kam vielleicht einmal in vier bis fünf Jahren vor. Bei plus fünfzehn Grad war das Hauptthema in der Stadt die „kalte Wetterfront“. Leute, die mit ihren Pullovern angeben wollten, wechselten alle zwei Stunden. Schließlich wusste man nicht, ob die „Kältewelle“ auch morgen noch anhalten würde. Schnee war wie ein Mythos aus einem Märchen. In Indien existierten die vier Jahreszeiten nicht. Es gab nur zwei Jahreszeiten für uns: die heiße und sehr heiße! Ich mag den Schnee und die Winter in Deutschland.

Es war so ein sehr harter Winter in den Siebzigern; einer meiner ersten Winter in Deutschland. Die Temperaturen waren um die minus zehn Grad, aber die Sonne schien intensiv. Ich hatte Wäsche gewaschen und dachte, die Kleider würden in ein bis zwei Stunden trocknen, wenn ich sie nach draußen hängen würde. Ich hängte sie also draußen auf und ging nach zwei Stunden hinaus, um sie wieder abzuhängen. Was ich da sah war unglaublich. Sie waren alle gefroren. Einen Moment lang, wusste ich nicht, was ich machen sollte. Dann goss ich lauwarmes Wasser über sie und nahm sie mit, bevor das Wasser wieder fror. Das war eine unglaubliche Erfahrung.

Ein junger Freund von uns, der gerade von Indien für eine Weile nach Deutschland gezogen ist, erlebt ebenfalls die Wunder des Wetters. Einmal parkte er sein Auto draußen und deckte die Scheiben nicht ab. Wir konnten gar nicht mehr aufhören zu lachen, als er uns erzählte, was er gemacht hatte, als er eines Morgens zu seinem Auto kam, und die ganze Frontscheibe zugefroren war. Als er zur Arbeit musste, holte er einen Eimer voll heißes Wasser und goss es über die Scheibe. Glücklicherweise passierte dem Glas nichts. Er meinte später: „Ich hoffe, niemand hat mich dabei gesehen.“ Aber wie kann er schließlich die Tricks im Winter kennen, wenn er in seinem ganzen Leben noch nie damit konfrontiert wurde?


5 Sprache ist so wichtig!

Die Sprache des Landes zu beherrschen, in dem man lebt, ist eine Notwendigkeit. Ganz sicher ist es die Sprache, die Menschen einander näher bringt, mehr als irgendetwas anderes. Als meine Mutter hier ins Krankenhaus kam, gab es hauptsächlich Probleme, weil sie die Sprache nicht beherrschte. Die Krankenschwestern und sie konnten sich gegenseitig nicht verständigen. Jeden Tag ging ich ins Krankenhaus und sprach mit dem Personal. Einmal, als ich mit der Nachtschwester sprach, sagte sie: „Ihre Mutter kann in manchen Sachen sehr stur sein.“ Ich fragte verwundert: „Warum, was ist geschehen?“ „Sie weigert sich ihr Gebiss herauszunehmen, selbst wenn sie abends ins Bett geht.“ Ich musste lachen. „Sie hat gar kein Gebiss. Es sind ihre eigenen zweiunddreißig Zähne und sie hat nicht mal ein einziges Loch.“ Die Nachtschwester konnte es kaum glauben. Sie fand das so witzig und erstaunlich, dass sie die anderen Schwestern rief und ihnen erzählte, was sie gerade erfahren hatte. Sie alle lachten herzlich. Dann schlug sie vor: „Warum schicken Sie den Namen Ihrer Mutter nicht an die AOK? Dort ist dieses Jahr ein großer Preis für die älteste Person mit gesunden, intakten Zähnen ausgeschrieben.“ Ich bin mir sicher, dass sie mit fast 80 Jahren hätte den Preis bestimmt bekommen.


6 Ein Inder der mit einer deutschen Frau verheiratet ist

Ich besuchte einmal eine gute Freundin, die mit einem Inder verheiratet ist. Wir saßen in ihrem Wohnzimmer bei einer Tasse Tee. Ihr Mann war in seinem Büro oben beschäftigt. Plötzlich kam er mit einer Hose in den Händen ins Wohnzimmer. Er fragte uns, ob wir ihn in den Laden begleiten wollten, wo er die Hose vor zwei Wochen gekauft hatte. „Was?! Du willst doch nicht die Hose zurückgeben, die schon auf deine Große gekürzt ist?“, entgegnete meine Freundin Claudia entsetzt. „Man kann es ja einmal versuchen“, antwortete er gelassen. „Ich mochte die Hose als ich sie gekauft habe, aber ich glaube, ich habe einen Fehler gemacht.“

Claudia war keineswegs daran interessiert, ihn zu begleiten. Vikram, so hieß er, war ein Schlawiner mit einem lakonischen Sinn für Humor. Er beschloss, dann eben alleine in den Laden zu gehen. Ich fragte Claudia, ob sie die Hose wirklich zurücknehmen würden. „Ihr Inder schafft das Unmöglichste!“, gab sie mir zur Antwort. Das kam mir bekannt vor, denn meine Kinder sagen das ja auch immer zu mir. Ich hätte jedoch niemals geglaubt, dass Vikram bei diesem Vorhaben Erfolg haben würde. Nach einer Weile kam er zurück und hielt immer noch die Hose in seinen Händen. Sein Gesichtsausdruck war so unschuldig wie immer, als sei nichts geschehen, wovon er erzählen müsse. Er hatte offensichtlich vor, uns beim Tee trinken Gesellschaft zu leisten. Er legte die Hose zur Seite und ging in die Küche, eine Tasse zu holen. Claudia wollte ihn ein bisschen ärgern und sagte mit eine schmunzeln: „bist dieses Mal wohl nicht so erfolgreich gewesen, was?“ „Wieso glaubst du das?“ „Weil du die Hose wieder zurück gebracht hast.“

Dann erzählte er uns eine unglaubliche Geschichte. Er war in den Laden gegangen und hatte der Verkäuferin gesagt, dass er die Hose, die er auf seine Länge gekürzt hatte, gern zurückgeben wollte. Ohne großartigen Protest oder Diskussion nahm die Verkäuferin die Hose wieder zurück und erstattete Vikram sogar den vollen Betrag von fünfzig Euro. Als sie die Hose auf einen Kleiderbügel hängte, fragte er sie, was sie denn jetzt damit machen würde. Sie sagte, sie werde die Hose nun zum Sonderpreis von zwanzig Euro verkaufen. Daraufhin erklärte ihr Vikram ohne jegliche Hemmungen, dass er in diesem Fall nichts dagegen hätte, die Hose nochmal zu kaufen. Und tatsächlich, gab sie Vikram die Hose für zwanzig Euro. Also Claudia hatte recht mit ihrer Aussage: „Ihr Inder seid fähig, die unmöglichsten Dinge zu vollbringen.“


7 Hindu sein in der christlichen Gesellschaft

Viele haben mir die Frage gestellt, wie ich meine Religion hier in der christlichen Gesellschaft praktiziere. Praktizieren? Ich praktiziere meine Religion hier nicht. Ich habe keinen Tempel in der Nachbarschaft, wo ich hingehen kann, um zu beten. Ich habe das auch nicht in Indien getan, wo es jede Menge Tempel gibt. Ich glaube, ein echter Hindu braucht seine Religion nicht zu praktizieren. Die Art und Weise, wie ein Hindu aufsteht und die Sonne ehrt, ist seine Religion; die Art und Weise, wie er sich wäscht, ist seine Religion; die Art und Weise, wie, was und mit wem er isst, ist seine Religion. Wenn er zur Arbeit geht und acht Stunden arbeitet, das ist Religion. Die Zeit, die er mit seiner Familie verbringt, ist Religion. Auch wenn er mit Freunden zusammen sitzt, ist das Religion. Sein ganzer Alltag ist insofern religiös, als dass alles was er tut, durch „Dharma“ geregelt ist. Unter „Dharma“ versteht der Hindu das ewige Gesetz, die obere Macht.

Hinduismus ist keine „Religion“ im eigentlichen Sinn des Wortes. Hinduismus ist eine Philosophie, die es bereits seit 2000 vor Christus gibt. Einige Historiker sagen, der Hinduismus sei vor 3500 Jahren entstanden. Wir haben keine zentrale Organisation wie die Kirche im Christentum. Wir haben auch kein Heiliges Buch, wie die Bibel oder den Koran. Bestimmte Grundsätze, wie Toleranz, Ehrlichkeit, Gewaltlosigkeit und Tier- und Naturliebe sind einige elementare Komponenten des Hinduismus. Es ist die Tierliebe, die uns dazu bringt, einen Affen, eine Schlange und einen Elefanten (Ganesh) als Gott zu haben. Wir werden oft wegen der „heiligen Kuh“ ausgelacht. Eine Kuh ist „heilig“ für Hindus, weil sie ein sehr wichtiges Tier und damit sehr wertvoll ist. Die Milch, die wir von ihr erhalten, hat einen Überfluss an Proteinen, Vitaminen, Fetten und Mineralien. Sie ist Nahrung mit einem sehr hohen Nährwert. Es ist bewiesen, dass kein anderes Nahrungsmittel all diese Nährwerte besitzt. Ein Bulle kann auch auf dem Feld eingesetzt werden, um das Land zu pflügen. Wenn eine Kuh stirbt, kann ihre Haut zu Leder verarbeitet werden. Selbst ihr Kot wird in Indien oft getrocknet und als Brennmaterial verwendet. Solch ein wertvolles Tier, denken die Hindus, soll nicht nur des Fleisches willen geschlachtet werden.

Wie jeder weiß, war Gandhi der Anführer der Hindus und der Verfechter der Gewaltlosigkeit. Wir leben den Hinduismus und verfolgen bestimmte Prinzipien. Es gibt bestimmte Dinge, die uns dazu bewegen. Eines davon ist die Inkarnation. Ein Hindu glaubt, dass der Mensch eine unsterbliche Seele hat. Im Gegensatz dazu lehrt die Bibel, dass der Mensch selbst die Seele ist.

Das Leben nach dem Tod ist ein wichtiger Teil des Hinduismus. Genauso wie die Seele oft wandert, wenn ein Junge zum Mann wird oder ein Mädchen zur Frau, so wandert die Seele in einen neuen Körper, wenn eine Person stirbt. Das gute Verhalten bestimmt die Art der Wiedergeburt. Deswegen ist der Mensch der Schöpfer seines eigenes Schicksals.

Viele Deutsche fragen mich, warum Hindus so viele Götter haben. Wenn man das Prinzip der Inkarnation akzeptiert, begreift man, dass so viele verschiedene Götter nur die Inkarnationen von den Hauptgöttern sein können. Hindus glauben auch, dass Buddha und Jesus Inkarnationen von Gott Vishnu sind.

Deutsche glauben oft, dass das Kastenwesen in Indien ein Bestandteil der hinduistischen Religion ist. Ich glaube, dass das nichts mit der Religion zu tun hat. Es ist eine soziale Ordnung, die der Mensch erfunden hat. Sie wurde aus der Bequemlichkeit der Menschheit heraus erschaffen. Wenn sie in letzter Zeit einen schlechten Ruf erlangt hat, dann ist allein der Mensch dafür verantwortlich, nicht die Religion. Die vier Klassifikationen von Priestern, Soldaten, Kaufleuten und Dienenden basieren hauptsächlich auf den Berufen. Im Laufe der Zeit wurden die Leute aus den untersten Kasten von hohen Kasten schlecht behandelt und sie begannen sie „Unberührbare“ zu nennen, weil Jobs wie Toiletten sauber machen, Straßen kehren oder Müll abfahren von diesen Leuten verrichtet wurden. Gandhi fiel das auf und er begann sie, „Gottes Menschen“, zu nennen.

Der Hinduismus ist eine der tolerantesten Religionen. Gandhi sagte immer: „Durch den Hinduismus liebe ich das Christentum, den Islam und viele weitere Religionen.“ Das ist einer der Gründe, warum der Hinduismus überall auf der Welt „praktiziert“ werden kann.

Wenn ich das Gefühl habe, in einen Tempel gehen zu wollen, dann gehe ich in eine christliche Kirche. An meinem kleinen Altar zu Hause habe ich sogar ein Jesusbild neben den anderen Göttern. Wir feiern Weihnachten genauso wie die Christen das tun – wir holen einen Weihnachtsbaum, dekorieren ihn, kaufen Geschenke und singen Lieder. Ich liebe Weihnachten genauso wie, das hinduistische Fest der Lichter. Der breite Horizont des Hinduismus machte es für uns einfach, mit Leuten anderen Glaubens zusammenzuleben.


8 Gandhi

……. nach und nach entstand zwischen Gandhi und unserer Familie ein freundlicher Gesprächsaustausch. Ich habe gute Erinnerungen daran. Eine Episode möchte ich heute erzählen. Es war Diwali – ein bedeutendes Fest für Hindus. Ähnlich wie Weihnachten hier. Aus diesem Anlass wollte meine Mutter Gandhi selbst gemachte Süßigkeiten schenken. Meine Schwester sollte sie Gandhi in die Klinik bringen. Meine Schwester zog ein Fest-Sari an – es war schließlich Diwali - und ging in die Klinik. Sie traf Gandhi in einem Versammlungsraum an und überreichte ihm die Süßigkeiten. Gandhi bedankte sich freundlich und sagte zu ihr, „Du siehst wunderschön aus, aber dein Sari gefällt mir nicht weil er in England produziert wurde. Wir sollten unsere eigenen Produkte tragen. Das bringt Arbeit für unsere Menschen. Ich webe meine Kleidung selber. Willst du mein Spinnrad sehen?“ Meine Schwester war nicht interessiert. Sie kam Heim und erzählte meiner Mutter. „ Gandhi hat mich beleidigt. Er fand meinen Sari nicht schön weil er in England gemacht wurde. Er hat doch keine Ahnung von Saris. Glaubt er ich würde sein hässliches Zeug tragen? Niemals.“ Als 11 Jährige war sie noch zu jung um die politische Tragweite zu verstehen.

Indien war der größte Produzent für Stoffe in der ganzen Welt bis die Engländer kamen. Sie haben unsere heimische Textilindustrie zerstört. Unsere Exporte werden hoch besteuert und die englischen Importe waren zollfrei. Unsere Rohstoffe haben sie nach England genommen und dort verarbeitet.














Katharina Martin-Virolainen

Dreieckstanz

Katharina Martin-Virolainen, geboren 1986 in der Sowjetunion

Ich erblickte das Licht der Welt an einem kalten Märztag. Wochenlang hatte es geschneit und gestürmt. Draußen regierten Kälte und Frost. In dieser Gegend konnte der Winter lange andauern. Der Schnee überraschte einen nicht selten auch im Mai. So war es für Ende März nichts Ungewöhnliches, dass die Landschaft noch ganz in Weiß erstarrt lag. Doch dann, pünktlich zu meiner Geburt, kam plötzlich die Sonne heraus. Sie schien in die Fenster des städtischen Krankenhauses, und die Frauen auf der Geburtsstation freuten sich unbändig über so viel warmes Licht in dieser tristen Umgebung. Die Sonnenstrahlen spielten an den Wänden, streiften die Möbel und verschwanden manchmal ganz ruckartig, wenn sie doch noch von einer Wolke erwischt wurden.
Solange ich denken kann, und meine Mutter wird es ebenfalls bestätigen können, war an meinem Geburtstag immer schönes Wetter. An einem bestimmten Tag im März kommt die Sonne, wenn auch nur für ein paar Stunden, aus ihrem Versteck, um mir zu gratulieren. Sie ist ein Symbol, das mich schon mein ganzes Leben lang begleitet. Sogar die Haarfarbe habe ich von der Sonne geerbt.
Nun war ich also geboren. In einem schönen Land mit unendlichen Weiten. Dem größten Land auf diesem Planeten. In einem Land, so stolz, unermesslich und für viele so unbegreiflich. Ich wurde in Russland geboren. Also bin ich eine Russin, sollte man meinen. Aber die Behörden hatten da ganz andere Vorstellungen von nationaler Zugehörigkeit. „Der Vater ist Deutscher, also kriegt das Kind auch die deutsche Nationalität.“ Punktum! Stempel drauf und fertig! So wurde ich kurz nach meiner Geburt gleich zu einer Deutschen erklärt, dank diesem Stempel. Das ist übrigens ein weiteres Symbol, das mich mein Leben lang begleiten wird.
Ich wuchs in einem kleinen Dorf in der Nähe von Kareliens Hauptstadt Petrosawodsk auf. Mit meinem deutschen Papa, meiner finnischen Mama, meinem finnischen Opa, einer finnischen Großtante und anderen finnischen Verwandten. Und dann waren da noch meine russische Oma, meine russischen Verwandten, meine russischen und finnischen Freunde, karelische Verwandten und Freunde ... Doch nun Schluss damit, das verwirrt ja sogar mich selbst!
Wer kennt nicht das bekannte Gedicht des großen russischen Dichters Puschkin, in dem er fragt: „Was läge Dir an meinem Namen?“ Dasselbe fragte ich mich damals als Kind auch. Was haben die Leute denn ständig mit ihren Namen? Mir war es, als ob sie anhand der Namen Unterschiede zwischen den Menschen machten. So ganz falsch lag ich nicht. Für mich waren die Saschas, Nataschas und Oljas aus meiner Kindergartengruppe einfach nur Kinder. Doch die Unterschiede lernte ich dann in der Schule kennen und bekam sie zu spüren.
Eingeschult wurde ich – wie jedes andere Kind in Russland auch – am 1. September. Kurz nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, nämlich im Jahr 1992. Der 1. September ist in Russland ein Feiertag. Die Kinder dürfen nach den dreimonatigen Sommerferien endlich zurück in die Schule, und die Eltern atmen erleichtert auf, weil sie sich nicht mehr den Kopf darüber zerbrechen müssen, wie sie das Kind in den Ferien beschäftigen können. Zu meiner Einschulung kam die halbe Verwandtschaft, denn ich war schließlich das erste Kind, die erste Enkelin, die erste Nichte und, und, und ...
Meine Großmutter, die damals Chefköchin in der städtischen Kantine war, kündigte ihre Stelle, ging an die Schule und arbeitete fortan dort als Chefköchin. Hauptsache, die arme Enkelin musste nicht hungern. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.
Nach allen Feierlichkeiten nahmen uns die Schüler aus der Oberstufe an die Hand und führten uns in unser Klassenzimmer. Mich nahm einer der großen Jungs an die Hand. Im ersten Moment noch ziemlich eingeschüchtert, war ich im nächsten Augenblick schon wieder glücklich. Denn mich, das kleine Wesen, das sich hinter übertrieben großen Haarschleifen und Blumenstrauß versteckte, begleitete ein ziemlich gut aussehender junger Mann ins Klassenzimmer.
Zurück zur Einschulung. In unserem Klassenzimmer nahmen wir alle an den kleinen Tischen Platz, während unsere Eltern und die Verwandten versuchten, sich alle gleichzeitig in die Tür zu quetschen, um einen Blick auf uns zu erhaschen. Ich glaube, wir empfanden sie als peinlich und waren froh, als die Lehrerin die Gaffer endlich verabschiedet hat und der Unterricht beginnen konnte.
Meine Eltern fuhren nach Hause, denn meine Mutter musste ja ein Festmahl zubereiten – nach der Schule würden alle Verwandten bei uns eintrudeln, um meine Einschulung zu feiern. So lief sie in der kleinen Küche auf und ab, bis sie plötzlich aus dem Fenster etwas höchst Ungewöhnliches sah. Und zwar mich. Ich schlenderte in aller Seelenruhe über die unasphaltierte Straße. Meine Mutter (damals hochschwanger mit meinem Bruder) zweifelte wohl erst an ihrem Verstand, schaute dann auf die Uhr, und nachdem sie festgestellt hatte, dass sie weder verrückt war noch die Zeit vergessen hatte, sprang sie mir bereits entgegen und fragte: „Katja, ist die Schule schon etwa vorbei?“ Sie konnte sich nicht erklären, wieso ich allein den weiten Weg gelaufen war, wenn meine Großmutter doch in der Schule arbeitete. Als Antwort gab ich einen genialen Satz von mir: „Ach, ich dachte mir, was soll ich da herum sitzen? Ich weiß doch schon alles.“
Zu meiner Verteidigung muss gesagt werden, dass ich bereits mit fünf Jahren sehr gut lesen konnte. Sehr, sehr gut. Ich hatte meine Eltern damals so sehr genervt mit meinem ewigen „Lies mir bitte eine Geschichte vor!“, dass mein Vater beschlossen hatte, mir das Lesen beizubringen, um sich und meine Mutter zu entlasten. Ich habe es ziemlich schnell gelernt und verschlang danach ein Buch nach dem anderen. Anstelle des nervigen „Lies mir bitte eine Geschichte vor!“ trat das selbstbewusste „Ich erzähle dir jetzt eine Geschichte!“ Nein, ich weiß nicht, wie meine Eltern das überlebt haben. Zu ihrer Verteidigung muss gesagt werden: Egal, wie sehr man sein Kind liebt – ihm vierundzwanzig Stunden hintereinander zuhören zu müssen, halten nicht einmal die liebenswürdigsten Eltern auf diesem Planeten aus. Und in Russland war damals weiß Gott nicht die richtige Zeit für Geschichten. Dort lauerte an jeder Ecke irgendeine Arbeit. Man musste Wasser holen, Holz hacken, den Gemüsegarten pflegen, das Kartoffelfeld bewirtschaften, die Wäsche mit der Hand in der Banja waschen etc. Deshalb kauften meine Eltern mir leere Kassetten, setzten mich vor den Kassettenrecorder und sagten, dass ich die Geschichte doch bitte aufnehmen solle, dann würden sie sich diese am Abend anhören. Ich stürzte mich in das Aufnehmen von Geschichten und fühlte mich dabei wie eine Radiosprecherin. Wenn eine Seite der Kassette voll war, drehte ich diese um, steckte sie wieder hinein und nahm weiter auf. Dass ich meine eigenen Geschichten x-Mal überschrieben habe, das war mir nicht so ganz klar. Und natürlich wollte ich meinen Eltern immer etwas Neues bieten. Deswegen habe ich noch mehr gelesen. Und noch mehr aufgenommen und dann wieder gelesen und aufgenommen ... Genug zu tun für so ein kleines Mädchen!
Bevor ein Kind in Russland eingeschult werden konnte, bekam jede Familie Besuch von einer Vertreterin der „Kommission“. Diese schaute sich die Lebensumstände an, prüfte, was das Kind bereits konnte und entschied dann, ob es für die Schule reif genug sei oder lieber doch noch ein Jahr in den Kindergarten gehen sollte. Als diese neunmal kluge Tante bei mir im Zimmer saß, wollte sie von mir wissen, ob ich schon lesen könne. Ha! Und ob ich das konnte. Sie bat mich, ein Buch herauszuholen und etwas daraus vorzulesen. Wahrscheinlich erwartete sie irgendeine Kleinkindgeschichte, die man nach Silben lesen musste, doch ich holte den dicken Sammelband mit den „Märchen und Sagen der nordischen Völker“ heraus. Als ich zu lesen begann und kilometerlange Namen, die sie wahrscheinlich selbst nicht einmal auf Anhieb lesen könnte, mit ungezwungener kindlicher Schnelligkeit aussprach, wurden ihre Augen ganz groß. Nach der Prüfung ging sie zu meiner Mutter und sagte: „Ich habe schon sehr viel gesehen. Aber so etwas noch nie!“
Und jetzt stelle man sich vor: Da sitze ich endlich in der Schule, bestens vorbereitet, habe bereits unzählige Bücher gelesen, und es dürstet mich nur so nach Wissen. Und dann fängt die Lehrerin – übrigens eine junge und hübsche Lehrerin, frisch von der Hochschule – mit Folgendem an: „Schaut mal, Kinder, dieser Buchstabe ist ein A“.
Ich gehe davon aus, dass meine Mutter sich dieses Szenario bereits im Kopf ausgemalt hatte, sodass sie überhaupt nicht weiter nachgefragt hat, warum ich denn so „bescheiden“ davon ausgehe, dass ich schon alles weiß. Sie fragte nur: „Hast du überhaupt jemandem gesagt, dass du nach Hause gehst?“ „Natürlich“, antwortete ich. „Ich habe es Olja Schubina gesagt.“ Die besagte Olja Schubina war meine Kindergartenfreundin, die in der Parallelklasse gelandet war. Als meiner Mutter das Ausmaß dieser Katastrophe bewusst wurde, sprang sie ins Auto und düste die staubige Straße davon.
Die Situation in meiner Schule war vergleichbar mit jener, die entsteht, nachdem jemand einen Feueralarm ausgelöst hat. Jeder, absolut jeder, suchte nach mir. Meine Großmutter Tamara, die eine sehr füllige Dame war, rannte die Treppen hinauf und herunter, tränenüberströmt, auf der Suche nach ihrer geliebten Enkelin. Als meine Mutter das Lehrerzimmer betrat, war die arme Swetlana Wladimirowna, meine Klassenlehrerin, einer Ohnmacht nahe, die Augen verweint, und die halbe Belegschaft war dabei, die Ärmste zu beruhigen. Heute kann ich mir vorstellen, dass es überhaupt nicht lustig ist, wenn am ersten Arbeitstag, in der allerersten Schulklasse nach der ersten Stunde gleich ein Kind verschwindet. Meine Mutter trat auf sie zu und sagte nur: „Keine Sorge. Sie ist schon zu hause“. Ende der Vorstellung – Vorhang.
Am nächsten Tag lachten bereits alle Tränen, wenn sie diese Geschichte erzählten. Alle außer Swetlana Wladimirowna. In der ersten Stunde kam sie auf mich zu und zischte: „Mach das nie, nie wieder!“ Ansonsten hatte ich immer ein gutes Verhältnis zu ihr. Wer hätte gedacht, dass die Ausreißerin mal zur besten Schülerin des ganzen Jahrgangs werden würde?! Die Lehrer prophezeiten mir einen Abschluss mit Auszeichnung. Und vielleicht wäre es auch so gekommen, wären wir in Russland geblieben. Aber Gott hatte andere Pläne mit mir.
In der Schule erhielten wir zu unseren Vornamen plötzlich auch noch Nachnamen. Ich kann mit noch gut an meine strenge Russischlehrerin in der fünften Klasse erinnern. Sie duldete absolut keinen Lärm und Ungehorsam. Ich saß in der ersten Reihe. Direkt hinter mir saß Saschka, mit dem ich bereits zusammen in den Kindergarten gegangen war. Ich war das größte Mädchen in der Klasse, er der kleinste Junge. Im Sport standen wir immer nebeneinander. Er ärgerte mich, und ich gab natürlich nie nach und rächte mich mit Tritten und Schlägen. Die Lehrer fanden das alles eher amüsant und sagten scherzhaft zu mir: „Pass auf, Katharina, jetzt ist er noch klein. Aber in den oberen Klassen überholt er dich in der Größe und dann wirst du dich noch in ihn verlieben.“ Das führte natürlich immer zu großem Gelächter. Nur ich fand das überhaupt nicht lustig. Im Russischunterricht fand ich es aber sehr amüsant, dass er hinter mir saß. Neben Saschka saß Schenja Gagarin, der ein Nachbar meiner Oma war und mit dem ich auch sehr oft im Hof gespielt habe. Saschka und Schenja haben die ganze Stunde Unsinn geredet, und ich lehnte mich mit dem Stuhl zurück, um besser zuhören zu können. Manchmal, wenn es besonders spannend war, wagte ich es sogar, mich um zudrehen und auch meinen Senf dazu zugeben. Doch in derselben Sekunde stand Swetlana Wiktorowna vor mir, knallte mit dem Zeigestock auf den Tisch und schimpfte: „Martyn, Tschmak, Gagarin! Es reicht!“ Mich machte es immer furchtbar wütend, dass sie meinen Namen falsch aussprach. Aber ihr zu widersprechen wagte ich nicht.
Es war in Russland üblich, dass unsere Lehrer uns mit dem Nachnamen ansprachen. Besonders, wenn sie mit uns unzufrieden oder einfach nur schlecht gelaunt waren. „Tomilin, hast du Hummeln im Hintern oder was? Setz dich richtig hin!“ – „Safonowa, an die Tafel!“ – und so weiter. In meinen Augen ließ sich die Klasse nach den Familiennamen in drei Kategorien teilen: Diejenigen mit den russischen Namen, diejenigen mit finnischen Namen und ich mit meinem deutschen.
Unter all den Russen, Finnen und Kareliern war und blieb ich eine Deutsche. Obwohl ich mich so gar nicht fühlte. Wie fühlt man sich denn als Deutsche? Das konnte ich damals als Kind nicht beantworten. Wie gern wollte ich stattdessen eine Finnin sein! Oder noch besser: eine Karelierin! Oder auch eine Russin! Aber so fühlte ich mich ständig wie ein Fremdkörper: Eine Deutsche in Russland unter Finnen und Kareliern. Mein Wunsch, als Finnin oder Russin durch zu gehen, wollte sich einfach nicht erfüllen. Erstens hieß ich weder Petrowa noch Iwanowa, weder Haimi noch Savolainen, sondern kurz und knapp und richtig deutsch: Martin. Und dazu noch Katharina – nein, nicht typisch russisch Jekaterina oder so. Meine Eltern haben mich aus Prinzip gleich mit einem deutschen Namen gesegnet. Und als i-Tüpfelchen hieß ich mit dem Vatersnamen auch noch Ottowna.
In der Schule durfte ich nicht Finnisch lernen, weil es parallel zum Deutschunterricht lief, den ich auf Anordnung meiner Mutter besuchen musste. Schließlich war ich ja eine Deutsche, und meine Mutter hat großen Respekt für meinen Vater und seine Herkunft.
Zu allem Übel kam noch der gefürchtete Geschichtsunterricht mit dem Thema: Der Zweite Weltkrieg und das deutsch-russische Verhältnis. Obwohl meine Klassenkameraden sich nichts anmerken ließen und keine bösen Kommentare in meine Richtung abgaben, spürte ich ihre Blicke und sah den einen oder anderen ständig zur mir herüber schielen. In diesen Momenten wollte ich am liebsten meine Geburtsurkunde aufessen.
So war und blieb ich eine ewige „Njemka", die Deutsche, und habe mich auch irgendwann damit abgefunden. Ich habe nicht mehr danach gestrebt, als Finnin anerkannt zu werden. Irgendwann fand ich an meiner Rolle sogar Gefallen. Dann bin ich eben nicht so wie die anderen. Ja, dann bin ich eben einzigartig!
Als ich in der fünften Klasse war, behandelten wir im Musikunterricht das Thema „Geschichten und Liedgut des finnischen Volkes“. Dabei kamen wir irgendwie auf das typische Aussehen bestimmter Völker zu sprechen. Da sagte Swetlana Michajlowna: „Viele Finnen sind groß, haben helle Haut, wie es für die nordischen Völker üblich ist, blaue Augen und helle Haare. So wie unsere Katjenka hier, sie ist eine wahrhaftige Finnin!“
War das ein Triumph! Stolz schaute ich in die Runde und sonnte mich in den begeisterten und bewundernden Blicken meiner Klassenkameraden. Ha, habt ihr das gehört? Keiner sieht finnischer aus als ich!
Dass ich eigentlich meinem deutschen Vater ähnlich sehe, behielt ich vorsichtshalber für mich. Ab diesem Zeitpunkt wurde ich offiziell in die finnische Gemeinschaft aufgenommen. Kaum hatte ich mich jedoch an meine neue Rolle gewöhnt, ereilte mich eine Neuigkeit wie ein Blitz aus heiterem Himmel: Wir ziehen nach Deutschland!
Tausende Gedanken stauten sich in meinem Kopf. Wa- rum denn nach Deutschland? Was soll ich da machen? Ich spreche doch kaum Deutsch. Meine Heimat ist Russland, meine Muttersprache ist Russisch, meine Seele ist russisch! Der Gedanke an die Trennung von meinem geliebten Heimatland brachte mich schier um den Verstand. Plötzlich er- schien mir alles Russische so vertraut und so geliebt. Doch die Antwort meines Vaters war klar und ernüchternd: Wir sind Deutsche, und wir gehören nach Deutschland.
Auch wenn meine Eltern, Freunde und Verwandte ein- stimmig beteuerten, dass das Leben in Deutschland viel besser sei, fand ich keine Ruhe. Geht es einem Fisch, der aus dem Fluss gezogen und auf die schönste Wiese geworfen wird, etwa unter den duftenden Blumen besser als in seinem kalten Gewässer? Nie zuvor hatte ich mich so sehr als Russin gefühlt. Russin durch und durch. Ich konnte nichts Deutsches an mir erkennen und hasste dieses Element sogar, weil es mich nun von meiner Heimat trennte. Und dann: wieder Pässe, Ausweise, Dokumente, in denen immer wieder dieses Wort in zwei Sprachen aufflammte: Njemka/Deutsche.
Unsere Reise in die historische Heimat fing gut an. Unser Visum wurde ab dem 18. August ausgestellt, doch die Tickets haben sie uns für den 17. August verkauft. Ein und dieselbe Agentur wohlgemerkt. Meinem Vater, der unzählige Fahrten in das weit gelegene St. Petersburg unternommen hatte und schon am Ende seiner Nerven und Kräfte war, war das gar nicht aufgefallen. Man verlässt sich manchmal zu sehr auf das Gute in Menschen.
So wurde uns die Ausreise per Flugzeug verweigert. Wir mussten den Flughafen verlassen. Doch mein Vater ließ sich nicht unterkriegen! Er besorgte Zugtickets, und noch am selben Abend verließen wir St. Petersburg in Richtung Deutschland. Unterwegs wurden wir im Zug kontrolliert. Sogar mehrmals. An eine Kontrolle kann ich mich besonders gut erinnern. Es war tiefe Nacht. Die Grenzkontrolleure kamen in unser Schlafabteil und verlangten die Ausweispapiere. Ich stellte mich schlafend, kniff die Augen aber so zusammen, dass ich noch was sehen konnte. Die Kontrolleure blätterten in den Ausweisen und schauten meinen Eltern misstrauisch ins Gesicht. Dann sagte einer der Kontrolleure: „Aufwecken!“, und zeigte auf mich und meinen vierjährigen Bruder. Mein Vater rüttelte vorsichtig an meiner Schulter. Ich richtete mich auf und tat so, als ob ich gerade erst aufgewacht wäre.
„Vorname!“, kommandierte der Kontrolleur streng. „Katharina“, antwortete ich schüchtern. „Nachname!“, herrschte er mich weiter an. „Martin.“ Meine Stimme wurde ganz heiser.
„Wie heißt dein Vater?“ Er wurde lauter. „Otto Ewaldowitsch ...“ Auch ich wurde lauter. Meine Eltern wechselten besorgte Blicke. Der Kontrolleur verglich mein Gesicht mit dem Foto und stellte die letzte Frage: „Nationalität?“ (Und so etwas fragte er in der tiefsten Nacht in einem Zug mitten im Nirgendwo ein elfjähriges Kind!) Ich richtete mich auf und bellte genauso laut wie er:„Njemka!“
Der Kontrolleur schaute mich verwundert an und widmete seine Aufmerksamkeit meinem kleinen Bruder Daniel. Nachdem er auch von ihm zufriedenstellende Antworten bekommen hatte (Gott sei Dank ließ er da die Nationalitätsfrage aus!), gab er meinen Eltern die Ausweise zurück und sagte: „Ihre Kinder haben aber sehr schöne deutsche Namen!“


Lebensspiel mit allen Sinnen

Der brüllende Motor zerschneidet die Stille. Der Wagen hüpft, als sei er ein edles Ross. Die kasachische Steppe ertrinkt in Nachtfarben. Als würden wir durch das All galoppieren ... Wie sehr man seine Augen auch anstrengt, überall eine große dunkle Leinwand. Die große Satindecke über uns ist übersät mit glänzenden Diamanten. Beide Giganten, der Himmel und die Steppe, verschmelzen miteinander. Man kann nicht sagen, wo der Ursprung des einen und das Ende des anderen verlaufen.
Es duftet betörend nach Heu. Ich atme den Duft mehrmals ein. Schnell, gierig, als hätte ich noch nie zuvor solch eine Luft gekostet. Als hätte ich überhaupt noch nie zuvor geatmet. Mir wird schwindlig. Zu viele Sinneseindrücke für ein Kind. Dunkle Umrisse von Häusern erheben sich aus der Steppe. Wie eine Oase, die verborgen in der Wüste liegt und sich einem erschöpften Wanderer offenbart. Das Dorf taucht plötzlich auf, unerwartet gar. Es verschlingt uns, führt unseren Wagen über die staubige Straße an schlafenden Häusern vorbei. Ich nehme wahr, wie meine Eltern unruhig werden. Der Wagen hält an einem Haus, das in ein warmes Licht gehüllt ist. Die Tür des Wagens wird plötzlich aufgerissen. Zwei Arme packen mich. Ich höre die Stimme meiner älteren Cousine Tanja: „Katjuschka, bist du groß geworden!“
Menschen, Stimmen, Tränen, Gelächter. Ein lang ersehntes Wiedersehen. Tanja hebt mich aus dem Auto, so selbstverständlich und mit so einer Leichtigkeit! Dabei ist sie nur paar Jahre älter als ich, selbst noch ein Kind. Umarmungen, Küsse, noch mehr Umarmungen. Es gibt so viel nachzuholen. Essen, Trinken, Anstoßen, Aufatmen. Endlich angekommen. Der Tisch bricht unter der Last der Speisen und Getränke zusammen. Ist das der Hunger oder ist das Essen wirklich so himmlisch? Ich mampfe und schmatze, meine Geschmacksknospen drohen zu explodieren, sowie mein Bauch übrigens auch. Gespräche, Anekdoten, Witze, Gitarrenspiel. Mein Vater und meine Onkel singen. Meine Mutter und meine Tanten weinen. Wir Kinder finden das komisch und sogar peinlich. Manche Lieder sind doch gar nicht traurig! Es ist uns ein Rätsel, warum die Erwachsenen beim Singen weinen müssen.
Während unseres Besuchs in Kamenka, dem Heimatdorf meines Vaters, bleiben wir bei Oma Linda. Sie lebt mit Tante Lida und ihrer Familie in einem schönen Haus mit einem Apfelbaum im Hof. Tante Lida lacht genauso herzlich und sanft wie Oma. Nur weiß sie das nicht. So etwas fällt einem selbst nicht auf. Wie oft übersehen wir die Ähnlichkeit mit unseren Eltern oder Großeltern. Oder wollen sie nicht wahr haben. Manchmal suchen wir auch vergeblich danach, aber die Gene machen ohnehin das, was sie wollen. Darauf haben wir keinen Einfluss. So, wie Gott und die Natur entscheiden, so müssen wir das hinnehmen. Wahrscheinlich wird die kleine Irene, Tante Lidas Tochter, auch so lachen, wenn sie groß ist. Wer kann das schon vorhersehen, wie die Kinder später werden, wem sie ähnlicher sehen? Onkel Waldemar lacht auch herzlich. Aber er hat eine tiefe und raue Stimme, die immer streng klingt. Sogar, wenn er Scherze macht und gut drauf ist. Wenn ich meinem Cousin Vitja zuhöre, kann ich mir fast nicht vorstellen, dass er auch mal so eine tiefe und strenge Stimme haben wird.
Jeden Tag treffen wir neue Leute. Es sind Verwandte, Bekannte, Nachbarn, Freunde, Vaters Klassenkameraden. Wir ziehen von Haus zu Haus, manchmal kommen die Leute auch zu Oma, um uns zu sehen. Ich frage mich langsam, wie so viele Menschen in so ein kleines Dorf passen können! Meine Verwandten und die restlichen Dorfbewohner üben auf mich eine unerklärliche Faszination aus. Ich beobachte sie, achte auf jede ihrer Bewegungen, lausche ihren Gesprächen. Und diese Gespräche wühlen mich noch mehr auf.
Still sitze ich an der Tür, ganz klein und unbemerkt. Ich versuche, kaum zu atmen, damit ich nicht zu laut bin, damit sie mich nicht entdecken. Tante Lida und Oma stehen in der Küche und reden. Ihre Worte fließen, schlagen Purzelbäume, schmiegen sich um meine Ohren, prallen aber an meinem Gehirn ab. Denn mein Gehirn kennt keine andere Sprache als die russische. Sie ist mir vertraut, sie ergibt einen Sinn, beinhaltet eine gewisse Logik, sie ist meine Muttersprache. Doch die Muttersprache meiner Oma ist nicht Russisch. Wie eine Melodie fließt ihr Deutsch, versetzt mit ukrainischen Wörtern, in meine Ohren hinein. So sitze ich lange da und sauge die Laute auf. Sie kämpfen sich weiter vor, verdrängen in meinem Gehirn die russischen Wörter, ergattern sich ein paar sichere Plätze und brennen sich ein. Dort bleiben sie viele Jahre liegen. Unbemerkt, unentdeckt, scheinbar vergessen, aber dennoch vorhanden.
Abends trödeln Kühe durch die Straßen und wirbeln die trockene Erde auf. Die Kühe klingen wie ein Orchester, finde ich. Laute Glocken baumeln an ihren dicken Hälsen. Hin und wieder tauschen sie ein paar Muh-Rufe miteinander aus. Das wird zu meiner Lieblingsbeschäftigung. Abends in die Steppe hinaus zulaufen und die Kühe zu holen. Ich wundere mich, dass es hier so wenig Bäume gibt. In Karelien haben wir so viele davon! Der Norden Russlands ist bekannt für seine dunklen Nadelwälder. Manchmal fährst du Hunderte Kilometer am Waldrand entlang und triffst keine Menschenseele. Keine Zivilisation weit und breit. Bleibst du mit deinem Auto liegen, kann es den sicheren Tod bedeuten. Mit der Steppe ist es genauso. Nur finde ich den Wald gemütlicher. Er gibt mir Geborgenheit. Die Steppe macht mir Angst und fasziniert mich zugleich. Kein Ende in Sicht. Wohin das Auge reicht, nur flaches Land. Ein Land, das mit einem betörenden Duft getränkt ist. Ich knie nieder und lege meine Hand auf die Erde. Sie ist warm. Ich will am liebsten mit ihr verschmelzen, diese Erde ganz fest umarmen.
Meine Trennung von der kasachischen Steppe ist so viele Jahre her. Aber ich weiß, dass sie mich nicht vergessen hat, so wie auch ich sie nicht vergessen habe. Manchmal schickt sie mir einen leichten Kuss, voll gepackt mit diesem betörenden Duft und dieser Wärme. Dieser Kuss fliegt Tausende Kilometer von Kasachstan nach Deutschland. Er findet mich und lässt sich sanft auf mir nieder. Doch bei all seiner Sanftheit erschlägt mich dieser Moment wie ein Blitz. In meinem Kopf flackern die Erinnerungen auf. Sie tanzen wild, malen Bilder, spielen Musik ab. Dann verfliegt dieser Erinnerungsmoment. Plötzlich. Obwohl ich ihn noch festhalten will. So schnell, wie er kommt, ist er auch schon wieder weg. Die Erinnerungen legen sich schlafen. Decken sich mit neuen zu und bleiben auf dem tiefsten Grund meines Unterbewusstseins liegen, bis die kasachische Steppe mir erneut einen Kuss schickt.
Dieser Besuch in Kasachstan, mit all seinen Düften, Klängen, Farben, ist meine erste deutsche Erinnerung. Kamenka, ein fernes Dorf in Kasachstan, das mir bis heute so schmerzlich nahe ist. Kamenka, ein Wort, das mein Herz immer wieder aufspringen lässt. Mein erster Kontakt mit einer Welt, die viele Jahre später, im fernen Deutschland, beinahe mein gesamtes Leben bestimmen wird. Das war nicht nur meine erste deutsche Erinnerung, sondern meine erste Kindheitserinnerung überhaupt. Dass ausgerechnet diese mit meiner deutschen Herkunft, meinen deutschen Wurzeln, der deutschen Sprache und so vielen Elementen meines russland-deutschen Volkes verknüpft war ... Dabei hat sich Gott etwas gedacht. Schon damals ließ er all das in mein Unterbewusstsein einfließen, wohl wissend, welch einen Weg ich später gehen werde. Die ersten Zeilen für dieses Lebensszenario wurden in einem fernen und mir bis dahin unbekannten Land geschrieben.
Kamenka, ein deutsches Dorf in Kasachstan. Ein Dorf von deportierten Deutschen und Polen aus der Ukraine. Welch ein harter Weg die Menschen dorthin geführt hatte, sollte ich erst viele Jahre später erfahren. Aber damals war davon nichts zu spüren. Die Menschen, die dort lebten, haben ihr Dorf geliebt. So aufrichtig, so innig, mit solch einer Hingabe, dass man nicht anders konnte, als sich auch zu verlieben. Meine Mutter und ich, die nur Gäste in Kamenka waren, haben beide ein Stück unseres Herzens dort gelassen.
Ich fragte mich so oft, wie mein Vater dieses kleine Paradies auf Erden verlassen konnte. Doch mein Vater fand in Karelien eine neue Heimat, und von dort wollte er auch nicht mehr fort. Kein Wunder, rechtfertigte ich ihn vor mir selbst. Karelien lässt niemanden mehr los. Die dunklen Wälder, die tiefen Seen, die majestätischen Felsen. Und da waren ja auch noch wir. Seine Familie. „Viele Wege musst ich gehn, viel im Leben überstehn, doch nichts Schöneres gesehn als mein Karelien ...“
Mein Vater singt dieses Lied über unsere Heimat, seit ich denken kann. Als Kind lauschte ich mit angehaltenem Atem, und die Zeilen legten sich wie ein Tattoo auf meine Seele. Für mich gibt es keinen schöneren Ort auf dieser Erde. Man lässt sein Herz immer dort, wo man geboren und aufgewachsen ist. Warum sollte man sich woanders ein neues Zuhause suchen? Fragen, die mich ständig beschäftigten. Ach, solche Entscheidungen will ich nie treffen müssen, dachte ich damals fest entschlossen. Kein Ort auf dieser Welt würde es je schaffen, Kareliens Platz in meinem Herzen einzunehmen. Es gehört ganz allein meiner kleinen Heimat! Dass das Herz sich auch teilen kann, dass es viel mehr Platz bietet, als meine kindliche Vorstellung es zuließ, sollte ich Jahre später erfahren.
Die Kirchenglocken zerschneiden die Stille des Sonntagmorgens. Der goldene Baum vor meinem Fester bewegt langsam und elegant seine Äste, wie eine Prima-Ballerina auf der Bühne des Bolschoi Theaters. Unten höre ich die Stimmen meiner Kinder. Ihre Worte fliegen hoch, durchqueren die warmen Räume und schmiegen sich um meine Ohren. Sie prallt schon längst nicht mehr ab, die deutsche Sprache. Ich öffne das Fenster und atme den herbstlichen Duft ein. Auf dem Feld hinter dem Wäldchen fährt ein Traktor die Ernte ein. Es duftet nach Heu. Ein sanfter Kuss aus Kasachstan legt sich auf meine Wange. Ich bekomme Sehnsucht. Nach Kasachstan, nach Kamenka, nach meiner Familie.
Ich hatte damals recht: Meine Cousine Irene lacht nun wie meine Tante Lida. Einmal höre ich auch Tante Sina lachen, Vaters ältere Schwester, und bin amüsiert. Sie lachen alle gleich. Wie unsere Oma Linda. Was gäbe ich dafür, sie noch einmal lachen zu hören! Meine Oma ist nicht mehr da. Ihr Lachen aber hat sie weitergegeben. Und so fühle ich mich ihr immer nahe, wenn ich ihr Lachen in meinen Tanten oder Cousinen erkenne. Ich lache nicht so. Ich lache wie meine Mutter, die ihr Lachen von meiner russischen Babuschka geerbt hat.
Menschen, Stimmen, Tränen, Gelächter. Wiedersehen. Schon lange trennen uns keine Tausende von Kilometern mehr. Wir sind alle vereint. Von allen Seiten ertönen Oma und Opa Rufe, nur sind es nun unsere Eltern, die so genannt werden. Meine zahlreichen Cousins und Cousinen sind, genauso wie ich, mittlerweile zu langweiligen Erwachsenen geworden, die ihre Kinder maß regeln und ihnen strenge Blicke zuwerfen, wenn sie sich benehmen sollen.
Umarmungen, Küsse, noch mehr Umarmungen. Lachende und erstaunte Ausrufe: „Na, kennst du mich noch?“ – „So was! Wer ist denn das?! Du bist ja groß geworden!“
Es gibt so viel nachzuholen. Wir alle haben uns schon lange nicht mehr gesehen. Dabei trennen uns teilweise nur wenige Kilometer. „Würden unsere Kinder sich auf der Straße begegnen, wüssten sie wahrscheinlich nicht einmal, dass sie verwandt sind!“, scherzen wir, sind aber in Wirklichkeit traurig über diese Tatsache. Als wir so weit entfernt voneinander waren, waren wir uns da nicht näher? Jetzt, wo wir so nah beieinander sind, sind wir uns nicht alle fern und einander sogar schon fremd geworden? Doch wer hat heutzutage schon Zeit?
Essen, Trinken, Anstoßen, Aufatmen. Endlich alle zusammen. Gespräche, Anekdoten, Witze, Gitarrenspiel. Mein Vater und seine Brüder singen. Meine Mutter und meine Tanten weinen. Heute weinen wir mittlerweile auch mit. Und bestimmt finden das unsere Kinder jetzt auch peinlich. Das liegt wohl in der Familie.
Ich schaue in die Runde und spüre, dass wir alle gerade woanders sind. Aber nicht hier, in diesem Raum. Während Gitarrenspiel die Luft zerreißt, fliegt jeder in seinen Gedanken an den Ort, wo sein Herz geblieben ist.
„Viele Wege musst ich gehn, viel im Leben überstehn, doch nichts Schöneres gesehn ...“, singt mein Vater.
So geht es uns allen. Jeder hat diesen besonderen Ort. Doch heute liegen die meisten dieser Orte in der Ferne, in der Fremde. Unsere Heimat ist nun hier. Hier, wo wir uns dennoch manchmal immer noch fremd fühlen. Meistens dann, wenn die alte Heimat uns einen Kuss, voll gepackt mit Düften und Erinnerungen, schickt. Alte Heimat, neue Heimat. Ach, das sind doch alles nur Begriffe. Damit wir uns besser fühlen oder rechtfertigen können.
Das Auto fliegt so über die Autobahn, dass man zwischenzeitlich das Gefühl bekommt, man würde schweben. An der Autobahn entlang laufen uns die Lichter der unbekannten Städte hinterher. Wir fahren durch die Dörfer und erreichen endlich unser Zuhause. Ich steige aus, und bevor ich meine schlafenden Kinder aus dem Auto holen kann, überrollt mich plötzlich ein komisches Gefühl. Ich schließe die Augen und atme tief ein. Langsam und schwer strömt die Luft in meine Lungen. Der deutsche Herbst ist so unberechenbar. Mal regnet es in Strömen, als wolle der Himmel uns ertränken. Mal brennt die Sonne herunter, als hätte sie die Jahreszeit verwechselt. Als ich mein Haus so in der Dunkelheit liegen sehe, muss ich schmunzeln. Hätte mir vor zwanzig Jahren jemand gesagt, dass ich Deutschland einst mein Zuhause nennen werde, dann hätte ich demjenigen einen Vogel gezeigt. Von dem Gedanken, dieses Land einst meine Heimat nennen zu können, ganz abgesehen.
Die Kälte lässt ihre eisigen Finger unter meine Jacke fahren. Eine Umarmung aus Karelien. Der goldene Baum raschelt kaum hörbar im herbstlichen Wind. Es duftet nach Pilzen, Beeren, Holz, Rauch, feuchtem Heu, nach einer von den Sinnen schon fast vergessenen Heimat.
Ein interessantes Lebensszenario, denke ich. Aber Gott hat sich bestimmt etwas dabei gedacht, als er daran schrieb. Es gibt keinen besseren Regisseur als ihn, da bin ich mir sicher. Jedoch liegt es allein in unserer Hand, wie wir die uns zugeteilte Rolle auf der Bühne des Lebens spielen.


Katharina Martin-Virolainen, www.martikat.de

Auszüge aus dem Sammelband "Im letzten Atemzug", www.ostbooks.de

siehe auch: meine.stimme.de "Ein Teil unserer Herzen"












Rosa Speidel

Perspektiven eines Kriegskindes

Aus der Biografie von Rosa Speidel

Die Heimat meiner ersten Kindheitserinnerungen ist ein Vernichtungslager für Deutschstämmige im ehemaligen Jugoslawien. Ich heiße Rosa Speidel und bin 1943 im damals zu Ungarn gehörenden heutigen Nordwest-Serbien geboren. Meine Ahnen, aus den Nord-Vogesen stammend, fuhren Mitte des 18. Jhd. auf der Donau von Ulm aus nach Südosten, damals Österreich-Ungarn. Ab 1945 wurden im kommunistischen Tito-Jugoslawien alle Deutschstämmigen enteignet, für rechtlos erklärt, vertrieben oder in Konzentrationslagern brutal ermordet. Einige Wochen zuvor waren alle arbeitsfähigen Deutschen zwischen sechzehn/achtzehn und fünfundvierzig Jahren in Viehwagons gepfercht und unter menschenunwürdigen Bedingungen in die Sowjetunion zur Zwangsarbeit deportiert worden. Meine Mutter arbeitete fünf Jahre lang in einem Kohlebergwerk im Donezbecken in der heutigen Südost-Ukraine (derzeit umkämpftes Gebiet zwischen Russland und der Ukraine). Mein Vater hatte sich für die ungarische Armee entschieden, weil unsere Familien sich von Anfang an von Hitler-Deutschland distanziert hatten. Beim Abschied 1944 soll er zu mir gesagt haben: „Kind, du wirst deinen Vater nie mehr wiedersehen.“ Er hatte Recht behalten.

Nach Kriegsende wurde das Gebiet, auf dem wir lebten, Jugoslawien zugesprochen. Ich überlebte das jugoslawische Vernichtungslager nur deshalb, weil meine Oma Eva, Mutter meiner Mutter, sich als meine Mutter ausgegeben hatte. Andernfalls wäre ich entweder verhungert oder als jugoslawisches Waisenkind mit serbischem Namen in einem Kinderheim aufgewachsen, ohne jemals meine wahre Identität zu erfahren.

Meine Erinnerungen aus den Jahren 1945/46 sind punktuell, jedoch so präzise, dass gravierende Ereignisse als scharfe Bilder und kurze Szenen unauslöschlich in meinem Gedächtnis, vor allem aber auf der Gefühlsebene haften. Unsere erste Behausung im Vernichtungslager war ein dunkler, schmaler Raum ohne Möbel mit vereisten Wänden. Auf dem Fußboden lag eine dünne Schicht Stroh, die sich immer feucht und kalt anfühlte. Die Eingangstüre, ursprünglich mit Glasfüllung, und das Fenster waren mit Latten und Brettern vernagelt. An Tür und Rahmen steckten anstelle des ausgeschlagenen Schlosses zwei krumme Nägel; die Tür wurde mit einer Schnur notdürftig „geschlossen“. Wenn die Partisanen nachts hereinstürmten, kündigte sich das mit einem kräftigen Stiefeltritt gegen das Türblatt an. Dieses Geräusch vergesse ich nicht. Eine Stimme schrie: „Stoj!“, und wir beeilten uns, so aufrecht wie möglich zu stehen. Ich zitterte. Oma Eva raffte mich in die Falten ihres Rockes und hielt mir den Mund zu, weil ich mit den Frauen mitschrie, die von den dunklen Gestalten herausgeholt wurden. Ich spüre noch heute die Öffnung des Gewehrlaufes schussbereit auf meiner Stirn. Dieses Loch verfolgte mich jahrzehntelang. Im Traum wurde es größer und größer, meine Angst schwoll zur Panik, bis ich im Sog dieses dunklen Loches aufwachte. Manchmal bildete ich mir ein, getroffen worden zu sein, und glaubte für Sekundenbruchteile, mein Kopf sei nicht mehr da. Ich sah meinen eigenen kopflosen Hals. Ich sah so aus, wie die Männer, denen die Partisanen mit dem Gewehrkolben den Schädel zertrümmert hatten. Bereits damals entwickelte mein Instinkt einen Ausgleich zur unerträglichen Realität. Wenn ich große Schmerzen ertragen musste, wurde ich ohnmächtig und spürte gar nichts mehr. Oder aber ich begann zu fliegen. Ich sah die Erde aus der Vogelperspektive. Auch hier kann ich mich an Details erinnern. Die Gefahr lag unter mir, die Partisanen waren ganz klein, ihre Kugeln erreichten mich nicht. Ich folgte einem Lichtstrahl, der aus einem hellen, warmen Kern kam. Dort wollte ich hin. Ich wachte jedoch immer vorher auf. Das Gefühl und der Wunsch, fliegen zu können, wurden so realistisch, dass ich bei Tag meine Arme ausbreitete und immerzu hochsprang, wie ich es im Traum tat. Ich hob aber nicht ab und sehnte mich danach einzuschlafen, was natürlich auch nicht funktionierte.

Die Lagerverpflegung für Kinder bestand aus zwei Kellen Wassersuppe ohne Salz mit kleinen dunklen Punkten (Popelsuppe). Vermutlich waren es winzige Käfer. Hin und wieder bekamen wir einen undefinierbaren Brei und ein Stückchen Steinbrot, das nach nichts schmeckte und erst hinuntergeschluckt werden konnte, wenn man es eine Weile im Mund aufweichen ließ. Es gab auch tagelang gar nichts. Wir Kinder suchten in allen Ecken nach Essbarem, selbst in Abfallgruben.

Im Winter 1945/46 hatte das große Sterben begonnen: Typhus, Ruhr, Malaria, Unterernährung, Ungezieferplage aber auch Folter und Vergewaltigung. Die Verantwortlichen wollten den Tod aller eingesperrten Donauschwaben ganz bewusst, und zwar so schnell wie möglich. Der Schnee war unser Trink- und Waschwasser. Es gab weder Öfen noch Heizmaterial. Wir bekamen kein frisches Stroh, hausten wie verwahrloste Tiere in stinkenden Räumen, da viele es nicht mehr rechtzeitig nach draußen schafften. Wir lagen immer dicht nebeneinander, um uns gegenseitig zu wärmen. In der hinteren Reihe fünf oder sechs Körper und in der vorderen ebenfalls. Wir Kinder krochen irgendwo dazwischen unter. Wer morgens tot war, wurde hinaus in den offenen Korridor gezerrt. Für mich waren alle fremd. Socken, Strümpfe oder gar Schuhe besaß niemand. Unsere Füße steckten zwischen Fußlappen und Stroh in derben selbstgeschnitzten Holzschuhen (Klumpen). Das Stroh wurde steif, wenn man die Klumpen auszog. Wer keine Klumpen besaß, konnte im Winter nicht vor die Tür. Tagsüber war ich die meiste Zeit alleine, oder ich schlich durch den Hinterhof in ein anderes Haus, in dem andere Kinder ebenfalls alleine waren. Die noch gehfähigen Erwachsenen mussten arbeiten, oder sie schlichen an den Lagerwachen vorbei hinaus, um auf den umliegenden Höfen oder in der einige Kilometer entfernten Provinzhauptstadt zu betteln. Es kam oft vor, dass Mütter und Großmütter mehrere Tage außerhalb des Lagers verbrachten. Manche kehrten gar nicht mehr zurück, weil sie erschossen oder erschlagen worden waren.

Nachts trippelten Ratten auf der Suche nach Nahrung über unsere Körper. Wer sich länger nicht bewegte, wurde angeknabbert. Läuse, Flöhe, Wanzen bissen sich an uns fest. Ich kann mich an Pusteln am ganzen Körper erinnern, die schrecklich juckten und bluteten, weil ich ständig kratzte. Mein Haar war grau und verfilzt. Oma schnitt mit einer stumpfen Schere alles von meinem Kopf, was nach Haaren aussah. Es muss die Zeit der Typhus-Epidemie gewesen sein, denn im offenen Korridor vor den Zimmern stapelten sich Leichen. Manche waren nackt, manche in schmutzige Flickendecken eingerollt. Tote brauchten keine Kleidung mehr und auch keine guten Decken.

In den Hinterhöfen vieler Häuser befanden sich Sterbeschuppen, ehemalige Geräteschuppen, in die man die Leute hineinlegte, für die sich ein Platz in den Stuben nicht mehr lohnte. Dort lagen alle auf gefrorener Erde, Tote und noch Lebende. Ab und zu sammelten Männer die steifen Körper ein. Damals waren für mich Tod und Verwesung ein natürlicher Prozess im täglichen Dasein. Ein anderes Leben kannte ich nicht.

Eines Tages schleppten zwei Männer meine Tante Resi in den Sterbeschuppen. Jemand hatte ihr die Jacke gestohlen. Tante Resi war nur noch in eine gestreifte Lumpendecke eingewickelt, so habe ich sie in Erinnerung. Sie war schon vorher sehr krank gewesen, lag schlafend in unserer Stube. Wie man mir später erzählte, war sie eine Nachbarin von zu Hause, die mich bereits als Baby beaufsichtigt hatte. Sie war auch im Vernichtungslager diejenige gewesen, die mir ab und zu Märchen erzählte, bei der ich mich geborgen fühlte. Ich wollte sie nicht verlieren. Obwohl niemand von uns in den Sterbeschuppen durfte, saß ich stundenlang neben ihr auf der eisigen Erde und wartete, bis sie die Augen öffnete. Wenn sie mich erkannte, sagte sie jedes Mal: „Geh weg! Du darfst nicht hier sein, hörst du, geh jetzt!“ Ich konnte nicht verstehen, warum sie mich wegschickte, und ging erst bei Dunkelheit zurück in unser Gemäuer.

Noch heute spüre ich den Schmerz, als fremde Männer meine Tante Resi aus dem Schuppen schleppten. Lange Zeit danach, saß ich immer wieder an der Hauswand gegenüber und starrte zur Scheunentür, obwohl ich wusste, dass Tante Resi nicht herauskommen konnte, weil sie gar nicht mehr drin war. Diese Trauer um Tante Resi war die schmerzlichste Zeit meiner Erinnerungen an das Vernichtungslager. Alle anderen Grausamkeiten, wie zerschlagene Köpfe, blutende Menschen, verwesende Körper, das krabbelnde Kleingetier, die Misshandlungen, die mein Großvater an mir wie eine zyklische Züchtigung vollzogen hatte, speicherte ich als „normalen Lageralltag“ ab. Aber diesen Verlust, das Gefühl des Völlig-alleine-gelassen-Seins, brannte sich in meinem Unterbewusstsein ein. Obwohl meine beiden Großmütter, Eva und Anna, immer wieder da waren, bedeutete mir Tante Resi am meisten. Sie war eine der wenigen innigen Bezugspersonen meiner frühesten Kindheit.

Als Oma Eva tagelang nicht vom Betteln zurückkam, dachten alle im Haus, sie sei nicht mehr am Leben. Eine alte Frau schrie mich an, ich solle verschwinden, packte mir etwas in meinen Wollumhang, band mir das Bündel auf den Rücken und schickte mich auf die Straße hinaus. Ich ging, weil ich wusste, dass Kinder ohne Angehörige aus den Häusern müssen. Es dämmerte, wurde kühl, ich wollte ein Nachtquartier in einer Ruine am Ortsrand suchen. Unterwegs dorthin begegnete ich Oma Anna, die gerade vom Arbeitseinsatz kam. Sie brachte mich zurück, obwohl ich es nicht wollte. In der Zwischenzeit war aber Oma Eva wieder da. Sie hatte schrecklich geweint, damals konnte ich nicht begreifen, warum. Einerseits war ich froh, wieder bei Eva zu sein, hätte mich aber auch mit einem Platz in den Ruinen in der Nähe des Friedhofs abgefunden.

Da alle Häuser mit den Grundstücksrückseiten durch Obst- und Gemüsegärten miteinander verbunden waren, hatten wir trotz strenger Ausgangssperren einen recht großen Aktionsradius. Wir Kinder schlichen durch die Gärten zu den Ruinen am Ortsende bis zum Friedhof. Dort war immer etwas los. So makaber dies heute klingen mag, unsere Kinderstube war nun mal das Vernichtungslager, Tote gehörten in unserem Lagerleben zur Normalität. Wir versteckten uns im Gebüsch oberhalb der Massengräber und sahen stundenlang zu, wie die Leichen in die Gruben geworfen wurden. Ich kann mich auch noch an Männer erinnern, die nackt und völlig abgemagert ein Loch graben mussten und dann hineingeschossen wurden. Einmal rutschte ein Partisan in das Loch, weil er mit dem Stiefel einen Erschossenen hineinstoßen wollte. Ich lachte.

Unsere Haut war grau mit Rissen in der Kruste. Ich erinnere mich, dass ich über meine rosa Haut staunte, nachdem ich ein graues Plättchen an meinem Arm weggekratzt hatte. In meiner Erinnerung ist fast alles aus jener Zeit grauschwarz. Farben kamen erst, nachdem Milizionäre in dunkelblauer Uniform die Aufsicht im Lager übernommen hatten, und niemand mehr willkürlich gequält oder erschossen wurde.

Im Vernichtungslager hatte ich gelernt, mich unsichtbar zu machen, zu schweigen, selbst wenn mir Schmerzen zugefügt wurden. Ich hatte gelernt, mich über niemanden zu beklagen, mir selbst zu helfen, so gut ich es konnte. Denn ich war damals fest davon überzeugt, dass Deutsche minderwertig sind, besonders ich selbst.

Als die sogenannten Internierungslager für arbeitsunfähige Deutsche auf Druck der Alliierten aufgelöst werden mussten, bot man uns Ruinen als Wohnraum an. Wir hausten zuerst in der Nähe der Provinzhauptstadt in einem zerschossenen Raum, in dessen Wänden noch Patronen steckten, dann in einem leerstehenden Schafstall an der Donau. Es regnete durch das Dach, der Wind pfiff durch die Lehmwände.

Nachdem ich schulpflichtig geworden war, zogen wir in unseren „Heimatort“, in dem wir verhasste Fremde waren. Auch hier verwies man uns in Häuserruinen. Nachdem wir einen oder zwei Räume in einer Ruine bewohnbar gemacht hatten, mussten wir wieder ausziehen. Man holte uns nachts das wenige Heizmaterial aus dem Schuppen, die Hühner aus dem Stall, ihre Eier aus den Nestern. Nur ein bissiger Hund rettete unsere Habe, aber auch ihn hatte man vergiften wollen. Dank seiner robusten Kondition, überlebte er.

Die meisten Lehrekräfte in der Schule verteilten täglich Kollektiv- und Einzelschläge, deutsche Kinder erhielten mehr davon. Ich wurde verspottet, sobald ich meinen richtigen Namen nannte. Außerhalb meiner Klasse erfand ich oft einen serbischen Namen, um nicht angefeindet, geschlagen oder angespuckt zu werden. Ich weiß noch heute, wie sich fremde Spucke im Gesicht anfühlt. Die Verachtung jener Zeit steckt tief.

Als ich knapp neun Jahre alt war, kam meine biologische Mutter aus Russland über Deutschland nach Jugoslawien zurück. Ich war ihr fremd, und sie war und blieb für mich eine fremde Frau. Ich bekam einen neuen Nachnamen. Bisher hatte ich ja den Familiennamen meiner Großeltern mütterlicherseits. Als ich drei Jahren später mit meiner Mutter nach Deutschland musste, und meine Oma Eva in Jugoslawien zurückblieb, brach in mir eine alte, tiefe Wunde auf, die nach Tante Resis Tod nicht wirklich verheilt war.

In Deutschland lebten meine Mutter und ich anfangs wieder in Flüchtlings- und Durchgangslagern, allerdings schlief ich zum ersten Mal in einem eigenen Bett, wenn auch als Stockbett in einem Barackenraum zusammen mit vierundzwanzig anderen Vertriebenen. Die Räume wurden mit kleinen Kohleöfen beheizt. Um den Ofen herum warm, an den Wänden Raureif. Ich verstand die Sprache der Deutschen nicht, und meine deutsche Sprache passte nicht nach Deutschland. Ich redete nur, wenn ich unbedingt musste. Wir standen in langen Schlangen zum Essenfassen, standen in Schlangen vor übelriechenden Waschraumbaracken und stinkenden Latrinen. Die Durchgangslagerschulen mit ständig wechselnden Klassenräumen, Lehrern und Mitschülern, waren auch keine Orte zum Wohlfühlen. Ein Versuch, mich in eine reguläre deutsche Schule zu integrieren, scheiterte kläglich. Ich verstand kein Schwäbisch, wünschte mir sehnlichst, wieder nach Jugoslawien zurückkehren zu dürfen. Auch wenn mich dort Hohn und Spott erwartet hätte. In Deutschland war ich letztendlich auch nur ein Flüchtlingskind, eine Gebrandmarkte, die man verachtete. Außerdem funktionierte das Zusammenleben mit meiner Mutter nicht. Sie hatte mir bereits in den ersten Monaten unserer Deutschland-Lagerzeit mitgeteilt, dass sie mir nicht helfen könne, ich müsse ab jetzt selber zusehen, wie ich vorwärtskäme.

Letztendlich bekam ich über eine kirchliche Organisation einen Platz in einem Kinderheim, in dem Kinder aus Jugoslawien umgeschult wurden - Integration würde man das heute nennen. Die Zeit dort war hart. Wir mussten regelmäßig auf den Feldern oder in den Ställen, in Küche, Waschküche oder beim Putzen mitarbeiten. Parallel wurde uns Disziplin und Gottesfürchtigkeit eingehämmert. Wir mussten nicht nur sonntags, sondern zuweilen auch unter der Woche sehr früh aufstehen, ohne Frühstück in Zweierreihen in die Dorfkirche zum Gottesdienst gehen, bei dem einige (auch ich) einschliefen, was zusätzlichen Arbeitsdienst zur Folge hatte. Unser unmittelbares Umfeld hatte keinerlei Verständnis für vom Krieg traumatisierte Kinder. Ich arbeitete mich pragmatisch durch alle Widrigkeiten hindurch. Strafen und Züchtigungen war ich gewohnt, körperliche Arbeit auch. Im Schulunterricht hatte die deutsche Sprache absolute Priorität, in meinem Kopf ebenfalls. Ich schrieb auf der Toilette kleine Merkzettel auf die Zeitungspapierränder des damals üblichen „Klopapiers“. Diese Spickzettel begleiteten mich während meines Arbeitsdienstes in meiner Schürzentasche. Alles in allem war jene Zeit im Kinderheim das Beste, was mir damals in Deutschland hatte passieren können.

Nachdem ich aus dem Kinderheim zu meiner Mutter zurückgekehrt war, forderte sie nach und nach widerspruchslosen Gehorsam. Wir wohnten in einer Kleinstadt am Rande der Schwäbischen Alb in einem winzigen Zimmer, das Wasser für Suppe und Tee mussten wir in der Waschküche holen, dort konnten wir uns auch waschen, im Treppenhaus befand sich ein Plumpsklo für alle Bewohner des Obergeschosses (etwa zehn Personen).

In der neuen Schule verstand ich Lehrer und Kinder nur teilweise. Im Kinderheim hatte ich hochdeutsch gelernt, die Lehrkräfte dort sprachen langsam. Sie gingen auf uns ein. Hier war alles ganz anders. Wochenlang sagte ich gar nichts, was meinen ersten Klassenlehrer dazu verleitete, mich zum Gespött der Klasse zu machen, mit den Wörtern „taubstumm“ und „staubdumm“. Ich kannte die Wörter nicht. Das Gelächter der Klasse blendete ich aus. Insgeheim trauerte ich der Zeit im Kinderheim nach. Auch wenn es dort keineswegs angenehm gewesen war, immerhin hatte ich so etwas wie ein Zuhause gehabt, einen Tagesablauf, mit dem ich mich identifizieren konnte. Ich wurde gebraucht, wenn ich gehorchte, gehörte dazu, wenn ich anderen half.

Nach einigen Wochen bekamen wir einen anderen Klassenlehrer. Und der beurteilte mich nicht nach meinem Schweigen, sondern nach meinen Leistungen in sprachunabhängigen Fächern. Ihm verdanke ich den nächsten großen Schritt zu meiner Integration. Er schlug mir vor, ich solle von meinem Taschengeld ein dickes Schreibheft kaufen, jeden Tag einen Kurztext hineinschreiben, dann werde er die Texte korrigieren. Ich wusste nicht, was Taschengeld bedeutete, weil ich immer alles, was ich von Verwandten geschenkt bekommen hatte, bei meiner Mutter abliefern musste. Im Schreibwarenladen gab es keine dicken Hefte, nur dicke Schreibbücher. So ein Buch kostete vier Mark. Fast sechs Kilo Brot, hätten wir dafür kaufen können. Obwohl meine Mutter meinte, es sei rausgeschmissenes Geld, gab sie mir die vier Mark. Ich begann zu schreiben, jeden Tag eine, manchmal auch zwei, drei Seiten voll. Bevor ich jedoch zu schreiben beginnen konnte, musste ich ein Thema, einen Gegenstand, ein Ereignis finden, dann nach Worten suchen, um das Gefundene zu beschreiben, und zwar in richtigem Deutsch: Grammatik, Orthografie, Interpunktion und die richtigen Zeiten verwenden.

Was damals in unserem kleinen Dachzimmer beim Blick durch das noch kleinere Gaubenfenster begonnen hatte, hörte nicht mehr auf. Bereits ein Jahr später schrieb ich Lyrik, Tagebuchgeschichten und selbst ausgedachte kurze Erzähltexte. Bei meinem Lehrer spürte ich zum ersten Mal so etwas wie Respekt und Anerkennung. Hier war ein Mensch, der wirklich mich meinte - mich, so wie ich war. Ich aber wollte so sein, so reden, wie die anderen. Ich hörte genau zu, wie meine Mitschüler mit dem Dialekt umgingen, kaufte ein Büchlein von Josef Eberle, alias Sebastian Blau, den ich zunächst auch nicht verstand, aber ich übte schwäbisch. Und ich übte weiter hochdeutsch. Für mich waren das zwei neue Sprachen und der Schlüssel zum Weiterkommen. Ich wollte hinein in dieses neue Leben in Deutschland mit den verschiedenen Sprachen. Noch heute wechsle ich meine Sprachebene je nach Gesprächspartner. Wenn mich jemand auf Hochdeutsch anspricht, antworte ich instinktiv auf Hochdeutsch. Redet jemand schwäbisch, schalte ich ebenfalls auf Schwäbisch um.

Als ich knapp vierzehn Jahre alt war, ging meine Mutter mit mir zur Berufsberatung. Hinter dem Schreibtisch saß eine ältere Dame mit leicht ergrautem Haar und ausdruckslosem Gesicht. Sie schaute mich nur kurz an, redete aber ausschließlich mit meiner Mutter. Unter anderem meinte sie: „Schicken sie ihre Tochter doch in die Fabrik zum Geldverdienen, das Geld können Sie als Kriegerwitwe sicher gut gebrauchen. Außerdem wird das Mädel sowieso heiraten und Kinder kriegen, eine Berufsausbildung wäre rausgeschmissenes Geld. Und eine Prüfung zur schulischen Weiterbildung würde sie mit diesen Deutschkenntnissen auf keinen Fall bestehen.“
Die Dame hatte mein Zeugnis mit einer Zwei in Deutsch und einem Notendurchschnitt von 2,5 gar nicht angeschaut. Ich selbst hatte kein Wort gesagt, da ich es gewohnt war, in Gegenwart meiner Mutter zu schweigen, weil sie immer für mich antwortete. Und meine Mutter sprach miserabel deutsch. Aber immerhin ermöglichte sie mir eine Ausbildung zur Fotolaborantin und Fotografin. Mein Lehrherr war ein bekannter Presse- und Portraitfotograf, künstlerisch-musisch begabt, Mitglied im Stadtrat unserer Kleinstadt, Mitglied im katholischen Kirchenrat und im Kirchenchor. Er war außerdem Lehrlingswart des Landkreises, also Ansprechpartner und Berater für alle Auszubildenden. Aber er vergriff sich – im wahrsten Sinne des Wortes - an allen seinen jungen Auszubildenden und Mitarbeiterinnen. Wir waren sechs, zeitweise sieben weibliche Wesen zwischen vierzehn und zwanzig Jahren. Seine dicken, Wurschtfinger tasteten täglich beim Guten-Morgen-Ritual in der Dunkelkammer über unseren Rücken unter den Armen durch bis vor zur Brust. Beim ersten Mal erstarrte ich zur Salzsäule, traute mich aber nicht, mich zu wehren, da die anderen auch nichts sagten. Meine Salzsäulenstarre musste ihm aufgefallen sein, denn er sagte nach ein paar Tagen zu mir, als wir alleine waren: „Wenn du jemandem davon erzählst, was glaubst du, wem wird man glauben, einem jungen Ding, das sich wichtigmachen will oder mir?“
Bei seinem nächsten Angriffsversuch über meinen Rücken, drehte ich mich um, damit er mir ins Gesicht schauen musste, was ihn nachhaltig irritierte.

Im ersten Ausbildungsjahr waren alle Auszubildenden Putzfrauen für Labor, Atelier und Ladengeschäft sowie Zugehhilfen für die Chefin. Ich musste zwei Jahre lang den Winter über morgens eine halbe Stunde früher kommen, in drei Kohleöfen Feuer machen, damit es bereits warm war, wenn die anderen zur Arbeit kamen, denn bei mir brannte das Feuer, ohne gleichzeitig die Räume einzuräuchern. Die Kohlen musste ich mit bloßen Händen in die Kohlenschippe füllen, wir hatten nur kaltes Wasser zum Hände waschen, und der Chef ermahnte mich immer wieder wegen der Trauerränder unter meinen Fingernägeln. Als ich einmal anmerkte, dass ich bekanntlich mit den Händen Kohlen schippen müsse und sich der Dreck mit kaltem Wasser nicht ganz abwaschen ließe, antwortete er, ich solle nicht so frech sein, er müsse sich sonst überlegen, ob eine Fortführung meines Ausbildungsvertrages noch sinnvoll sei. Parallel hatte er eine andere Auszubildende nach vier Wochen wegen Untauglichkeit nach Hause geschickt, weil deren Mutter sich bei ihm mit den Worten beschwerte: „Meine Tochter hat einen Lehrvertrag als Fotolaborantin und Fotografin und nicht als Putzfrau.“ Immerhin schickte er uns alle in die „Höhere Fachschule für das grafische Gewerbe“ nach Stuttgart. Auch diese Schulzeit sog ich in mir auf, wie ein ausgetrockneter Schwamm die Regentropfen.

Meine Kolleginnen schenkten mir zum Geburtstag mein erstes dickes, deutsches Buch: Goethes Faust. Das war etwas, was ich unbedingt verstehen wollte. Ich erzählte meiner Mutter, ich bräuchte für die Berufsschule ein Wörterbuch und ein Lexikon. Das Geld bekam ich schließlich von meiner Oma Anna, der Mutter meines Vaters. Gleichzeitig lernte ich die Welt der Oper und Operette kennen, zwei meiner Kolleginnen und ich fuhren einmal pro Monat mit dem Bus nach Stuttgart in das Große Haus. Vorher kauften wir uns für eine Mark ein Heftchen und lernten die Texte auswendig. Die Musik kannten wir schon vorher, denn unser Ekel-Chef war Opern-, Operettenliebhaber, hatte vor vielen Jahren in Wien selbst eine Schallplatte mit Operettenmelodien aufgenommen. Mir gegenüber hatte er die sexuellen Übergriffe eingestellt, schenkte mir zum Geburtstag und zu Weihnachten Langspielplatten populärer Klassiker. Diese Schallplatten hätte ich mir damals nicht leisten können.

Mit neunzehn Jahren wechselte ich die Arbeitsstelle und zog nach Heilbronn. Obwohl in dieser Stadt noch Anfang der sechziger Jahre die Ruinen wie bizarre Monster in den Himmel ragten, fühlte ich mich wohl. Ich hatte endlich ein eigenes Zimmer, ein eigenes Zuhause. Endlich konnte ich durchatmen und durchschlafen in meinem eigenen Mini-Reich. Und ich durfte fast mein ganzes Geld für mich behalten; einen Teilbetrag musste ich meiner Mutter geben. Ich strickte alle meine Pullis und Jacken selbst, nähte von Hand Röcke und Sommerkleider. Wolle und Stoffe kaufte ich für ein paar Mark im Resteladen.

Der Winter 1962/63 war einer der kältesten des 20. Jhd. Mein Zimmer war eine ehemalige kleine Küche mit zugigen Fenstern, steinernem Spülbecken, einem Holz-Kohle-Ofen, einem Bett, einem schmalen Schrank, einem Tischchen und einem Stuhl. Der große Karton, in dem ich mir meine wenigen Bücher per Post hatte nachschicken lassen, diente als Bücherregal. Da die Wände nicht isoliert waren, war mein Waschlappen morgens an der Wand festgefroren. Nachts zog ich zwei dicke Strumpfhosen übereinander an und über den Schlafanzug einen Pullover und einen Bademantel.

Im Fotoatelier waren wir fünf junge Frauen etwa im gleichen Alter. Wir arbeiteten gemeinsam, verbrachten fast immer die Mittagspausen miteinander, meistens bei einer einzigen Tasse Kaffee (zu mehr reichte das Geld nicht) und unternahmen häufig auch an den Wochenenden etwas gemeinsam. Und wir putzten nach Ladenschluss alle Räume. Das bedeutete, dass wir fünfundvierzig Stunden pro Woche bezahlt bekamen, jedoch über fünfzig Stunden arbeiten mussten. Volljährig wurden wir erst mit einundzwanzig. Damals gab es weder ein Jugend- oder Lehrlingsschutzgesetz noch Arbeitsschutzgesetze. Trotzdem freuten wir uns über jede freie Minute, leisteten uns hin und wieder einen Kinobesuch, diskutierten bis in die Morgenstunden über wichtige und weniger wichtige Themen oder fuhren zu sechst in einem Auto ein paar Kilometer Richtung Heidelberg, Stuttgart, Karlsruhe.

Ab Anfang der sechziger Jahre durfte man offiziell nach Jugoslawien reisen. Ich hatte das ganze Jahr über gespart, um wenigstens für eine Woche nach Jugoslawien reisen zu können. Dann stellte sich heraus, dass mein Geld dank des günstigen Wechselkurses für zwei Wochen reichen würde. Als ich an der Grenze die mir aus meiner frühesten Kindheit vertraute Sprache hörte, stieg ein Gefühl in mir hoch, das ich bis dahin nicht kannte. Und als ich dann durch meine Sprachkenntnisse sowohl die jungen deutschen Urlauberinnen als auch die jungen jugoslawischen Jungs vom Bootshafen im Schlepptau hatte, wurden die zwei Wochen Urlaub für mich so etwas wie eine sich selbst erhaltende Kettenreaktion von Glücksmomenten.

Inzwischen hatte ich meinen Mann kennengelernt. Auch wir fuhren in den ersten Jahren im Urlaub nach Jugoslawien. Nachdem unser Sohn geboren worden war, hörte ich auf zu arbeiten, da es zu jener Zeit keinen Mutterschutz gab. Schonzeiten waren lediglich vier Wochen vor der Geburt und acht Wochen danach. Wollte eine Frau ihre Arbeitsstelle behalten, musste sie nach acht Wochen ganztags arbeiten. Halbtagsstellen für Mütter gab es keine, demzufolge auch fast keine berufstätigen Mütter. Als Fotolaborantin und Fotografin hätte ich sowieso nicht mehr arbeiten können, da in dieser Branche ausschließlich junge, unverheiratete Frauen tätig waren.

Parallel zu Kind und Haushalt besuchte ich eine Wirtschafts- und Handelsschule, schloss eine kaufmännische Ausbildung ab, danach Weiterbildung mit Abschluss Sekretärinnen-Diplom. Meine Tätigkeit in der Verwaltung eines nur fünf Gehminuten von unserer Wohnung entfernten Unternehmens konnte ich flexibel gestalten. Zwei Jahre später wurde mir eine von einem namhaften Unternehmen gesponserte Ausbildung „Büroorganisation und programmierte Textverarbeitung“ angeboten und die Leitung des Textverarbeitungssekretariats. Staatliche Unterstützung gab es zu jener Zeit keine. Berufliche Weiterbildung oder Umorientierung waren ausschließlich Privatangelegenheiten. Außerdem waren Ehefrauen damals offiziell für Heim und Herd zuständig, alles andere hatte einen Makel. Wenn Frau sich trotzdem beruflich weiterentwickeln wollten, durfte sie dies nur mit Einwilligung des Ehemannes tun, und zwar neben Haushalt und Kindererziehung. Die Frauen bekamen gesellschaftlich-moralisch keinerlei Rückendeckung. Im Haushalt mithelfende Männer wären Waschlappen gewesen.

In den Unternehmen waren es immer die Frauen, die den Männern zuarbeiten mussten, egal welche Qualifikation. Die Herren Abteilungsleiter wollten Frauen aus ihren Kompetenzbereichen fernhalten und glaubten, sie mit sexuellen Intrigen erpressbar machen zu können. Ich hatte gelernt, mich zu wehren. Als ich merkte, dass mit Offenheit und direktem Ansprechen heikler Vorgänge mehr Erfolge als Misserfolge möglich waren, erreichte ich auch die Anerkennung als Frau in leitender Position, die ich allerdings nach zwei Jahren dann doch aus familiären Gründen aufgeben musste.

Unser Sohn war ein absolut pflegeleichtes Kind. Meine längeren Fehlzeiten zu Hause wurden durch Nachbarschaftshilfen ausgeglichen. Von Natur aus neugierig mit strukturierter Denkweise ausgestattet, hatte unser Sohn sich sehr früh freigeschwommen. In schulischer Hinsicht brauchte er von Anfang Grundschule über Gymnasium und Studium keinerlei Nachhilfe.

Mein Mann hatte sich zwischenzeitlich selbstständig gemacht. Wir bauten zusammen ein kleines Konstruktionsbüro der Sparte Maschinenbau auf. Ich arbeitete damals in einem großen Unternehmen als Sekretärin/Assistentin des Anlagenleiters, zeitweise auch für die Direktion. Zu jener Zeit besuchte ich Sprachakademien im Ausland und Seminare für Organisation, Zeitmanagement, Menschenführung. Um neben meinem Job auch im Büro meines Mannes alle kaufmännischen Tätigkeiten erledigen zu können, hatte ich zuvor in der IHK einen Meisterkurs in Bilanzbuchhaltung abgeschlossen.

In den Jahrzehnten meiner Vollzeitbeschäftigung gönnte ich mir einmal pro Jahr eine Auszeit. Ich flog als Rucksacktouristin rund um den Globus. Meine Urlaube waren überwiegend eng mit der Natur verbunden, ohne jeden Luxus, zum Beispiel mit vierzig Pferden durch Islands Hochland, mit dem Bus quer durch die USA zusammen mit unserem Sohn, mit Zelt und Kleinbus im Urwald Südafrikas unterwegs, drei Wochen im Kilimanjaro-Gebiet bis hinauf auf den Kibo, durch Neuseeland per Flugzeug, Bus und Pferd, aber auch mit meinem Mann in fast allen Ländern Europas sowie quer durch Australien und drumherum.

Vor zwei Jahren erhielt ich von einem Ahnenforscher eine Dokumentation über meine Vorfahren. Danach stammte der Ahne meines Vaters aus Bining bei Bitche (Nordvogesen). Das wollte ich genau wissen, fuhr mit meinem Mann hin und fand im Rathaus der Kleinstadt Rohrbach-les-Bitche ein Kirchenbuch aus dem 18. Jhd., in dem die Geburts- und Taufdaten meines Ahnen aus Bining festgehalten wurden. Tief berührt hatte mich, dass dieser Ahne, der um 1760 (damals zwanzig Jahre alt) auf der Ulmer Schachtel Richtung Südungarn fuhr, auf den Namen Johannes getauft worden war, genau wie mein Vater knapp 180 Jahre später auch.

Nachdem ich Anfang 2000 ein Fernstudium mit Abschluss „Schriftstellerdiplom“ absolviert hatte, schrieb ich, neben Beiträgen für die Kulturredaktion unserer regionalen Zeitung und Berichten für Vertriebenenorganisationen, zwei Bücher über Vernichtungslager und die Verfolgung und Vertreibung Deutschstämmiger aus Jugoslawien.
Derzeit arbeite ich an einer biografischen Romantrilogie über die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg als Kind mit deutschem Namen im ehemaligen Jugoslawien, aber auch als Flüchtlingskind im Nachkriegs-Deutschland - eine gelebte Zeitdokumentation außerhalb von Statistiken und Geschichtsbüchern.












Tatjana Prescher

Sprache ohne Land

Ich bin ein Sonntagskind

Vor 56 Jahren und zwei Monaten brachte mich meine Mutter Jaroslava in der Vojvodina in Ruski Krstur in der Geburtsklinik zur Welt. Kurze Zeit später wurde ich auf den Namen Tatjana getauft. Was sollte das für mich wohl bedeuten?
Als Heilige in der russischen und orthodoxen Kirche verehrt,um 222 n. Chr., abgeleitet vom Sabinerkönig Titus Tatianus; die Schaffende, die Kreative, die Glaubende, Gottes Gnade.
Mein Mädchenname ist Kolosnjaji. Dieser Name stammt aus der Habsburger Zeit. Damals hat die Kaiserin Maria Theresia Ruthenen von der Gornica in den Karpaten in die Batschka umgesiedelt.
Das Land dort war sumpfig und niemand wollte auf diesem Gebiet Ländereien kaufen.
Vor dreihundert Jahren war Europa von Südosten her bis zu den Grenzen des Habsburger Kaiserreichs zu großen Teilen beherrscht von den Osmanen. Die sumpfige Gegend der pannonischen Ebene, zu der die Batschka gehört, war sehr dünn besiedelt.
Meine Vorfahren waren ursprünglich Hirten und hatten in den Karpaten keinen eigenen Grund und Boden. Sie bekamen Land in der Panonischen Ebene zugeteilt. Ruthenen in der Batschka gehörten zum österreich-ungarischen Hochheitsgebiet und wurden mit ungarischen Namen als Eigentümern eingetragen. Kolosnjaji ist eigentlich ein ungarischer Name.
Die Österreicher und die Ungarn sind weitestgehend katholische Länder.
Die Ruthenen entstammen dem orthodoxen Einflussgebiet. Sie wurden unter der Herrschaft der Habsburger den Katholiken zugeteilt und so kam es zum Kompromiss: Meine Vorfahren bezeichneten sich als griechisch-katholisch und erkannten den Papst an.
Lange Zeit feierten sie die christlichen Feste nach dem julianischen Kalender, wie sie auch beispielsweise in Serbien, Russland, Syrien oder Eritrea gefeiert werden.
Meine Mutter Jaroslava hat mit 18 meinen Vater Janko geheiratet, den sie schon vier Jahre kannte.
Mein Vater hat als einziger in seiner Familie studiert. Er hat Maschinenbau studiert und dann musste er Militärdienst leisten. Ich kam zur Welt, bevor er seinen Militärdienst abgeleistet hatte.
Zu dieser Zeit wohnte meine frischgebackene Mama noch in ihrem Elternhaus.
Die ersten Bezugspersonen waren also meine Großeltern mütterlicherseits und die zwei jüngeren Schwestern meiner Mutter, also meine Tanten.
Mein Vater hat nach dem Militärdienst eine Arbeit in Sombor gefunden und wir sind dorthin gezogen. Allerdings bin ich nicht in Sombor in den Kindergarten gegangen.
Meine Mutter ist mit mir oft bei ihren Eltern gewesen, und ich bin in Ruski Krstur in den Kindergarten gegangen.
Wir sind da mit dem Zug nach Vrbas gefahren, um dann mit dem Bus nach Ruski Krstur zu kommen. Im Zug haben wir uns mit Gedichten und Liedern die Zeit vertrieben. Ich habe damals nur russinisch gesprochen. Russinisch heißt unsere Sprache und wir nennen uns Rusnaken. Die Serben nennen uns Russinen und international werden wir Ruthenen genannt.
Die Ruthenen sind ursprünglich im Karpatengebirge beheimatet gewesen. Dieses Gebiet wurde von verschiedenen angrenzenden Ländern als ihr eigen gesehen.
Ein Teil lebte im als polnisch geltenden Gebiet und hat sich mit den Menschen dort vermischt. Die ruthenische Sprache wird dort nicht gesprochen. Die Polen hatten den Ruthenen ihre Sprache verboten und sie zu den Polen gezählt. Inzwischen erkennt man sie dort als nationale Minderheit an.
Die Ruthenen, die in dem von der Ukrainern beanspruchten Gebiet lebten, wurden ebenfalls nicht als solche anerkannt. Die ruthenische Sprache war ihnen auch nicht gestattet. Sie werden heute noch zu den Ukrainern gezählt.
Aus Ukrainischer Sicht heißt das Heimatgebiet der Ruthenen Transkarpatien.
Ein Teil lebte im Gebiet der heutigen Slowakei.
Die Slowakei hat als einziger Staat den Ruthenen die ruthenische Sprache erlaubt und sie als Ruthenen, oder wie sie dort genannt werden: Russinen, anerkannt.
Der Vollständigkeit halber ist zu sagen, dass es Ruthenen auch in Rumänien gibt.
Ein weiterer Teil lebte im nordöstlichen Gebiet Ungarns. Dort durften sie weder die Sprache beibehalten, noch war ihre Nationalität anerkannt. Sie wurden dort als Ungarn bezeichnet.


Über den Tellerrand

Ich wohnte als kleines Kind also in Sombor. Sombor liegt unweit von der ungarischen Grenze im Norden und kroatischen Grenze im Westen. Und wir waren die einzigen Ruthenen in Sombor. Hier sprachen die Menschen größtenteils Ungarisch oder Serbisch. An die Zeit in Sombor kann ich mich nur noch vage entsinnen.
Aber meine Besuche bei Oma und Opa in Krstur habe ich noch gut in Erinnerung behalten.
Ich kann mich auch an das Gefühl der Enttäuschung erinnern, als ich bei meinen Großeltern morgens aufgewacht bin, und mein Großvater schon längst zur Feldarbeit gefahren war.
Aber manchmal habe ich ihn noch erwischt, wie er im Begriff war mit der Pferdekutsche zum Feld zu fahren. "Djiiiiiiido" habe ich da hinter ihm hergeschrien und bin ihm weinend hinterher gelaufen.
Er musste mich mitnehmen.
Er hat unter anderem Paprika, Mais oder Melonen angebaut. Mit ihm habe ich die köstlichsten Wassermelonen gegessen. Meinen "Djido" habe ich über alles geliebt. Und ich war das älteste Enkelchen, d. h., ich habe ihn acht Jahre lang für mich alleine gehabt. Dann musste ich lernen zu teilen, weil ich ein Brüderchen bekommen habe.
Ich hatte auch Freunde in der Nachbarschaft. N. ist in meinem Alter. Sie hat eine ältere und eine jüngere Schwester und einen jüngeren Bruder. Wir spielten immer miteinander, wenn ich bei meinen Großeltern war.
Auch unsere Mütter verstanden sich gut.

Die erste Klasse besuchte ich in Becej, da hatte mein Vater am Polytechnikum als "Professor" doziert. Er war gerne Lehrer und liebte seine Fächer.
Am 26.05.18 hat er in Becej das 50-jährige Jubiläum der Absolventen mit seinen ehemaligen Schülern gefeiert.
Becej liegt östlich von Ruski Krstur, und der Weg von dort zu meinen Großeltern war genauso weit und beschwerlich, wie von Sombor aus. Von der Zeit in Becej sind mir auch nur Bruchstücke haften geblieben.
Ich kam mit sechs Jahren in die erste Klasse der Schule Sever Djukic. In der Schule musste ich dann serbisch sprechen. Wir lernten mit dem "Bukvar" auch kyrillisch schreiben. Aber das war die serbische kyrillische Schrift. Für mich war das die erste Fremdsprache. Ein Mädchen namens Ivana wohnte im gleichen Wohnhaus und wir sind zusammen in die Schule gelaufen.
Mit Ivana bin ich auch oft zu ihrer Oma mitgegangen, sie wohnte nicht weit von der Schule. Ivanas Oma hat uns Polenta gekocht und wir haben sie dann mit Milch und Zucker gegessen.
Als das Technikum, in dem mein Vater gearbeitet hatte, geschlossen wurde, fand er eine Arbeit in Ada.
Nachdem wir dahin gezogen sind, kam ich in die zweite Klasse der Schule Csech Karoly.
Ada liegt noch näher an der ungarischen Grenze. Wir waren hier wieder die einzigen Ruthenen.
In der Schule habe ich auch die ungarische Sprache kennen gelernt. Alle Kinder mussten in der Schule Ungarisch lernen. Es lebten dort viele Ungarn.
Mir fiel es in der Schule sehr schwer Ungarisch zu lernen, da es nicht im Geringsten dem ähnelte, was ich vorher kannte.
In Ada bekam ich ich Klavierunterricht und ging fleißig zu einer Freundin zum Üben. Sie hatte ein Klavier und sie konnte schon gut spielen.
Das Jahr zuvor, 1969, ist die jüngste Schwester Zlatka meiner Mutter mit Freunden nach Deutschland gegangen. Dort hat sie einen Deutschen geheiratet und meine Eltern überlegten sich, ob sie nicht auch nach Deutschland auswandern sollten.
1970 bekam ich ein Brüderchen, an einem Sonntag. Er wurde auf den russischen Namen Igor getauft.
In der dritten Klasse lernte ich die lateinische Schrift. In Serbien lernten die Kinder zuerst die Kirilica und dann die Latinica. In Kroatien war es umgekehrt.
Zufällig habe ich genau zu der Zeit auch ein deutsches Mädchen namens Nicole kennen gelernt und habe einen ersten Eindruck von der deutschen Sprache bekommen. Meine Eltern redeten mit mir über ihre Pläne. Mein Bruder war zu der Zeit gerade mal ein Jahr alt.
Ich war schon immer neugierig, genauso wie meine Eltern und die Neugierde siegte auch. Wir wollten auswandern.
Meine Eltern fuhren im Februar 1971 mit zwei Koffern nach Deutschland und ließen mich bei meiner Patentante Irina, der zweiten Schwester meiner Mutter. Sie arbeitete in Novi Sad als Journalistin beim Verlag "Dnevnik" und war Chefredakteurin der russinischen Zeitschrift "Ruske Slovo". Sie hatte als einzige von den drei Schwestern studiert. In dieser Zeit ging ich in russinischen Zusatzunterricht. Es gibt eine russinische Grammatik und eine russinische Schrift.
Der Begründer der russinischen Schriftsprache ist Havriil Kostelnik. Er war Kaplan in Ruski Krstur.
Seine Grammatik der Sprache der Russinen in der Batschka kam 1923 heraus.
Ich kann immer noch russinisch lesen und schreiben. Zumal ich durch meine Patentante die russinischen Bücher lieben gelernt habe. Sie selbst hat auch Bücher auf Russinisch verfasst.
Das zweite Halbjahr der dritten Klasse ging ich in die Schule Jovan Popovic in Novi Sad.
Novi Sad ist die Hauptstadt der autonomna pokrajina (autonome Provinz) Vojvodina. Vojvodina gehört zu Serbien.
Diese Stadt wird auch Neusatz genannt und hat auch einen ungarischen Namen: Újvidék (Steht auf auch dem Orstschild). Und sie ist das kulturelle Zentrum von Vojvodina. Bis Ende des 17. Jahrhunderts hatten die Osmanen die Pannonische Tiefebene mit der Batschka in ihrer Gewalt und dann wurden sie von Österreich-Ungarn aus diesem Gebiet vertrieben. Ein österreichisch-russischer Feldmarschall hat die Osmanen aus der Gegend in die Flucht geschlagen und hat mit dem Bau der Burg Petrovaradin bei Novi Sad begonnen. Die entscheidende Schlacht gegen die osmanischen Besatzer wurde in Senta, einer Stadt nördlich von Ada, unter Prinz Eugen geführt. Und danach hatte die habsburger Monarchie den Plan, die befreiten sumpfigen Gebiete der Batschka neu zu besiedeln. Unter anderem wurden die Ruthenen dazu auserkoren, das Gebiet bewohnbar zu machen.
Ich beendete also die dritte Klasse in Novi Sad.
Mein Bruder blieb bei meinem Onkel, dem ältesten Bruder meines Vaters in Ruski Krstur. Ich war oft mit meiner Cousine und meinem Cousin zusammen, wenn ich in Krstur war.. Mein Bruder wurde dort so ziemlich von allen verhätschelt, war ja noch ein Baby. Meine Eltern waren sehr glücklich darüber, dass sie jemanden hatten, bei dem der kleine Igor gut aufgehoben war.
Meine Eltern holten uns in den Sommerferien 1971.
Wir zogen nach Oberbiel in Hessen, nicht weit von Wetzlar.

Die deutsche Grammatik

In Hessen hat die Schule nach den Sommerferien ein wenig später angefangen als in Serbien.
Ich hatte also Zeit, mich mit der deutschen Sprache zu beschäftigen.
Meine Eltern gingen beide arbeiten. Mein Vater arbeitete bei der Firma Kling, die nach einigen Jahren von der Firma Kugelfischer übernommen wurde. Meine Mutter arbeitete bei Philips, wie ihre Schwester und ihr Schwager.
Wir wohnten zunächst bei ihnen und dann bekamen wir in Oberbiel ein Zimmer mit Küche und WC im Flur. Wir zogen also in die Freiherr-vom-Stein-Straße 4.
Da war schon das erste sprachliche Problem, welches meinen Vater immer wieder beschäftigte: Warum hieß dieser Freiherr nicht "von"? Aber dessen ungeachtet lernte mein Vater auch fleißig Deutsch, so wie ich. Er wollte nämlich den Führerschein machen, um in den kommenden Sommerferien selbst nach – damals noch – Jugoslawien zu fahren. Wir fuhren dann regelmäßig einmal im Jahr nach Jugoslawien, die ganzen Sommerferien über.
In Oberbiel wohnte gegenüber von uns ein Mädchen. Antje ging mit mir in die Grundschule Oberbiel. Wir waren in der gleichen Klasse. Sie ist die jüngste von vier Schwestern. Ihr Vater arbeitete bei einem Audihändler. Mein Vater bestand die Fahrprüfung. Unser erstes Auto war ein Audi, wir hatten es günstig über den Papa vom Nachbarsmädchen bekommen.
Überhaupt mussten wir mit dem Geld sehr vorsichtig umgehen. Wir hatten ja nichts, außer zwei Koffer, als wir nach Deutschland kamen. An die erste Einkaufstour kann ich mich dementsprechend gut erinnern: Ich habe die ersten zwei Hosen und einen rot-weiß gestreiften Pulli gekauft bekommen und musste auf meine Kleidung gut aufpassen. Leider nutzte sich der Stoff von den Hosen schnell ab und es entstanden überall Fussel.
Ich versuchte den Fusseln Herr zu werden und schnitt leider in eine Hose ein Loch. Jetzt musste ich eben eine geflickte Hose tragen. Von Antje wurde ich auch das erste Mal zu einem Kindergeburtstag eingeladen. Solche Kindergeburtstage kannte ich nicht. Es gab bei uns nur etwas zu essen und zu trinken und wir spielten einfach, was uns einfiel. Bei Antjes Geburtstag lernte ich zum Beispiel das Spiel "Topf schlagen" kennen. Auch kannte ich den Sankt-Martins-Brauch nicht. Die Kinder nahmen mich das erste Mal mit zum Laternensingen und wir bekamen jede Menge Süßigkeiten. Wie im Schlaraffenland.
In der Schule hatte ich anfangs Probleme mit dem Schreiben. Meine Diktate fielen wohl so eindeutig aus, dass man beschloss, mich in den Förderunterricht in Deutsch zu schicken.
Dort lernte ich unter anderem, dass der Hahn in Deutschland anders kräht als in Ruski Krstur: Der Lehrer fragte, ob denn jemand weiß, wie der Hahn kräht. Und ich traute mich zu antworten: "Kukuriku".
Dem Schuldirektor Stoll habe ich es zu verdanken, dass ich heute selbst Deutsch unterrichte.
Ich war so dankbar und so glücklich endlich Hilfe zu bekommen, dass ich am Ende der vierten Klasse keine Fünf im Zeugnis hatte. Mein erstes deutsches Zeugnis ist gar nicht so schlecht.
In Mathematik hatte ich schon in Serbien vieles gelernt, dieses Fach fiel mir in der vierten Klasse nicht schwer.
Leider hatte ich keine Ahnung was ich im Religionsunterricht lernen soll. In Serbien hatten wir so etwas nicht. Serbien war sozialistisch.
Der 25. Mai war in der SFR Jugoslawien der Tag der Jugend. Wir Schüler studierten dafür etwas ein und führten es dann vor. Die älteren Kinder waren "Pioniere". Sie haben alle rote Pionierstücher um den Hals gebunden bekommen und blaue Kappen und sollten vortanzen.
Da es in Oberbiel keine weiterführende Schule gab, musste ich in der fünften Klasse nach Wetzlar fahren. Ich kam in die Eichendorff-Schule, eine Gesamtschule.
Meine Eltern fanden bald eine Wohnung in Wetzlar-Dalheim. Mein Schulweg dauerte nur ein wenig länger als zehn Minuten zu Fuß. In Dalheim lernte ich Rosalie kennen. Wir wohnten nicht weit entfernt voneinander und spielten öfter zusammen. Wir luden uns zu unseren Kindergeburtstagen ein, wir spielten draußen im Park, wir lernten zusammen, machten Hausaufgaben und wir backten Kuchen. Mein erster Kuchen war ein Käsekuchen. Meine Mutter schimpfte mit mir. Sie musste sich wieder Zutaten besorgen, da ich sie verbraucht hatte. Das Problem war wieder das Geld.
Aber der Käsekuchen hat geschmeckt.
Ich war lange Zeit ein Schlüsselkind. Mein Bruder war im Hort in Wetzlar.
Da meine Eltern immer erst später von der Arbeit kamen verbrachte ich auch viel Zeit mit Lesen.
Mein Onkel Karl-Heinz, hat mir ein Märchenbuch geschenkt, die Märchen der Gebrüder Grimm.
Mit der Zeit konnte ich immer besser lesen und verschlang geradezu Märchen und Jugendliteratur.
Ich ging oft zur Bücherei nach Wetzlar und holte mir Nachschub.

Ein Stück Heimat

Meine Großeltern kamen für sechs Jahre nach Deutschland. Sie wohnten in Oberbiel, wo meine Tante und Onkel auch wohnten. Wir sahen uns jedes Wochenende. Das linderte ein wenig den Trennungsschmerz. Bald kam die erste Tochter meiner Tante zur Welt. Meine Cousine. Die Oma wurde also dringend gebraucht.
In Wetzlar hatte ich zusätzlich zum Schulunterricht Unterricht in Serbisch. Ich ging zum Zusatzunterricht mit anderen Gastarbeiterkindern. Allerdings hatte ich sonst keinen Kontakt mit Landsleuten. Während der Woche kam ich nicht mit serbischen Kindern zusammen. Mit den anderen habe ich Deutsch gesprochen, oder eben Russinisch mit meinen Eltern.
Aber ich konnte noch gut Serbisch. Meine Eltern haben für mich die Kinderzeitung: "Politikin Zabavnik" abonniert. Sie kam lange Zeit regelmäßig zu uns nach Deutschland und ich las sie gerne.
Leider hatte ich den Zusatzunterricht nicht durchgehend, außer der Sprache lernte ich nicht viel über die Socijalisticka Federativna Republika Jugoslavija (Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien).
Irgendwann machte die Firma Kling in Wetzlar zu und mein Vater kam zur Firma FAG nach Schweinfurt in Bayern.
Wir zogen im April 1977 nach Schweinfurt. Zunächst bekamen wir eine 4-Zimmer-Wohnung in einem Betonklotz namens Wohnscheibe. Meine Mutter bekam auch einen Arbeitsplatz bei "Kugelfischer" und so hatten es meine Eltern nicht weit zur Arbeit.
Ich wurde beim Alexander-von-Humboldt-Gymnasium angenommen.
In Schweinfurt ging ich weiterhin zum Zusatzunterricht in Serbisch.
Wir lernten die Sprache, Landeskunde und Geschichte.
Am Gymnasium hatte ich zunächst Probleme, aber man zeigte Verständnis dafür, dass ich von einer Gesamtschule in Hessen nach Bayern aufs Gymnasium gewechselt hatte und ich bekam Probezeit bis zum ersten Halbjahr der zehnten Klasse.
Ich hatte Sehnsucht nach Wetzlar und nach meinen Großeltern.
Sie sind dann wieder nach Ruski Krstur zurückgekehrt. Dort haben sie sich ein neues Haus gebaut. Das alte wurde zum Teil stehen gelassen und sie verwendeten es als Werkstatt.

Eine Romanze

Das Leben ging weiter. Ich besuchte einen Tanzkurs. Ich sang im Schulchor.
Ich trat in die Theater-AG ein. Dies genoss ich. Ich lernte die Dramen lieben.
Und ich belegte sogar Französisch und Russisch als Wahlpflichtfächer.
Ich lernte andere junge Leute kennen. Karin aus der Nachbarschaft hatte fast den gleichen Schulweg. Wir trafen uns öfter. Wir gingen zusammen zum Schützenhof. Ich meldete mich an und übte mich im Zielen. Wir gingen zusammen zum Volkstanz.
In der Theater-AG lernte ich Doris kennen. Sie bekam oft die Hauptrollen. Sie war einfach unübertrefflich.
Einmal nahm ich sie mit nach Ruski Krstur. Doris war von der Gegend sehr angetan und mochte die Sprache. Wir wurden sogar zu einer russinischen Hochzeit eingeladen.
Eine traditionelle russinische Hochzeit läuft nach folgendem Muster ab:
Zunächst wird die Braut in ihrem Elternhaus von den Trauzeugen, engen Freunden und Verwandten und dem Bräutigam abgeholt. Die Trauzeugen verhandeln über den Preis der Braut und geben sie erst her, wenn der Preis stimmt, also genug Geld angeboten wird (das Gebot hoch genug ist). Anschließend gibt es für die Anwesenden ein Mittagessen. Und danach führt der Bräutigam die Braut in die Kirche.
Die Hochzeitsgäste folgen dem Brautpaar. Es sind meistens mehr als 100 Gäste eingeladen und sie dürfen ihre Freunde mitnehmen. Alle bekommen eine bestickte Schärpe aus weißem Leinen, an die ein Rosmarinzweig festgesteckt wird.
Nach der Trauung wird im Festsaal die Hochzeitsfeier eröffnet und es gibt einen Imbiss. Danach wird bis zum Abendessen getanzt und gefeiert. In der Regel spielt eine Kapelle und es wird oft Csardas getanzt. Zum Abendessen werden bestimmte Gerichte serviert: Hühnersuppe, gekochtes Fleisch, gegrilltes Fleisch, Krautwickel und Salat. Dazu wird Weißbrot gereicht. Zum Schluss dreht man den Teller um und dann kommt Torte oder Kuchen darauf.
Für Doris war der Besuch in Ruski Krstur eine richtige Attraktion. Dieses Erlebnis hat sie so sehr beeindruckt, dass sie später sogar, wie ich, Slawistik studierte.
Mit Wetzlar hatte ich immer weniger Kontakt. Wir fuhren nicht mehr so oft hin.
Das Abitur nahte. Was sollte aus mir werden.
In der Wohnscheibe, wo wir wohnten, befanden sich nur Sozialwohnungen und wir wollten aus diesem sozialen Brennpunkt weg. Das Geld war immer noch knapp und es war schwer für uns eine Wohnung zu bekommen.
Meine Eltern kauften sich eine Wohnung, da sie sie über ihren Arbeitgeber zu günstigeren Bedingungen bekamen. Das Geld war immer noch knapp.
Ich lernte Andreas kennen.
Andreas und ich lernten zusammen fürs Abitur. Wir schrieben die Prüfungen. Wir traten zu den Kolloquien an. Die Noten waren schlecht, aber wir haben bestanden.
Andreas und ich verlobten uns.
Ich schrieb mich an der Julius-Maximilians-Universität in Würzburg ein: Slawistik und Germanistik.
Andreas wählte Wirtschaftsingenieur an der Fachhochschule Schweinfurt.
Wir waren während der Woche in verschiedenen Städten.
1983 beschloss mein Bruder nach Serbien zu ziehen und dort weiter zur Schule zu gehen.
Ich war immer noch mit Andreas zusammen.
Er bekam einen Arbeitsplatz in Stuttgart und zog dorthin.
Wir haben Ende 1987 geheiratet. Seitdem lautet mein Nachname Prescher.
Ich bestand die Magisterprüfung und wohnte jetzt mit Andreas in Stuttgart.
Was sollte ich jetzt tun?

Verirrungen

Ich schrieb mich in Tübingen an der Eberhard-Karls-Universität für ein Postdiplomstudium ein.
In dieser Zeit lernte ich wieder eine interessante Person kennen: Lisa.
Sie studierte wie ich, Slawistik aber mit Anglistik als Nebenfach. Und Lisa kannte sich in Kirchengeschichte und Kirchenrecht aus und sie hatte gute Verbindungen zur katholischen Kirche in Süßen.
Wir arbeiteten zusammen als wissenschaftliche Hilfskräfte.
Ich bekam vorgeschlagen, eine Untersuchung des Ruthenischen im Hinblick darauf, ob es als Dialekt oder als eigenständige Sprache eingeordnet werden kann, vorzunehmen.
Dazu sollte ich in den ruthenischen Zentren Ruski Krstur, Kucura und Djurdjevo Interviews mit Ruthenen unterschiedlicher Altersgruppen führen.
In den Semesterferien reiste ich von einem ruthenischen Dorf zum anderen und interviewte verschiedene Personen.
Parallel bewarb ich mich auf Stellenangebote. Leider erfolglos.
Irgendwann wurde ich dann schwanger.
Dies änderte alles. Meine Tochter Alina kam 1991 zur Welt.
Ich unterbrach mein Postdiplomstudium. Ich habe leider nicht mehr an meiner Untersuchung für die Doktorarbeit weitergemacht.
Es waren andere Aufgaben zu bewältigen. Ein Kind zu erziehen ist nicht einfach.
Mit Lisa zusammen organisierten wir 1991 die ökumenische Trauung mit einem ruthenischen Pfarrer, der in Nürnberg griechisch katholische Messen für die Ruthenen aus der Umgebung abhielt und einem katholischen Pfarrer in Süßen. Der ruthenische Pfarrer Kiril Plancak und Pfarrer Kilian Hönle trauten Andreas und mich gemeinsam und anschließend wurde die Taufe meiner kleinen Alina gemeinsam vorgenommen.
Die deutschen Verwandten reisten mit dem Bus in Süßen an. Ich habe nicht so viele Verwandte in Deutschland aber alle kamen und sogar mein Großvater kam aus Ruski Krstur.
Ich war sehr glücklich darüber.
Doch überschatteten damals die politischen Ereignisse mein Glück. In meinem Jugoslawien nahm das Verhängnis seinen Lauf. Es begannen die Jugoslawienkriege.
1994 wurde dann mein Sohn Andrej geboren und wir kamen 1995 aus beruflichen Gründen nach Heilbronn.
Mein drittes Kind, mein Töchterchen Mariangela, kam 1997 in Bad Friedrichshall zur Welt.
Sie studiert jetzt auch Slawistik.












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